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Aus: Ausgabe vom 01.02.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
10 Jahre Protestbewegung

Ende der Indifferenz

Stuttgart: Der Protest gegen »Stuttgart 21« hat die Stadtgesellschaft politisiert – bis heute
Von Tilman Baur
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Deutliche Worte: Zaun der Großbaustelle am Stuttgarter Hauptbahnhof (5.2.2013)

Bagger rollen. Kräne ragen in den Himmel. Kipplaster dröhnen über das Gelände. Bauarbeiter bewegen sich ameisenhaft in einem Meer aus Stahl und Beton. Die Großbaustelle für das Bahnprojekt Stuttgart 21 im Herzen der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist mittlerweile ein fester Bestandteil des Stadtbilds geworden. Es erscheint kaum vorstellbar, dass sie einmal weichen wird.

Für die noch immer zahlreichen Gegner des Projekts, die sich am Montag zum 500. Mal vor dem Hauptbahnhof versammeln, ist das auch längst nicht sicher. Ganz im Gegenteil: Eine Endlosbaustelle scheint ihnen als realistischer zu sein. Die Protestler haben sich, wie die Baustelle selbst, mit ihrer Anwesenheit fest ins Bewusstsein der Stadt eingegraben. Schon seit mehr als zehn Jahren treffen sie sich jeden Montag. Viele von ihnen glauben nicht daran, dass der Tiefbahnhof jemals in Betrieb gehen wird. Die Argumente tragen sie Woche für Woche vor.

Eines davon ist der Hinweis auf den möglicherweise mangelhaften Brandschutz in den Tunneln, die im Rahmen des Projekts gebaut werden. Der Projektgegner und international bekannte Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim hat sie als Krematorium bezeichnet. Dazu kommt ein weiteres Tunnelproblem: Große Teile der Röhren führen durch Gipskeuper, eine Gesteinsschicht, die aufquellen kann, wenn sie in Berührung mit Wasser kommt, weil sie das Mineral Anhydrit enthält. Die Tunnel würden dem dadurch entstehenden Druck nicht standhalten, sagen die Kritiker.

Auch die Entwicklung der Kosten und die Frage, wer dafür aufkommen soll, sind nicht geklärt. Bekanntlich hatten die Verantwortlichen die Kosten für das Projekt bei Baubeginn im Jahr 2010 auf 4,1 Milliarden Euro taxiert. Zehn Jahre später haben sich die Kosten nach offiziellen Angaben auf 8,2 Milliarden verdoppelt. Der Bundesrechnungshof geht von mehr als zehn Milliarden Euro aus.

All das macht verständlich, warum auch ein Jahrzehnt nach der Hochphase des Protests immer noch immer Menschen auf die Straße gehen. Die Bedeutung der Montagsdemonstrationen beschränkt sich aber nicht auf die Gegnerschaft zu einem Bahnhofsprojekt und die damit verbundenen städtebaulichen Eingriffe und verschwendeten Gelder. Sie markiert vielmehr das Aufwachen der Bevölkerung einer satten, reichen Landeshauptstadt aus dem jahrzehntelangen Dämmerschlaf politischer Indifferenz. Wer vor 2010 von einem »politischen Stuttgart« sprach, konnte nur einen überschaubaren Zirkel gut vernetzter Kommunal- und Landespolitiker meinen, die sich einem scheinbar fügsamen und im öffentlichen Raum kaum sichtbaren Volk gegenübersahen. Das hat sich seither gründlich geändert.

Wie sehr dieser Schein trog, zeigte sich spätestens im Spätsommer 2010. Damals setzte die Polizei bei einer Demonstration mit Billigung von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcke ein, um der aufbegehrenden Masse Einhalt zu gebieten. Hunderte Menschen wurden verletzt. Das Foto eines Mannes, der durch die Wasserstrahlen sein Augenlicht verlor, prägte bundesweit das Bild einer repressiv agierenden und abgehobenen politischen Elite, die sich gegen friedliche Demonstranten nur mit Aggression zu wehren wusste.

Die Quittung folgte nur ein halbes Jahr später, als der Bahnhofsprotest und die Atomkatastrophe von Fukushima mit Winfried Kretschmann erstmals einen Grünen in die Villa Reitzenstein spülten, den Sitz des Ministerpräsidenten. Die Hoffnungen vieler Teilnehmer, dass mit dem Einzug des einstigen Projektkritikers Kretschmann das Ende von »S21« eingeläutet wäre, mussten diese aber schnell wieder begraben. Bis heute beruft sich Kretschmann auf das Ergebnis einer Volksabstimmung vom Herbst 2011. Damals hatten knapp 60 Prozent der Baden-Württemberger entschieden, das Land solle das Großprojekt weiter finanzieren; sie gaben damit grünes Licht für die Fortführung von Stuttgart 21.

An die Umstände des Zustandekommens denken dabei heute nur noch wenige. Verängstigt von angeblichen Ausstiegskosten von 1,5 Milliarden Euro und ermüdet von den monatelangen Auseinandersetzungen, stimmten wohl viele Bürger für die Fortführung, um endlich Ruhe zu haben.

Ein beträchtlicher Teil von ihnen dürfte die Entscheidung angesichts fast wöchentlicher Hiobsbotschaften längst bereut haben. Selbst die Bahn hatte bereits vor sieben Jahren, nach Bekanntwerden einer erneuten Kostenexplosion, einen Ausstieg in Erwägung gezogen, den Kretschmann und der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) aber mit Hinweis auf das Ergebnis der Volksbefragung ablehnten. Der Protestbewegung geben diese vielen Widersprüche und Ungereimtheiten bis heute genug geistiges Futter, um zu überleben und, wenn auch merklich geschrumpft, weiterzumachen – wenn nötig, noch zehn weitere Jahre.

Symbole des Protests

Jeder in Stuttgart kennt ihn: Den Schriftzug in der Optik eines Ortsschilds mit der Aufschrift »Stuttgart 21«, mit einer diagonal verlaufenden Linie rot durchgestrichen. Er entwickelte sich schnell zum Symbol des Protests. Bis heute ist er im öffentlichen Raum omnipräsent. Man sieht ihn als Button, als Aufkleber auf Stahlrahmen alter Drahtesel oder teurer E-Bikes, auf Jutetüten und auf der Rückseite von Autos, auf Bannern und Transparenten. Es würde nicht wundern, wenn er einmal im Museum landete.

Tatsächlich hat es die Kulturverwaltung früh verstanden, den Protest zu musealisieren. Bereits kurz nach der Volksabstimmung im Herbst 2011 stellte das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in einer Sonderschau den Bauzaun aus, der ein Jahr zuvor zum Abriss des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof aufgestellt worden war. Projektgegner hatten den Zaun mit unzähligen Zetteln und Transparenten voller Schmähungen und Beleidigungen behangen und so eine Art Kultstätte geschaffen.

Eine solche Kultstätte ist auch die Mahnwache für Stuttgart 21, ein kleines Häuschen gegenüber dem Hauptbahnhof. Aktivisten versorgen dort Interessierte mit Flugblättern, Flyern und sonstigem Infomaterial. Eine von ihnen ist Doris Zilger, die sich in ihrem Bezirk in einer »Obenbleiber«-Gruppe engagiert (der Schlachtruf der Bahnhofsgegner des Tiefbahnhofs lautet »Oben bleiben«) und die Mahnwache maßgeblich mit aufgebaut hat. Über mangelndes Interesse kann sich Zilger nicht beklagen. Es seien mittlerweile vor allem Menschen aus der Region, die vor der Hütte stehen bleiben und sich über den Stand der Dinge erkundigen würden, sagt sie.

Gleiches muss über die Baustelle selbst gesagt werden. Am »Tag der offenen Baustelle«, der jeden Januar stattfindet, rennen Besucher der Bahn regelrecht die Türen ein, und auch an den Baustellenführungen nehmen immer mehr Menschen teil. 170.000 waren es im vergangenen Jahr. Ob aus technischer Neugier oder aus Schadenfreude, ist nicht geklärt. Ein Highlight dabei sind die massiven Kelchstützen, die die Decke des Tiefbahnhofs in ferner Zukunft tragen sollen.

Der Düsseldorfer »S21«-Architekt Christoph Ingenhoven hat die zwölf Meter hohen und 32 Meter breiten Kolosse entworfen. Bei den Bahnhofsgegnern macht er damit keinen Eindruck. Vielmehr hat auch er sich zu einem Feindbild der Bewegung entwickelt, auch wenn er in der Stadt kaum präsent war. Warum er sich so selten blicken ließ, sagte er dem Spiegel bereits vor zwei Jahren: »Im Vergleich zu anderen Städten zählt Stuttgart bisher nicht zu den attraktivsten Orten. Aber nun darf sich die Stadt neu erfinden. Diese Chance geben wir ihr. Soll sie etwas daraus machen!« (tb)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Joachim Becker: Zur Not mit Gewalt Bisher haben die Proteste den Bau des Großprojekts »S 21« nicht stoppen können. In der kapitalistischen Gesellschaft werden die Interessen des Kapitals, wenn nötig, auch mit Gewalt durchgesetzt. Und d...
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