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Aus: Ausgabe vom 31.01.2020, Seite 15 / Feminismus
Estnische Kommunistin

Spurlos verschwunden

Zum 100. Geburtstag der estnischen Kundschafterin Leen Kullman, einer »Heldin der Sowjetunion«, deren Schicksal bis heute ungeklärt ist
Von Cristina Fischer
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Helene Kullman, genannt Leen, und ihre Zwillingsschwester Anna mit dem Rufnamen Anu wurden am 31. Januar 1920 in Tartu, der zweitgrößten Stadt der Republik Estland, geboren. Ihr Vater war Schuhmacher. Nach seinem Tod 1932 blieb die Mutter mit den zahlreichen Kindern mittellos zurück.

Leen hatte das Glück, von einem befreundeten wohlhabenden Paar aufgenommen zu werden, deren Tochter tödlich verunglückt war. Der Adoptivvater, ein Kapitän, nahm das Mädchen in den Sommerferien auf Schiffsreisen durch ganz Europa mit. Durch seine Unterstützung konnte Leen nach dem Besuch einer Mittelschule die Pädagogische Schule in Tartu und später das Pädagogische Seminar in der Hauptstadt Tallinn besuchen, das sie 1941 als ausgebildete Lehrerin beendete. 1940 war Estland an die UdSSR angeschlossen und zur Sowjetrepublik erklärt worden. Der Freund von Leens Schwester Olga war Kommunist, und auch Leen trat im Herbst des Jahres dem kommunistischen Jugendverband Komsomol bei.

Die junge Frau wurde Pionierleiterin und später Komsomol-Sekretärin einer Mittelschule in Tartu. Nach Kriegsbeginn half sie bei der Evakuierung der Stadt und wurde selbst nach Tscheljabinsk am Ural versetzt, wo sie in einer Kolchose arbeitete. Estland wurde von den Deutschen okkupiert und gehörte nun wie das ganze Baltikum zum »Reichskommissariat Ostland«. Leens Gesuche, an die Front zu gehen, wurden zunächst abgelehnt, doch im Dezember 1941 durfte sie sich der estnischen Schützendivision als Krankenschwester anschließen.

Nachdem ihr Freund vor ihren Augen an Typhus gestorben war, meldete sie sich als Kundschafterin zur Baltischen Flotte. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Funkerin an einer Militärschule bei Leningrad, wo sie die spätere Übersetzerin Jewgenija Kazewa kennenlernte, die dort unterrichtete. Der Leiter der Schule, Oberst Frumkin, beurteilte Leen als »politisch gebildete, kultivierte Komsomolzin«, die großes Interesse am Kriegsverlauf und Begeisterung über die sowjetischen Siege zeige. Sie habe den glühenden Wunsch, »bei der Vernichtung des faschistischen Okkupanten mitzuhelfen«. Es sind auch entsprechende Briefe an eine ihrer Schwestern überliefert.

In der Nacht vom 14. September 1942 wurde Leen mit einem Flugzeug per Fallschirm in der Nähe ihrer Heimatstadt Tartu abgesetzt. Bereits am Morgen funkte sie, alles sei in Ordnung, sie beginne mit der Erfüllung ihrer Aufgabe. Am Abend berichtete sie erste Beobachtungen. In den nächsten drei Monaten setzte sie Dutzende Funksprüche mit Angaben über deutsche Truppen und Schiffe in der Region sowie über den Zustand der Häfen ab. Zuletzt lebte sie auf dem etwas abseits gelegenen Landhof einer ihrer Schwestern in der Nähe der südestnischen Kleinstadt Voru. Ihre letzten beiden Funksprüche erreichten die Zentrale am 1. Januar 1943. Einer davon war an ihre Dozentin Kazewa gerichtet, der sie Neujahrswünsche übermittelte. Mittlerweile war es den Faschisten gelungen, sowjetische Kundschafter in Estland gefangenzunehmen und von ihnen Informationen zu erpressen. So kam man auf Leens Spur. Sie wurde am 2. Januar zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Schwager verhaftet, das Funkgerät im Haus entdeckt. Nach offiziellen sowjetischen Angaben hat Leen bei den Verhören geschwiegen. Sie sei am 6. März 1943 von einem einheimischen Wachmann im Gefängnis von Tartu oder Pskow willkürlich erschossen worden.

Zwei estnische Journalisten haben diese offizielle Version im Jahr 2000 in Frage gestellt. In den regionalen Archivunterlagen gäbe es keinen Hinweis auf eine Hinrichtung Leens. Laut dem Report des Nazioffiziers, der sie damals verhört hatte, habe sie bereitwillig Aussagen gemacht und sich sogar zur Kooperation mit den Deutschen bereit erklärt – vermutlich um ihre Familie zu retten, die fast komplett verhaftet worden war. Ihre erst 16jährige Schwester Regina war im Februar 1943 zum Tode verurteilt worden, später wurde sie begnadigt.

Ziemlich spät, aber aufgrund von damals für eindeutig gehaltenen Informationen über ihr Leben und ihren Märtyrertod erhielt Leen Kullman am 8. Mai 1965 den Ehrentitel »Held der Sowjetunion«. Doch ihrer Familie wurde eine anonyme Nachricht zugespielt, dass Leen von »ihrem Retter« nach Deutschland mitgenommen worden sei und dort eine Familie gegründet habe. 1978 soll dann Radio Liberty, ein antikommunistischer, von den USA finanzierter Sender in Osteuropa, ihren Tod gemeldet haben.

Die Tochter ihrer 2013 verstorbenen Zwillingsschwester Anu, Dr. Bellis Kullman, hat auf Anfrage mitgeteilt, die Familie halte beide Versionen für möglich. Nach wie vor sei man an der Aufklärung von Leens Schicksal sehr interessiert. Bis heute gibt es keine neuen Informationen über sie.

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