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Aus: Ausgabe vom 30.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Chinesenhasser des Tages: Bürgerliche Journaille

Von Sebastian Carlens
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Rezepte für den Völkerhass: Springers Presseportfolio

Viren sind keine Rassisten. Sie interessieren sich nicht für Hautfarbe, Nation oder die Form des menschlichen Augenlids. Sie befallen den, der das Unglück hat, infiziert zu werden; sie töten diejenigen, deren Immunsystem nicht stark genug ist, sich ihrer zu erwehren. Deutschlands Massenmedien sind, vereint im unbändigen China-Hass, deutlich schlimmer: Denen geht es nicht nur um das politische System der Volksrepublik, das sie bekanntlich nicht leiden können. Was sie im tiefsten Grunde umtreibt, zeigt sich dieser Tage, während ein neuartiges Virus immer mehr Opfer fordert: »der Chinese« an sich.

»Bisher 132 Coronavirus-Tote: Können wir den Chinesen vertrauen?«, brüllt die Bild-Schlagzeile und gibt zur Assoziation frei: 1,4 Milliarden, ein Fünftel der Menschheit, potentielle Virenschleudern, gefährliche Krankheitsherde. Was daraus folgt, überlässt das Hetzblatt der kaputtkonditionierten Leserschaft: stigmatisieren, aussondern, wegschaffen. Springers Hausknecht Joshua Wong wird dazu in der Welt vom Hongkong-Separatisten zum Virologen befördert: »Die chinesische Regierung dürfte das Ausmaß vertuschen.« Am selben Tag, aber sicher nur zufällig, bringt das Blatt den Artikel »›Gelbe Gefahr‹: Die ewige Angst vor dem Chinesen«. Der handelt zwar von etwas ganz anderem, doch nun dürfte es auch dem Dümmsten dämmern: Hier ist Panik angebracht.

Anstatt sich in dieser schwierigen Lage menschlich, also nachdenklich, mitleidend, solidarisch mit den von der Krankheit betroffenen Menschen zu zeigen – oder vielleicht gar anzuerkennen, was der Rest der Welt ohne Probleme kann: dass China tut, was es vermag, um die Ausbreitung des Erregers einzudämmen –, wird gemeinster rassistischer Hass geschürt.

Man muss hoffen, dass die BRD nie dergleichen durchzumachen hat. Mit Bürokratie à la Berlin und Krankenhausbau im BER-Tempo käme das schlicht kollektivem Selbstmord gleich.

Debatte

  • Beitrag von Matthias G. aus G. (29. Januar 2020 um 21:42 Uhr)
    Auf der Abbildung fehlt die FAZ. Ich habe vor zwei Wochen im ICE in dem Blatt geblättert und drei Artikel mit deutlich antichinesischem Touch gefunden. Das läuft natürlich alles unter dem Mäntelchen des »Qualitätsjournalismus« ...

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: In alter Tradition Waren es im Mittelalter die bösartigen Juden, die Brunnen vergifteten, für Missernten und Hungersnöte oder gar für die europaweite Ausbreitung der Pest verantwortlich waren, so sind es heute die hinte...

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