Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Gegründet 1947 Freitag, 21. Februar 2020, Nr. 44
Die junge Welt wird von 2228 GenossInnen herausgegeben
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Aus: Ausgabe vom 27.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Das Problem aller Probleme

Tod dem Bourgeois in uns: Eine Werkausgabe erschließt die aristokratische Kommunistin Hermynia Zur Mühlen
Von Werner Jung
Hermynia Zur Mühlen
»Eine alarmierende Einmaligkeit«: Hermynia Zur Mühlen (Zeichnung von Emil Stumpp aus den späten 1920er Jahren)

Zunächst und überhaupt: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Wüstenrot-Stiftung sind dafür zu loben, dass sie seit einigen Jahren bereits in preiswerten, liebevoll ausgestatteten und bestens kommentierten (Auswahl-)Editionen das Werk vergessener oder nur wenig bekannter Autorinnen wieder zugänglich machen. Nun hat der Herausgeber Ulrich Weinzierl den Editionen von Irmgard Keun und Annette Kolb eine neue Hermynia-Zur-Mühlen-Ausgabe hinzugefügt, die hoffentlich dazu beitragen wird, auf diese nur versierten Kennern der österreichischen Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannte Autorin aufmerksam zu machen.

Hermynia Zur Mühlen, geborene Gräfin Hermine Isabelle Maria Folliot de Crenneville-Poutet, war die einzige Tochter eines österreichischen Diplomaten. Sehr früh schon hatte das aufgeweckte Mädchen, wie die spätere Autorin in ihrer autobiographischen Prosa »Ende und Anfang. Ein Lebensbuch« (1929) ausführlich schildert, ein starkes Interesse an sozialen Fragen und Problemen, insbesondere dem »Problem aller Probleme, Reichtum und Armut«, wie sie schreibt. Sie macht zunächst das Volksschullehrerexamen, schließlich noch eine Ausbildung zum Buchbinder; doch statt zu arbeiten, was ihr der Vater verbietet, heiratet sie den Gutsbesitzer Viktor von zur Mühlen und lebt bis 1912 auf dessen Landgut in Livland. Nach der Scheidung und Rückkehr nach Deutschland tritt sie der KPD bei und verfasst während der 20er und frühen 30er Jahre in rascher Folge eine ganze Reihe von Kinder- und Jugendbüchern sowie Erzählungen und Romanen, denen man guten Gewissens das Label »Agitprop« anheften darf. Gemeinsam mit ihrem späteren zweiten Mann, dem jüdischen Publizisten Stefan I. Klein, flieht sie vor den Nazis zunächst nach Wien, dann in die CSR und endlich 1939 nach England, wo sie bis zu ihrem Tod am 20. März 1951 weiter publizistisch und literarisch wirkt, nachdem sie sich Mitte der 30er Jahre bereits aus der KPD zurückgezogen hatte.

Ulrich Weinzierl zeichnet in seinem Nachwort das Bild einer engagierten Autorin, die er zu Recht eine »kommunistische Katholikin« nennt. Dabei greift er an einer Stelle auf ein bemerkenswertes Zeugnis des ungarischen Schriftstellers Sandor Marai zurück, der seine Freundin Hermynia Zur Mühlen, mit der er Anfang der 20er Jahre in Frankfurt am Main zeitweilig unter einem Dach gehaust hat, u. a. so beschreibt: »Sie war groß von Wuchs und krankhaft mager; in ihrem bis auf die Knochen eingefallenen Gesicht lebten nur die beseelten Augen, von Todesfurcht geadelte, in menschlicher Solidarität warm leuchtende Augen. (…) Wo wir in der Stadt auftauchten, empfingen uns feindselige Blicke, denn von dieser Frau ging etwas Außergewöhnliches aus, eine alarmierende, anziehende Einmaligkeit, das Strahlen einer in Schmerz, Erkenntnis und Leidenschaft geläuterten Seele. Die Menschen verstummten, sobald wir irgendwo eintraten.« Und Marai endet: »Ich lebte fügsam in ihrer Nähe, duldete ihre Aggressivität und ihre Verschrobenheiten; nie wieder habe ich einen Menschen, noch dazu eine Frau, so seltsam, bescheiden und traurig ertragen wie diese ungewöhnliche Gräfin. Das Schicksal wartete ihr mit leidvollen Lebensformen auf, die sie trotzig und rebellisch ertrug. Sie war Aristokratin im innigsten, im menschlichen Sinn des Wortes.«

Weinzierls vierbändige Ausgabe präsentiert – natürlich – nur eine Auswahl aus dem umfangreichen Œuvre Zur Mühlens. »Ziel war es und ist es«, bemerkt er in seiner editorischen Notiz in Band IV, »möglichst viele Facetten und Aspekte eines vielfältigen, auch disparaten Werks zu zeigen – voll von Brüchen und Widersprüchen (…).« So verzichtet die Auswahl grundsätzlich auf alle Übersetzungen (u. a. von Upton Sinclair, für dessen Verbreitung Zur Mühlen in Deutschland gesorgt hat), auf ihre teilweise unter Pseudonymen veröffentlichten Kriminalromane (die man zum Beispiel in der heute noch lieferbaren zweibändigen Zur-Mühlen-Ausgabe in der Reihe »Exil-Dokumente« von 2002 aus dem Lang-Verlag lesen kann) sowie auf sogenannte Unterhaltungsromane. Wiewohl sich natürlich immer trefflich über Auswahlkriterien streiten lässt, so kann man doch feststellen, dass es Weinzierl durchaus gelungen ist, mit seiner Edition eine weitgehend vergessene Autorin dem heutigen Lesepublikum vorzustellen: eine Autorin, aus deren gelungenen (Prosa-)Arbeiten – Romanen wie dem satirischen »Unsere Töchter, die Nazinen« (1935; Bd. II), Erzählungen wie »Schupomann Karl Müller« (1924; Bd. III) oder in autobiographischer Prosa sowie Märchen – ein ethischer Rigorismus spricht, für den die Fragen nach Recht und Gerechtigkeit weniger eine politische denn vielmehr eine innere und existentielle Angelegenheit sind. Zur Mühlens Hass auf die Bourgeoisie und einen dekadenten Adel prägen ihr Schreiben, in dem immer wieder eine Art Kommunismus des Gefühls durchscheint. Sie hat ihr eigenes Werk denn auch im poetologischen Sinne sowohl als Aufklärung, als auch Unterhaltung begriffen. So heißt es bereits in dem frühen Feuilletonbeitrag »Tod des Bourgeois« für die expressionistische Zeitschrift Die Erde von 1919: »Tod und Vernichtung dem Bourgeois! Vor allem aber dem Bourgeois in uns selbst, dem gefährlichsten Helfershelfer des anderen!!!«

Hermynia Zur Mühlen: Werke. 4 Bde. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot-Stiftung ausgewählt und herausgegeben von Ulrich Weinzierl, mit einem Essay von Felicitas Hoppe. Zsolnay-Verlag, Wien 2019, 2.432 Seiten, 49 Euro

Mehr aus: Feuilleton

In Zeiten von Desinformation, Sozialabbau und Kriegsvorbereitung brauchst Du eine progressive Tageszeitung mehr denn je.
Mit einem Abo Dich selbst und die junge Welt stärken und den herrschenden Verhältnissen etwas entgegensetzen: