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Aus: Ausgabe vom 27.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Sehen lernen

Wie der Impressionismus nach Deutschland kam: Eine Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste über Max Slevogt
Von Julia Machhausen
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Von oben herab: Max Slevogts leicht süffisante »Dame in Braun« (1908)

Im Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK) geht seit dem 17. Januar die dreiteilige Ausstellung »Impressionismus in Leipzig 1900–1914« über das »Dreigestirn« des deutschen Impressionismus in die zweite Runde. Nachdem zunächst das Schaffen Max Liebermanns (noch bis 16. Februar) im Mittelpunkt der Schau stand, ist der zweite Teil Max Slevogt (1868–1932) gewidmet (19. April). Ab dem 26. Februar werden schließlich noch Werke von Lovis Corinth hinzukommen. Damit will das Museum die mittlerweile fast vergessenen Leipziger Personalausstellungen von Liebermann, Slevogt und Corinth zwischen 1904 und 1911 rekonstruieren und die Bedeutung der Stadt für die Verbreitung des Impressionismus in Deutschland herausstellen.

Seit 1910 hatte es in Leipzig keine derart umfassende Slevogt-Schau gegeben. Es bot sich daher an, nicht nur dessen Werk, sondern auch die mit diesem verbundene Stadtgeschichte zu behandeln. So soll der Einfluss der gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen um die Jahrhundertwende auf Slevogts Malerei aufgezeigt werden. Kurator Marcus Hurttig wies bei seiner Eröffnungsrede auf die Parallelen zu gegenwärtigen Entwicklungen hin: Während Leipzig damals durch die Folgen der Indus­trialisierung geprägt wurde, ist es heute die Digitalisierung, die das Leben der Menschen nachhaltig verändert. Damals wie heute fand beispielsweise ein steter Bevölkerungszuwachs statt, der die Mieten in die Höhe schießen ließ.

Anhand der 17 Leihgaben aus ganz Deutschland lässt sich Slevogts künstlerischer Werdegang gut nachvollziehen. Der 1868 in Landshut geborene Künstler zeigte schon früh herausragendes Talent. Nach dem Besuch der Akademie der bildenden Künste zu München kam er während seiner Frankreich-Reisen in Kontakt mit dem dortigen Impressionismus. Seine neuen Einflüsse wurden zu Hause denkbar schlecht aufgenommen. Bei einer Ausstellung der Münchener Sezession 1899 schimpfte man ihn wegen seiner »obszönen Verunglimpfung« der griechischen Klassik »Slevogt, der Schreckliche«, sein Bild »Danaë« wurde aus der Ausstellung entfernt. Die ungewohnte Perspektive und eine lebhaftere Pinselführung waren zuviel für die Münchner. Slevogt kehrte der konservativen Heimat den Rücken und ließ sich in Berlin nieder, wo er rasch großen Erfolg hatte. Aus dieser Zeit stammen viele ausdrucksstarke Porträts, von denen unter anderen die leicht süffisant auf den Betrachter hinabblickende »Dame in Braun« in der Ausstellung zu sehen ist.

Die Impressionisten versuchten den flüchtigen Moment festzuhalten, Licht und Atmosphäre einzufangen. Slevogts Farbpalette war im Gegensatz zu der der durchweg auf dunkle Farben verzichtenden französischen Maler lange noch von finsteren Erdtönen dominiert worden, bevor sich auch dessen Spektrum allmählich aufhellte. Auch die Heftigkeit seines Ausdrucks, die sich in der Ausstellung gut an einer Reihe Landschaftsbilder nachempfinden lässt, würde man nicht unmittelbar mit der impressionistischen »Wohlfühlmalerei« assoziieren. Doch gerade dieser schnelle, intensive Pinselstrich zeichnet Slevogt aus und rückt ihn näher ans Ideal der impressionistischen Kunstauffassung als Liebermann und Corinth.

Nichtsdestotrotz war Slevogt der am wenigsten Berühmte der drei, was hauptsächlich seinem zurückhaltenden Wesen geschuldet sein dürfte. Obgleich der Berliner Lifestyle seiner Karriere zugute kam, fühlte er sich den extrovertierten Persönlichkeiten der Kunstszene und dem Bohemetrubel der Stadt fremd, weshalb er sich 1914 in die Abgeschiedenheit der Pfalz zurückzog. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges verpflichtete er sich als Kriegsmaler an der Westfront. Aus dieser Zeit stammt sein vielzitierter Ausspruch »Das Auge sieht, was es sucht, und was es nicht versteht, sieht es nicht«. Obgleich sich Slevogt damit wohl in erster Linie auf ästhetische Wahrnehmungsmechanismen bezog, passt der Satz auch zum Ausblenden verstörender Eindrücke an der Front. Zu diesem Einschnitt in seinem Leben erfährt man in der Leipziger Schau leider wenig. Dennoch bietet sie einen umfassenden Überblick über Slevogts Leben und Werk und ist gerade aufgrund der Möglichkeit zum Vergleich mit seinen beiden Zeitgenossen sehr sehenswert.

»Impressionismus in Leipzig 1900–1914: Liebermann Slevogt Corinth«, bis 1. Juni, Museum der bildenden Künste, Leipzig

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