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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ohrenklappen an der Schapka

Von Arnold Schölzel
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Redet der deutsche Qualitätsmedienschaffende über Libyen, dann wird’s so fanfarenmäßig wie bei Volker Schwenck vom ARD-Hauptstadtstudio. Der lyrisierte in seinem Kommentar für die »Tagesthemen« am vergangenen Sonntag: »Es waren französische, britische und amerikanische Kampfflugzeuge, die Ghaddafi damals kampfunfähig machten und schließlich stürzten.« Das »kampfunfähig machen« bestand in der viehischen Ermordung des libyschen Revolutionsführers Muammar Al-Ghaddafi. Der wurde am 20. Oktober 2011 unter Aufsicht der »Wertegemeinschaft« erschlagen und gepfählt. Seit 31. März 2011 hatte die NATO den Krieg übernommen. Die Afrikanische Union, die buchstäblich bis zum ersten von insgesamt mehr als 20.000 Lufteinsätzen des Paktes Frieden vermitteln wollte, wurde wie Luft behandelt. Die »Neger« geht ja wohl »unser« Öl nichts an. Ordinäre Schlächter: Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy fürchtete, dass Ghaddafis 50-Millionen-US-Dollar-Wahlgeschenk an ihn nachweisbar werden könnte. Auf Youtube ist das Video abrufbar, in dem US-Außenministerin Hillary Clinton im CBS-Studio zum Mord laut lacht: »Wir kamen, wir sahen, er starb.« Sie hatte von Anfang an auf Tod bestanden, und Wladimir Putin hatte das nach dem Abwurf der ersten »Bunkerknacker« auf die Residenz Ghaddafis im April 2011 schon benannt. Er soll beim Ansehen des Mordvideos gesagt haben: »Das machen die nicht mit mir.«

So etwas heißt in der ARD »kampfunfähig machen«. Schwenck plagt allein die Sorge, dass die Deutschen sich nun wieder »wegducken« wie 2011, als sie keine Truppen, aber ausreichend Logistik zur Verfügung stellten. Kernsatz: »Dass Libyen danach im Chaos versank, lag übrigens nicht an der Militärmission.« Der Westen habe nach der das Land vergessen. Nun ja. Aber es gibt Hoffnung. Wieder »Militärmission« – die Vokabel Krieg wird überschätzt? »Aber diesmal bitte mit der Bundeswehr«.

Deutschland ist schließlich in einem Zweifrontenkrieg, wie einem Artikel von Redakteurin Livia Gerster und Moskau-Korrespondent Friedrich Schmidt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) zu entnehmen ist. Überschrift: »Unter starken Männern«, gemeint sind der Türke Erdogan und der Russe Putin. Der ist der stärkste, denn im Süden wie im Osten geht es gegen ihn. Beweis: Militärführer Khalifa Haftar, der gegen die in Tripolis installierte Regierung kämpft, »ist in Moskau ein alter Bekannter«: Ausgebildet in der Sowjetunion, »mehrfach« in der russischen Hauptstadt, und: »Ein älteres Foto zeigt den Warlord vor den Türen des Moskauer Außenministeriums. Er trägt eine schwarze Lederkappe mit Fellfutter und Ohrenklappen, wie sie ältere Russen gern aufhaben.« Die Ohrenklappen an der Schapka vorm Haus von Sergej Lawrow, das ist der rauchende Colt. Haftar führte zwar ab 1987 eine von Washington bezahlte Anti-Ghaddafi-Truppe in Libyen, lebte mehr als 20 Jahre in den USA, wurde deren Staatsbürger, war CIA-Mitarbeiter und flugs 2011 beim »Kampfunfähigmachen« wieder dabei – na und?

Nicht erwähnenswert, jedenfalls nicht in der FAS. Der Rest ist geopolitische Küchenpsychologie, Gerster und Schmidt zerbrechen sich die Köpfe von Erdogan und Putin. Da »träumt« der eine »von einem neuen Osmanischen Reich«, kann aber nicht so, wie er will. Und die Möglichkeiten des Russen sind auch begrenzt, aber: »Vom Westen unterstützte Bewegungen gegen kremltreue Autokraten nimmt Putin nicht erst seit der ukrainischen Revolution persönlich.« Vielleicht, weil er sich das Video von der Ermordung Ghaddafis angesehen hat? Vielleicht, weil er im Gegensatz zu fast allen FAS-Lesern die Parolen der Maidan-Putschisten versteht? Oder er ist – harte Schale, weicher russischer Keks – ein Sensibelchen. Aufklärung demnächst im Frankfurter Psychoblatt.

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