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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 7 / Ausland
Historische Wahrheit

Putin ins Zentrum gerückt

Streit mit Polen nicht fortgesetzt. Statt dessen Erinnerung an Vernichtungspläne gegen slawische Völker
Von Knut Mellenthin
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Erinnerung an die 750.000 Opfer der Leningrader Belagerung durch die Wehrmacht: Putin und Netanjahu am Donnerstag in Jerusalem

Für viele Medienvertreter stand offenbar Russlands Präsident Wladimir Putin im Mittelpunkt der Feierlichkeiten, die am Donnerstag anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Streitkräfte in Jerusalem stattfanden. Dies war zumindest der (kritische) Tenor der folgenden Berichterstattung.

Aber die aus Sicht der meisten Israelis wichtigste Frage im Zusammenhang mit Putins Besuch blieb zunächst noch unbeantwortet: Wann kommt die 26jährige Israelin Naama Issachar frei, die im April 2019 während ihres Rückflugs von Indien nach Tel Aviv bei einem Zwischenaufenthalt auf dem Moskauer Flughafen wegen 9,5 Gramm Cannabis in ihrem Gepäck festgenommen und später zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde? Bei einem Treffen mit ihrer Mutter, das der israelische Premier Benjamin Netanjahu arrangiert hatte, versprach Putin beruhigend, dass »alles gut« werde. Am Freitag teilte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow jedoch mit, dass eine Begnadigung der Rucksacktouristin durch den Präsidenten noch nicht möglich sei, da sie diese bisher nicht förmlich beantragt habe.

Putin hielt am Donnerstag in Jerusalem zwei Reden: die erste bei der Einweihung eines über acht Meter hohen Mahnmals zur Erinnerung an die fast 900 Tage dauernde Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht, die zweite bei der Hauptveranstaltung in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Während der Blockade durch die Deutschen starben in Putins Heimatstadt mehr als 750.000 Menschen durch Hunger, Krankheiten, Artilleriebeschuss und Bombenangriffe. An der Einweihung nahmen unter anderem Netanjahu, Präsident Reuven Rivlin und rund 70 Überlebende der Belagerung teil. Netanjahu hob in seiner Ansprache hervor, dass niemand »auch nur einen Moment lang« die Opfer und den aktiven Beitrag der früheren Sowjetunion bei der Überwältigung des »Naziungeheuers« und bei der »Rettung der Welt vor der Tragödie« verschleiern dürfe.

Diese Bemerkung richtete sich offenbar gegen Geschichtsinterpretationen der polnischen Regierung. Diese hatte im Vorfeld der Gedenkfeiern nicht nur die entscheidende Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Europas vom Faschismus bestritten, sondern der UdSSR auch eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg vorgeworfen. Putin hatte mit Hinweisen auf den starken polnischen Antisemitismus reagiert, der das Land zeitweise zu einem Verbündeten Hitlers gemacht habe. Polens Präsident Andrzej Duda hatte es daraufhin abgelehnt, an den Veranstaltungen in Jerusalem teilzunehmen, da es ihm in Gegensatz zu Putin nicht erlaubt worden sei, dort eine Rede zu halten.

Der polnische Premier Mateusz Morawiecki setzte den Streit mit einem am 21. Januar veröffentlichten Beitrag für das US-Nachrichtenportal Politico fort. Darin wiederholte er die seit Jahrzehnten vorgetragene polnische Behauptung, die sowjetischen Streitkräfte seien dem Aufstand der »Heimatarmee« in Warschau (1. August bis 2. Oktober 1944) nicht zur Hilfe gekommen, obwohl sie das angeblich gekonnt hätten. Dadurch habe sich die Befreiung des KZ Auschwitz um ein halbes Jahr verzögert, so dass die Sowjetunion auch noch eine Mitschuld an den sogenannten Todesmärschen, der Evakuierung der Gefangenen durch die Deutschen, trage.

Putin setzte diesen Streit in seinen beiden Ansprachen am Donnerstag nicht fort. Statt dessen erwähnte er in Yad Vashem eine Tatsache, die zwar unter Historikern unumstritten ist, aber in deutschen Geschichtsdarstellungen für das »breitere Publikum« fast niemals vorkommt: »Wir müssen daran erinnern, dass die Nazis dasselbe Schicksal« – gemeint ist die systematische Vernichtung von Juden – »auch für viele andere Völker vorgesehen hatten. Russen, Belorussen, Ukrainer, Polen und viele andere wurden zu ›Untermenschen‹ erklärt. Ihr Land sollte den Nazis als ›Lebensraum‹ dienen, während die Slawen und andere Völker entweder ausgelöscht werden oder zu Sklaven ohne Rechte, Kultur, historisches Gedächtnis und eigene Sprache gemacht werden sollten.«

Debatte

  • Beitrag von Michael S. aus H. (25. Januar 2020 um 11:35 Uhr)
    In letzter Zeit gibt es zunehmenden Streit zwischen Russland und dem Westen um die Ursachen des Zweiten Weltkrieges, mit Warschau auch um die Befreiung Warschaus und die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Es ist klar eine Schande, die Geschichtsinterpretation der Tagespolitik anzupassen, immerhin waren ja Polen und die Sowjetunion gemeinsam Opfer Hitlerdeutschlands. Darauf mal hinzuweisen war eine gute Idee von Präsident Putin.

    Man liest ab und zu, dass die Ukraine Auschwitz befreit hat (z. B. auch in der SZ vom Freitag 24. Januar). Was war die Ukraine? Es gab 1945 keinen Nationalstaat Ukraine, es gab eine ukrainische SSR. Es gab die Rote Armee, keine ukrainische Armee, allerdings gab es die »Organisation Ukrainischer Nationalisten« (OUN) und dessen militärischen Arm »Ukrainische Aufständische Armee« (UPA). Wenn die gemeint sind, dann waren es übelste Nationalisten, Kollaborateure der SS. Falls man die Ukraine als heutigen Verbündeten reinwaschen will, sollte auch erwähnt werden, dass ein nicht geringer Teil der Wachmannschaften und Aufseher im KZ ukrainische Hilfswillige waren. Das kann man alles nachlesen, aber wer macht das schon.

    Für die Kollaboration der Nationalisten bei der Vernichtung der Juden in den ehemaligen Ländern des zaristischen Russlands und später der Sowjetunion gibt es eine Erklärung: Juden hatten oft die Rolle als Fremde, sie suchten traditionell Bündnisse mit den jeweils Herrschenden in den Ländern, in denen sie lebten. Und das waren nicht die ukrainischen Bauern, sondern die russischen Beamten und die Oberschicht dort. Das erzeugte über Jahrhunderte Hass und Neid – und eben Antisemitismus.

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