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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 5 / Inland
Jahrespressekonferenz der IG Metall

Friedlich in die Krise

Angesichts des Abschwungs will IG Metall ohne konkrete Lohnforderung in Tarifrunde. Verhandeln will sie schon vor Ende der Vertragslaufzeit
Von Daniel Behruzi
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Unternehmen antworten mit Personalabbau auf die Krise, und die IG Metall bietet ein »Moratorium für fairen Wandel« an

»Delle in der Metallindustrie – ab 2020 wieder Erholung.« So titelte noch vor wenigen Tagen die IG-Metall-Funktionärszeitschrift Direkt. Inzwischen sieht man in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale die Lage offenbar doch kritischer. Die Umbrüche seien immens, betonte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann bei der Jahrespressekonferenz am Freitag in Frankfurt am Main. Sorgen macht ihm vor allem das Zusammenfallen der konjunkturellen Abkühlung mit strukturellen Umbrüchen, insbesondere in der »Leitbranche« Automobilindustrie, aber auch in der Stahlerzeugung und anderswo. »Leider ist die Antwort zu vieler Unternehmen auf die Transformation einfach nur die Abrissbirne. Statt Strategien für die Zukunft zu entwickeln, greifen zu viele wieder einmal zu genau den Maßnahmen, die noch nie nachhaltigen Erfolg gebracht haben: Personalabbau, Einstellung der Produktion und Verlagerung«, klagte Hofmann.

Der Gewerkschaftsvorsitzende begründete damit, warum die IG Metall den Unternehmern ein »Moratorium für einen fairen Wandel« anbietet. Bereits vor dem Ablaufen der Friedenspflicht Ende April soll demnach ein »Zukunftspaket« vereinbart werden, mit dem sich die Firmen zum einen zu Verhandlungen über »betriebliche Zukunftstarifverträge« verpflichten. Zum anderen soll der »tarifliche Werkzeugkasten« zur Vermeidung von Entlassungen ausgebaut werden. Ähnlich wie beim letzten Wirtschaftseinbruch 2008/2009 schwebt der Gewerkschaft hier ein Modell vor, bei dem der Staat Kurzarbeit erleichtert und ausweitet und die Unternehmen mit Zuzahlungen dafür sorgen, dass die Nettolöhne mehr oder weniger stabil bleiben. Eine entsprechende Tarifvereinbarung gibt es bislang nur in Baden-Württemberg.

Im Gegenzug würde die IG Metall darauf verzichten, eine konkret bezifferte Lohnforderung zu stellen. Es wäre nach 2010 erst das zweite Mal in ihrer Geschichte, dass sie diesen, wie Hofmann zugab, »ungewohnten« Schritt geht (jW berichtete). Aber man lebe eben auch »in ungewohnten Zeiten«. In den Tarifgesprächen werde die Gewerkschaft dennoch auf den Erhalt der Kaufkraft durch eine Erhöhung der Tabellenentgelte drängen. Die Lohnsteigerung solle über der Inflationsrate liegen, erläuterte Hofmann. 2019 stiegen die Verbraucherpreise laut Statistischem Bundesamt um 1,4 Prozent.

Hofmann bestritt auf jW-Nachfrage, dass die IG Metall mit den Verhandlungen während der Friedenspflicht auf eine Mobilisierung der Beschäftigten verzichte. Die Gewerkschaft werde in den Betrieben »sehr aktive Diskussionen führen« und von den Unternehmen Antworten für die Zukunft verlangen. »Was wir erreichen, hängt davon ab, wieviel Durchschlagskraft wir in den Betrieben entwickeln.« Mit dem Vorziehen der Gespräche wolle die IG Metall »möglichst schnell positive Signale für Investitionsentscheidungen der Unternehmen setzen«, erklärte er. Allein in den vergangenen sechs Monaten seien in der Automobilindustrie rund 30.000 Leiharbeiter »abgemeldet« worden. Die im Boom angehäuften Überstunden seien vielerorts abgebaut, die Arbeitszeitkonten heruntergefahren worden. Deshalb sei die Frage der Kurzarbeit in vielen Bereichen – wenn auch nicht überall – »ein drängendes Thema«.

Zumindest in den ostdeutschen Betrieben gibt es allerdings noch ein weiteres: die Angleichung der Wochenarbeitszeit an das Westniveau. Der Unternehmerverband hatte die 2018 zugesagten Verhandlungen über die 35-Stunden-Woche platzen lassen, obwohl die IG Metall ein sehr weitgehendes Kompromissangebot gemacht hatte (siehe jW vom 7. Oktober 2019). Diese Frage werde man in den anstehenden Tarifgesprächen zum Thema machen, versprach Hofmann. Auch Tarifregelungen für dual Studierende und andere Punkte würden dann besprochen.

Eine Weiterentwicklung der 2018 getroffenen Vereinbarung zur individuellen Arbeitszeitverkürzung steht hingegen nicht auf der Agenda. Die Möglichkeit für Beschäftigte in Schichtarbeit, mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen, Lohnerhöhungen gegen acht zusätzliche freie Tage im Jahr zu tauschen, bezeichnete Hofmann als »Meilenstein der Tarifpolitik«. In diesem Jahr machen davon über 340.000 Beschäftigte Gebrauch – 80.000 mehr als 2019.

Dass die Zeiten härter werden, widerspiegelt sich auch in der Mitgliederstatistik der IG Metall. Erstmals nach mehreren Wachstumsjahren verbuchte Europas größte Industriegewerkschaft 2019 ein leichtes Minus von 8.000 Mitgliedern. Zum Jahreswechsel waren insgesamt knapp 2,263 Millionen Menschen in der IG Metall organisiert, rund 1,58 Millionen davon im Betrieb. Ob dieses Niveau 2020 gehalten werden kann, hängt von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung ab – und von der Strategie der IG Metall in der Krise.

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