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Aus: Ausgabe vom 18.01.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die deutsche Lunte fehlt

Von Arnold Schölzel
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Überraschung in Springers Transatlantikcheforgan Die Welt am Dienstag. Korrespondent Michael Stürmer, Historiker und einst Berater des Historikerkollegen Helmut Kohl während dessen Kanzlerschaft, schreibt: »›9/11‹ war der Wendepunkt vom Staatsterror zum Terrorstaat«. Aus dem Kontext ergibt sich: Mit »Terrorstaat« sind nicht die USA, sondern der Iran gemeint. Der Springer-Mann verwechselt lediglich Ursache und Wirkung in der Geschichte. Das hat im imperialistischen Deutschland Tradition – siehe 1914, 1933, 1939 und westdeutsche Wiederbewaffnung nach 1945. Terrorstaat USA: Vom 11. September 2001 bis vorläufig zum 3. Januar 2020 nahm Washington regelmäßig für sich das Faustrecht in Anspruch und überzog die Welt mit »Krieg gegen Terror«. Das Resultat war wie nach der Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani vor zwei Wochen, dass ein großer, wenn nicht ein Weltkrieg droht.

Stürmer war deswegen zunächst schockiert. Am 7. Januar erschien jedenfalls auf welt.de ein Text von ihm, dessen Überschrift fast Panik ausdrückte: »Merkel im gnadenlosen Spiel um Krieg und Frieden«. Der Autor schrieb von drohender »Eskalation Richtung 1914« und sah ein »Attentat mitten in die Weltgeschichte« hineinfahren.

Sieben Tage später war aus seiner Sicht das Schlimmste überstanden. Das Entsetzen war der Gewohnheit gewichen, wonach die USA an keinem Krieg schuld sein können, auch wenn sie ihn vom Zaun brechen. Bereits der Titel seines Textes besagt: »Der lange Atem des Iran«. Motto: Die Mullahs haben einen bösen Plan und wir im harmlosen Westen keinen. Die Propagandastanze ermöglicht es, Urheber und Hauptverursacher der Kriegskatastrophen im Nahen und Mittleren Osten als unwesentlich zu behandeln. Sieben Tage reichen, um die Schreibtischfront bei Springer zu begradigen: Der Iran war’s, die USA sind im Grunde sein Opfer, nun müssen die Deutschen nach vorn.

Der Reihe nach: »Die Konflikte, die seit vier Jahrzehnten der religiös-sozialen Machtkämpfe den Mittleren Osten zerreißen, haben jetzt, durch das Feuer der Religion angetrieben und durch Zugang zu modernster Waffentechnologie ermöglicht, den Punkt erreicht, wo die Weltmächte in den Abgrund schauen.« Nun war es zwar nur eine Weltmacht, die 40 Jahre lang mit so ziemlich allen Mitteln, angefangen mit US-Giftgaslieferungen für den Irak während des von den USA gesponserten Golfkriegs in den 80er Jahren, den Abgrund schaufelte, richtig ist aber: In den schauen nun alle, zumal mit einem wie Donald Trump an der Spitze, der faktisch an seinem ersten Amtstag als Präsident lernte, Morde per Drohnen zu lieben, damals im Jemen. Die sind politisch geräuschlos, und der Friedenspräsident hat, anders als sein Vorgänger, außerdem angeordnet, keine Tötungsstatistiken mehr zu veröffentlichen. Was keiner weiß, macht doch wohl keinen heiß. So einer kann schon darauf kommen, dass auch der gewohnheitsmäßige Befehl zum Mord per Joystick am 3. Januar keine größeren Folgen hat. Krieg will er ja nicht, jedenfalls keinen großen. Die laufenden führt er weiter und kündigt regelmäßig an, seine Truppen rauszuholen.

Stürmer interessiert das nicht, er mäkelt lediglich daran, dass es in der riesigen US-Botschaft in Bagdad nur noch 16 »aktive Schreibtische« gebe, wo einst 2.000 gewesen seien. Dabei sei doch jetzt in »Vorkriegszeiten«, in denen sich »Krise auf Krise türmt«, eine »Gipfeldiplomatie der Sonderklasse« gefragt. Auf die aber will auch er nicht warten, sondern vielmehr – Annegret Kramp-Karrenbauer folgend – deutsche Soldaten »in symbolischer Zahl« im Nahen Osten sehen, »um die USA zu entlasten, Flagge zu zeigen und etwas für das Gleichgewicht« zu tun.

So läuft es in Bundesgermanien: Immer fehlt irgendwo eine deutsche Lunte im Pulverfass. Die muss aber unbedingt mit hinein.

Sieben Tage reichen, um die Schreibtischfront bei Springer zu begradigen: Der Iran war’s, die USA sind im Grunde sein Opfer, nun müssen die Deutschen nach vorn.

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