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Aus: Ausgabe vom 18.01.2020, Seite 15 / Geschichte
Nazis an der Macht

Von Weimar nach Berlin

In Thüringen wird die NSDAP im Januar 1930 zum ersten Mal Regierungspartei
Von Reiner Zilkenat
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Nazimarsch durch die Straßen Weimars. Fünfter von links, zwischen Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler, Wilhelm Frick, da schon Reichsinnenminister, 4. Juli 1936

Der 23. Januar 1930 markierte eine Zäsur in der Geschichte der Weimarer Republik. Zum ersten Mal gelang es einer faschistischen Partei, als Koalitionspartner von etablierten bürgerlichen Parteien akzeptiert zu werden und an die Schalthebel der Regierung zu gelangen: im Land Thüringen. Die NSDAP jubelte, Hitler und Goebbels werteten diesen Schritt zu Recht als wichtige Etappe, um in absehbarer Zeit auch in Berlin die Geschicke der Politik zu bestimmen. Allerdings konnte von der Regierungsbeteiligung der Nazipartei nur überrascht worden sein, wer die politischen Entwicklungen der vergangenen Monate nicht aufmerksam verfolgt hatte.

Bei den Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 hatte die NSDAP nur zwölf Mandate erringen können; lediglich 2,6 Prozent der Wählerinnen und Wähler hatten für die Nazis votiert. Doch das änderte sich rasch. Die Kommunal- und Regionalwahlen des Jahres 1929 demonstrierten, dass sich die Faschisten im Aufwind befanden. Dies zeigte sich auch am 8. Dezember 1929, als bei den Landtagswahlen in Thüringen die NSDAP sechs von 53 Mandaten gewinnen konnte. Immerhin 11,29 Prozent der Wählerstimmen waren auf sie entfallen. Es stellte sich für die bürgerlichen Parteien die Frage, ob sie sich auf eine Koalition mit den Nazis einlassen sollten, um jegliche Regierungsbeteiligung von SPD und KPD auszuschließen, die 18 bzw. sechs Mandate gewonnen hatten.

In Berlin regierte eine große Koalition mit dem Sozialdemokraten Hermann Müller als Reichskanzler. Doch dieses Bündnis stand kurz vor seinem Ende. Die bürgerlichen Koalitionspartner der SPD planten bereits neue Allianzen. Bei diesen Überlegungen spielte auch die NSDAP als mögliche Regierungspartei eine wachsende Rolle. In konservativen Gazetten wurde bereits offen darüber spekuliert, wann die faschistische Partei in die Regierung eintreten werde. Aus diesem Grunde war es wichtig, bereits auf Landesebene eine Koalition unter Beteiligung der NSDAP zu installieren. Hitler persönlich hatte sich zuvor in die Verhandlungen eingeschaltet, um seine Partei in Thüringen ins Landeskabinett zu führen.

Gegen »Negerkultur«

Zu ihrem Vertreter in der Landesregierung bestimmte die NSDAP Wilhelm Frick, einen promovierten Juristen und bayerischen Staatsbeamten, der wegen seiner Beteiligung am Hitler-Ludendorff-Putsch in München am 9. November 1923 vorbestraft war. Er wurde Staatsminister für Inneres und Volksbildung in Thüringen. »Dr. Frick wird hier«, so formulierte es Hitler in einem Privatbrief an einen im Ausland lebenden Bewunderer, »mit rücksichtsloser Entschlossenheit eine Nationalisierung einleiten, die den anderen bürgerlichen Regierungen zeigen kann, was wir Nationalsozialisten unter diesem Worte verstehen«.

Und Frick leistete im Sinne der Faschisten ganze Arbeit. Nicht zuletzt ging es darum, Nazis in den Polizeidienst einzustellen, während zugleich bisherige Beamte hinausgedrängt wurden, die Mitglieder der SPD waren. Bald hingen in Polizeikasernen Adolf-Hitler-Por­träts. Am 14. April 1930 veranlasste Frick eine aufsehenerregende »Bekanntmachung wider die Negerkultur«. Darin hieß es u. a., dass »Erzeugnisse, wie Jazzband und Schlagmusik, Negertänze, Negergesänge und Negerstücke eine Verherrlichung des Negertums darstellen und dem deutschen Kulturempfinden ins Gesicht schlagen«. Die Polizei erhielt die Anweisung, Kabaretts und Theatern die Konzession zu entziehen, die entsprechende Darbietungen in ihren Programmen führten. Zwei Tage später folgte ein Erlass, in dem obligatorisch Schulgebete eingeführt wurden. In einem dieser Gebete, die »der deutschen Not und Hoffnung« gewidmet sein sollten, hieß es: »Deutschland erwache! Herr, mach uns frei! Das walte Gott!« Damit nicht genug. Am 3. Juni berief Frick den »Rassenforscher« und bekennenden Antisemiten Hans F. K. Günther auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl für »Rassenkunde« der Universität Jena. Schließlich wurde die Aufführung des Theaterstücks »Frauen in Not – Paragraph 218« verboten. Ebenfalls wurde es Lehrern untersagt, Erich Maria Remarques Roman »Im Westen nichts Neues« im Schulunterricht zu behandeln. Und schließlich verfügte der neu berufene Direktor der Staatlichen Hochschulen für Baukunst, bildende Künste und Handwerk in Weimar, Paul Schultze-Naumburg, die Entfernung aller Werke der Moderne aus dem Weimarer Schlossmuseum, darunter Gemälde von Oskar Kokoschka und Paul Klee. Apropos Weimar. In der Stadt Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers hatte beinahe jeder vierte bei den Landtagswahlen im Dezember 1929 für die faschistische Partei votiert.

Durchmarsch in Thüringen

Bereits die erste Debatte des neuen Landtags, einen Tag nach der Koalitionsvereinbarung vom 14. Januar 1930, hatte demonstriert, wes Geistes Kind die Vertreter der Regierungspartei NSDAP waren. Besonders tat sich der Abgeordnete Fritz Wächtler hervor, den Frick zu seinem »Fachberater« für das Schulwesen ernannt hatte. In seiner Rede erklärte er: »Wir tun alles, um dem parlamentarischen System die Luft abzudrehen«. Am 22. Mai 1930 präsentierte Wächtler, der bereits 1926 der NSDAP beigetreten war, seine Anschauungen über die Revolution von 1918/19 im Landtag mit folgenden Worten: »Die Novemberrevolution war eine Börsenrevolte, die mit russischem Geld finanziert wurde«. Die Mitglieder der USPD hätten sich darum bemüht, »die Front zu erdolchen. Es wäre besser gewesen, diese Leute an die Wand zu stellen und zu erschießen, dann wäre der Krieg anders ausgegangen«. Es sei nur am Rande vermerkt, dass der »Fachberater« Fricks öffentlich gegen »fremdrassige Einflüsse im Schulwesen« hetzte und seinen Chef veranlasste, »das Verbot der Gottlosen-Propaganda an Schulen« im thüringischen Amtsblatt zu veröffentlichen. Allerdings ist festzuhalten, dass sich derartige Maßnahmen nahtlos in die damals von konservativen und deutschnationalen Politikern und Publizisten forcierte Kampagne gegen den »Kulturbolschewismus« einreihten, so dass von den bürgerlichen Koalitionspartnern der Nazipartei in Thüringen kein ernsthafter Widerspruch erwartet werden konnte.

Doch die Selbstherrlichkeit des Innen- und Volksbildungsministers ging seinen Koalitionspartnern aus der Deutschen Volkspartei (DVP), der Deutschnationalen Volkspartei, der Reichspartei des deutschen Mittelstandes und dem Thüringer Landbund schließlich zu weit. Am 1. April 1931 stimmten nicht nur KPD und SPD, sondern auch die oppositionelle Deutsche Staatspartei und der Koalitionspartner DVP, der über fünf Mandate im Landtag verfügte, einem Misstrauensantrag gegen Wilhelm Frick zu, der von der SPD eingebracht worden war. Von nun an amtierte in Thüringen eine bürgerliche Minderheitsregierung ohne Beteiligung der Nazipartei. Doch im Sommer des darauffolgenden Jahres änderten sich die politischen Kräfteverhältnisse. Am 31. Juli 1932 hatten bei den Wahlen zum Thüringer Landtag 42,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler zugunsten der NSDAP abgestimmt, die jetzt mit ihrem Gauleiter Fritz Sauckel den »Leitenden Staatsminister« stellte und die Politik Fricks fortsetzte. Thüringen blieb eine wichtige Probebühne der faschistischen Partei für die in naher Zukunft erwartete Übernahme der Reichskanzlei in Berlin. Als dies am 30. Januar 1933 Realität wurde, war Wilhelm Frick zur Stelle und wurde vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Reichsminister des Innern berufen.

Aus einer Rede Wilhelm Fricks im Münchner »Zirkus Krone« am 25. Juli 1930

»Die nationalsozialistische Bewegung schickt sich bereits an, die Macht zu ergreifen mit dem Ziel, das Dritte Reich machtvoll aufzurichten. Mein Kampf in Thüringen ist nur die erste Etappe in diesem Kampf. (…) Deutsches Volkstum steht an erster Stelle meiner Politik in Weimar. Deshalb habe ich schon an die Universität die Professoren Günther und Schultze-Naumburg berufen, getreu dem Worte, dass die Rassenkunde der Schlüssel der Weltgeschichte ist. (…) Wir wollen einen maßgebenden Einfluss auf die Reichspolitik ausüben: an Stelle des Herrn Wirth (Zentrumspartei; R. Z.) das Innenministerium und maßgeblichen Einfluss auf das Wehrministerium. Von diesen Machtpositionen aus werden wir auf ganz legalem Wege das Schicksal Deutschlands wenden.« (Völkischer Beobachter, Nr. 172, 28.7.1930)

Aus einer Rede Wilhelm Fricks in Wuppertal am 29. September 1930:

»Wir Nationalsozialisten werden, falls wir die Macht haben, innerhalb 24 Stunden mit dem roten Mordgesindel aufräumen.« (Völkischer Beobachter, Nr. 275, 2.10.1930)

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