Gegründet 1947 Dienstag, 25. Februar 2020, Nr. 47
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.01.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
»Wir haben es satt«

Quälen für den Profit

Steuerreform für Tierschutz gefordert. Kükenschreddern vor dem Aus
Von Steffen Stierle
RTS2BAPY.jpg
Bunter Protest bei der »Wir haben es satt«-Demo im vergangenen Jahr (Berlin, 19.1.2019)

Ein wichtiges Thema der diesjährigen »Wir haben es satt«-Proteste ist der Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft – eine besonders grausame Dimension der monopolistischen Entwicklungen des Sektors: Immer weniger, immer größere Betriebe züchten immer mehr Tiere auf immer engerem Raum. Profitmaximierung in der Fleischproduktion. Ringelschwänzchen und Hörner stören da nur – abgesägt, Platz gespart. Und damit der Platz schnell wieder für Nachschub frei wird, werden etwa Schweine durch Intensivmast innerhalb von sechs bis sieben Monaten auf über 100 Kilo hochgezüchtet und noch im Jungalter geschlachtet. 63 Prozent der Hennen in Deutschland leben derweil nach Angaben der Albert-Schweitzer-Stiftung in Bodenhaltung, sprich: ein Quadratmeter Plastikgitter für neun Tiere, schmerzhafte Verletzungen an den Läufen inklusive, denn flächendeckende Einstreu wäre zu kostspielig.

Am Ende folgt oft eine Lkw-Fahrt ohne Versorgung auf engstem Raum zum Schlachthof. Da lokale Schlachtbetriebe weitgehend von internationalen Großschlachtereien verdrängt wurden, dauern die Fahrten in den Tod immer länger. So oder so ähnlich leben und sterben in Deutschland Jahr für Jahr rund 750 Millionen Tiere. »Wir brauchen ein klares Bekenntnis zu mehr Tierwohl, eine verbindliche Kennzeichnung von tierischen Produkten und Unterstützung für Betriebe, die ihre Ställe umbauen wollen«, so das Demobündnis.

Die Umweltorganisation Greenpeace und das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) haben am vergangenen Montag eine Studie zu artgerechter Tierhaltung veröffentlicht, in der darauf hingewiesen wird, dass zwei Drittel der klimaschädlichen Gase aus der Landwirtschaft durch Tierhaltung entstehen. »Sollen die Klimaziele erreicht werden, muss die Zahl der Tiere in den Ställen deutlich sinken«, heißt es dort. Vorgeschlagen wird eine Steuerreform, die aus einer Tierwohlabgabe von 50 Cent pro Kilo Fleisch sowie einem Ende der Subventionierung von Fleisch- und Milchprodukten durch eine Mehrwertsteueranpassung besteht. Die Einnahmen sollen laut Greenpeace und dem FÖS genutzt werden, den Abbau der Tierbestände und den Aufbau einer artgerechten Haltungsstruktur flächendeckend zu finanzieren.

Zumindest beim besonders grausamen Schreddern männlicher Küken zeichnet sich ein langsames Ende ab. In der BRD werden jährlich 45 Millionen Jungtiere nach der Geburt zerhackt, weil sie keine Eier legen können. Im vergangenen Jahr hatte das Bundesverwaltungsgericht diese Praxis für illegal erklärt, doch Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) schob den Ausstieg auf die lange Bank. Am Montag kündigte sie nun gemeinsam mit ihrem französischen Amtskollegen Didier Guillaume an, sich für ein EU-weites Ende des Schredderns bis 2021 einsetzen zu wollen. Der Ausstieg müsse aber auch »in Hinblick auf Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit verträglich gestaltet« werden, so die Ministerin.

Ähnliche:

  • Wieviele Stücke zum Grasen vom Staat bezahlt werden, wird der Ku...
    06.01.2017

    Neoliberalismus in Grün

    Umweltbehörde will Mehrwertsteuer für Tierprodukte erhöhen. Industrie wird subventioniert

Mehr aus: Schwerpunkt