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Aus: Ausgabe vom 17.01.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Rohstoffe

Bodenschätze zum Ausverkauf

Präsident Evo Morales warnt: Boliviens Lithiumvorkommen sollen von transnationalen Konzernen ausgebeutet werden. Protest gegen Putschisten
Von Wolfgang Pomrehn, Buenos Aires
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Lithium wird von Industriekonzernen heiß begehrt. Salzpfanne Salar de Uyuni in Bolivien

Boliviens abgesetzter Präsident Evo Morales befürchtet, dass die Putschregierung die Privatisierung der reichen Lithiumvorkommen seines Landes vorbereitet. Ende vergangener Woche war Juan Carlos Zuleta zum Manager des staatlichen Unternehmens Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB, Lithiumlagerstätten Boliviens) ernannt worden. Zuleta war zuvor für die chilenische Regierung in der dortigen nationalen Lithiumkommission tätig und hatte zu den Kritikern von Morales gehört. Der sieht in der Ernennung Zuletas ein Zeichen dafür, dass »die Putschisten und Neoliberalen keine Energiesouveränität für Bolivien wollen« und »die Lithiumindustrie an transnationale Konzerne übergeben wollen«, wie er auf seinem Twitter-Account schreibt.

Lithium wird für Akkus benötigt, die die zur Zeit am weitesten verbreitete Form darstellen, elektrische Energie für mobile Anwendungen zu speichern. Sie finden sich in Handys und in den allermeisten Elektrofahrzeugen. Im vergangenen Jahr war Morales selbst wegen seiner Lithiumpolitik unter Druck geraten (siehe jW vom 17.10.19). Aus Sicht seiner Kritiker hatte er einer deutschen Firma zu viele Zugeständnisse gemacht. YLB hatte gemeinsam mit der deutschen »ACI Systems Alemania« (ACISA) ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet. Ziel war es, am Salar de Uyuni, dem zweitgrößten Lithiumvorkommen der Welt, ab 2022 jährlich 40.000 Tonnen Lithiumhydroxid zu produzieren. Der Rohstoff sollte anschließend zu 80 Prozent nach Deutschland exportiert und der Rest in einer ebenfalls geplanten Akkufabrik vor Ort verarbeitet werden, berichtete die Deutsche Welle am 4. November. Der Vertrag hatte eine Laufzeit von 70 Jahren, wie auf der Plattform Mining.com am 26. Dezember 2018 berichtet worden war, wurde aber von der Regierung Morales aufgrund der Proteste kurz vor dem Putsch auf Eis gelegt.

ACISA ist ein Tochterunternehmen des Autozulieferers ACI aus Baden-Württemberg, der ein neues Verfahren entwickelt hatte, Lithium aus der Sole zu isolieren, die bei der Gewinnung von Lithiumkarbonat anfällt und bisher ungenutzt bleibt. Der Vertrag mit der bolivianischen Seite war mit erheblicher Unterstützung der Bundesregierung zustande gekommen.

Zumindest ein Teil der Anwohner aus der Andenprovinz Potosí hatte aber das Gefühl, bei dem Deal zu kurz zu kommen. Es würden nicht genug Abgaben aus der Förderung in der Region bleiben, lautete ihre Kritik, der sie mit Demonstrationen und Straßenblockaden Nachdruck verliehen.

Zu den Kritikern des Projektes gehörte auch Juan Carlos Zuleta, der nun als Verwalter der YLB eingesetzt wurde und zuvor das die Proteste organisierende Bürgerkomitee beraten hatte. Das Gemeinschaftsunternehmen hätte für die Gewinnung von Lithiumhydroxid keine Gebühren zahlen müssen und das Ausgangsprodukt, die Sole, zum Selbstkostenpreis bekommen sollen, kritisierte er Anfang November, also noch vor dem Putsch, gegenüber der in La Paz erscheinenden Zeitung Pagina Siete.

Allerdings scheinen die unmittelbaren Anwohner des Salars in der Stadt Uyuni mit der Entscheidung der Putschregierung nicht einverstanden zu sein. Zuleta wurde von Demonstranten dort an der Weiterfahrt gehindert und werde nicht akzeptiert, berichtete die Morales nahestehende Voz de Bolivia. Die Landarbeitergewerkschaft der Region habe als Reaktion auf die Einsetzung Zuletas den Notstand erklärt. Das Lithium gehöre Bolivien, und die Einnahmen müssten in Uyuni bleiben.

Zuleta scheint dem allerdings nicht widersprechen zu wollen. Gegenüber Reuters erklärte er nach seiner Einsetzung als YLB-Chef, dass die bolivianische Verfassung vorsehe, das Lithium im Inland zu verarbeiten. Der Vertrag mit der ACISA werde weiter auf Eis gelegt, und Abkommen mit einem chinesischen Unternehmen würden überprüft. Zuleta zeigte sich dabei zuversichtlich, dass die mit den Chinesen geplante Fabrik Ende des Jahres fertiggestellt sein und 2021 in Betrieb gehen wird.

Das wäre Boliviens erste kommerzielle Anlage. Bisher gibt es nur Pilotprojekte. Im Vergleich zu Chile sind die Produktionskosten in Bolivien hoch und werden sich nur bei einem entsprechenden Lithiumpreis lohnen. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass mit der Verbreitung von Elektromotoren auch der Bedarf für Lithium stark zunehmen wird. Das Dreiländereck Argentinien-Chile-Bolivien, das weit über die Hälfte der weltweit bekannten Vorkommen beherbergt, könnte also vor einem großen Lithiumboom stehen.

Für die Umwelt und Landwirtschaft in der extrem trockenen Region wäre das keine gute Nachricht, denn für den Abbau wird sehr viel Wasser benötigt. Doch letztlich ist noch nicht ausgemacht, ob der Lithiumionenakku das letzte Wort sein wird. Der US-Bundesstaat Kalifornien hat zum Beispiel gerade ein Förderprogramm aufgelegt, mit dem nach Alternativen gesucht wird, und in der Schweiz könnte man schon fündig geworden sein. Dort setzt ein kleines Unternehmen im Berner Oberland auf Kochsalz, Eisen, Nickel und Natrium. Bisher werden vor allem Anwendungen für stationäre Speicher angeboten, aber die Salzakkus sind auch in Lkw und Lieferwagen im Einsatz.

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