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Aus: Ausgabe vom 15.01.2020, Seite 16 / Sport
Handball

Wegwerfen, liegenlassen

Deutsche Handballer stolpern in die EM-Hauptrunde
Von Oliver Rast
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Einer der Besseren im Spiel gegen Lettland: Timo Kastening

So ein Sportreporterleben ist kein reines Vergnügen. Christian Prokop, Headcoach der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), gab auf der Pressekonferenz am Sonntag eine Devise aus. »Wir müssen mit viel Kampfkraft und Emotionalität spielen«, beschwor er seine Jungs vor dem dritten und letzten Vorrundenspiel bei der EM in Trondheim gegen EM-Neuling Lettland. Grundlos kam der Appell nicht, denn sowohl Kampfgeist als auch Leidenschaft hatten seine Parkettkünstler in der zweiten Vorrundenbegegnung am Sonnabend gegen den amtierenden Europameister Spanien über weite Strecken vermissen lassen. Daher die hochverdiente 26:33-Pleite. Einige Kommentatoren in den sogenannten sozialen Medien stellten unter anderem die EM-Tauglichkeit von Prokops Truppe in Frage.

Ganz falsch lagen die Freizeitanalysten nicht. Das belegte der kampf- und emotionslose Auftritt gegen die Letten. Die waren mit zwei Schlappen gegen Spanien (22:33) und die Niederlande (24:32) ins Turnier gestartet, ein Weiterkommen bereits vor dem Spiel gegen Deutschland daher unmöglich. Das hinderte die baltischen Underdogs allerdings nicht daran, überraschend forsch gegen den Europameister von 2004 und 2016 aufzuspielen.

Die Hälfte der lettischen Nationalspieler übt den Kempa-Trick – einen anspruchsvollen Spielzug, bei dem der Ball auf einen in Richtung Tor springenden Spieler gepasst wird, der ihn in der Luft fängt und dann sofort auf das Tor wirft – bei den heimischen Teams Tenax Dobele und Celtnieks Riga. Sie sind Amateure. Andere verdingen sich in unteren Ligen Europas. Ausnahmegestalt ist – bei einer stattlichen Körpergröße von 2,14 Metern und satten 136 Kilogramm Körpergewicht – der rechte Rückraumspezialist Dainis Kristopans des Champions-League-Siegers Vardar Skopje aus Nordmazedonien.

Zehn Minuten waren gespielt, als ZDF-Kokommentator Markus Baur bei einem Zwischenstand von 5:5 die »hohe Fehlerquote« im deutschen Spiel monierte. Einzig Julius Kühn (MT Melsungen) im linken Rückraum und Rechtsaußen Timo Kastening (TSV Hannover-Burgdorf) trumpften durch ihre hundertprozentige Torausbeute auf. Mit einer 16:11-Führung ging das DHB-Team in die Kabine. Und der Autor dachte sich: Was für eine lahmarschige Partie. Vor dem Seitenwechsel sprach DHB-Teammanager Oliver Roggisch noch ins ZDF-Mikro: »Mit viel Tempo werden wir gute Lösungen finden.« Die Letten hätten kaum Wechselmöglichkeiten, wären bald platt. Pausengequatsche.

Prokop, das fiel während der Time-outs deutlich auf, wirkte entgegen seiner kämpferischen Devise selbst schmallippig, uninspiriert im Ton. Er klammerte sich an seine Taktiktafel, schob blaue und rote Magnetsteinchen hin und her, seine Schützlinge schauten derweil ins Leere. Sieben Tore Vorsprung – verwaltet bekamen sie ihn nicht. Die Letten kamen noch einmal ran, mehr als der Anschlusstreffer von Aivis Jurdzs zum 27:28-Endstand war aber nicht drin. Irgendwie schade.

Topscorer Kühn nach der Schlusssirene: »Den Sieg haben wir über die Zeit geschaukelt.« Und weiter: »Wir haben Bälle zu leicht weggeworfen.« Ja, kann man sagen. Nach dem Spiel sagte Prokop, ein Trainer müsse bei seinen Ansprachen variabel sein. »Es hätte nichts gebracht, draufzuhauen.« Wieso eigentlich nicht? Statt dessen mimte Prokop den Psychologen.

Zwischenfazit: Dank des Auftaktsiegs gegen die Niederlande (34:23) und der Beinaheblamage gegen Lettland zieht die DHB-Equipe in die Hauptrunde ein. In Wien warten Kroatien und sehr wahrscheinlich Mitgastgeber Österreich. Weshalb nicht mal ein Handball-Córdoba für den DHB?

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