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Aus: Ausgabe vom 15.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Der immerwährende Blues

Die schwarze Erfahrung: Melina Matsoukas’ Roadmovie »Queen & Slim«
Von Peer Schmitt
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»Schwarze Bonnie and Clyde«: Slim (Daniel Kaluuya) und Queen (Jodie Turner-Smith)

»I got to keep movin’, I got to keep movin’ / Blues fallin’ down like hail, blues fallin’ down like hail«

Robert Johnson, »Hellhound on My Trail«, 1937

Fahren, weiterfahren, selten anhalten und falls doch, dann gleich abtauchen. Das ist die essentielle Geschichte. Sie steht gleich am Anfang des Kinos. Die ersten Kinounternehmer waren Jahrmarktsleute. Sobald sie neues Material brauchten, stellten sie die Kamera auf die Straßenbahn und ließen sie einfach laufen, um die Bewegung festzuhalten, die sie umgab. Diese alte Geschichte geht wohl langsam zu Ende; die Angestellten der großen Kinounternehmer streifen nicht mehr draußen durch die Straßen, sondern sitzen drinnen in Käfigen und Kuben, schreiben (Codes) und animieren, daher brauchen sie im Grunde auch keine Kameras mehr. Vielleicht nimmt die alte Geschichte aber auch einen neuen Anfang, jetzt, da praktisch so gut wie jeder eine professionellen Ansprüchen genügende Kamera in seinem Telefon mit sich herumträgt.

Die ganz frühen Kinounternehmer trafen auf der Straße Automobile noch selten an. Mit diesen beginnt eine andere, speziell US-amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts, bestehend aus der Triade »Auto, Film und Jazz (Blues)«. Mit dem Auto auf der Straße unterwegs, mit einem gebrochenen Verhältnis zur Polizei und den Verkehrsregeln, möglicherweise auf der Flucht, dazu spielt das Radio. Das ist beinahe schon die halbe Geschichte des US-amerikanischen Films in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im Fluchtauto befindet sich üblicherweise ein Paar, das ein paar Verkehrsregeln und Gesetze gebrochen hat – das »Outlaw couple«. Ein legendäres Paar im Fluchtauto, begleitet von Massenmedien, hieß Clyde Barrow und Bonnie Parker. Seine Geschichte wurde oft verfilmt, sie war essentielle Kinogeschichte, von Beginn an. Fritz Lang war so ziemlich der erste, seine Version »You Only Live Once« (»Gehetzt«, 1937) ist wohl bis heute die maßgebliche. Sein Fluchtpaar bildet sogar eine Art Heilige Familie. Ein gemeinsames Kind wird in einer armseligen Scheune geboren, bevor die Polizei dem Paar den Garaus macht. Diese erste Version ist ernsthaft tragisch, die intendierte Identifikation der Zuschauer noch ziemlich ungebrochen. Die Gesetzesbrecher sind im Grunde unschuldig, Kinder der schlechten Umstände. Sie sind unglückliche Heilige, im Liebestod vereint.

Die Frage nach Schuld oder Unschuld, Naivität oder Zynismus des Outlaw couple sollte auch im Zentrum der folgenden Versionen bleiben. In »They Live by Night« (»Sie leben bei Nacht«/»Im Schatten der Nacht«, 1948) von Nicholas Ray bekam die Geschichte eine ambivalente melodramatische Wendung, fast gleichzeitig entstand mit »Gun Crazy« (»Gefährliche Leidenschaft«, Joseph H. Lewis, 1950) eine sentimental-überkandidelte B-Version davon. Das Überkandidelte blieb. »Bonnie and Clyde« (1967) von Arthur Penn ging schon zu grotesken komischen Elementen über. Die Geschichte war endgültig Kinohistorie.

Und sie geht weiter. »Queen & Slim«, das Spielfilmdebüt der Regisseurin Melina Matsoukas, die zuvor vornehmlich Musikvideos für Beyoncé gedreht hatte, ist ein »schwarzes Bonnie and Clyde«. Ein schwarzes Paar auf der Flucht. Diese führt von Cleveland, Ohio über New Orleans nach Florida. Das Ziel ist ein sicherer Hafen in Kuba. Aber soweit kommt es nicht. Ein Epilog mit mahnenden politischen Botschaften ersetzt ein glückliches Ende mit dem Holzhammer.

Wie und ob das Paar gebildet und zerstört wird, ist ein wesentliches Element der »Outlaw couple«-Geschichte. Der Ausgangspunkt ist hier ein Date in einem eher billigen Restaurant (dafür »black owned«, wie ausdrücklich betont wird). Queen (Jodie Turner-Smith) ist eine junge Strafverteidigerin, die keinen guten Tag hatte; Slim (Daniel Kaluuya) ein ehrlicher Durchschnittstyp, der keinen Alkohol trinkt und an die Integrität seiner Familie denkt. Ihre Begegnung verdankt sich einer Dating-App.

Das Date ist immer schon ein umfassender soziologischer Komplex aus Sex und Geld und Status. So haben die beiden Figuren nicht viel miteinander zu tun, sie trennt ein feiner Klassenunterschied. Sie kabbeln sich. Über die Qualität des Restaurants oder wer von beiden die Karriere eines exzellenten, aber nicht ganz so bekannten R&B-Sänger-Songwriters zuerst verfolgt hat. Gemeinsam ist den beiden jedoch selbstverständlich die »schwarze Erfahrung«. Und die bedeutet konkret willkürliche Polizeigewalt. Das Verhältnis zur Polizei ist bei diesem Paar gebrochen, noch bevor es ein Paar geworden ist. Nachdem es von einem rassistischen Verkehrspolizisten (Sturgill Simpson) drangsaliert worden ist, ist die Frau angeschossen, und der Mann hat den weißen Polizisten getötet. Die Flucht beginnt. Auch die Frage nach der Schuld des Paares (das Identifikationsmodell) ist von Beginn an eindeutig beantwortet. Das Paar hat sich gewissermaßen unschuldig, lediglich in Notwehr, schuldig gemacht.

Ein entscheidendes Detail dabei ist, dass die Frau den Vorfall mit ihrem Mobiltelefon gefilmt und öffentlich gemacht hat. Auch diese Flucht ist von Beginn an massenmedial begleitet. Aber anders als in »Bonnie and Clyde« oder »Natural Born Killers« (Oliver Stone, 1994) ist die mediale Realität – das Kamerabild des Telefons und die Videoplattform im Internet – bereits gewichtiges Teil des Tathergangs.

Die Flucht wiederum führt die beiden Titelfiguren nicht nur zusammen, sondern auch an gleichsam archaische, popmythologische »schwarze« Orte. So etwa das Privatbordell des Onkels der Frau (Bokeem Woodbine) in New Orleans, wo der »Pimp«-Mythos mit den entsprechenden Kostümen, Brillantenketten und Autos noch sehr lebendig zu sein scheint. Oder ein Blues-Schuppen am Straßenrand, in dem eine überlebensgroße »schwarze« Nachtlebensolidarität gefeiert wird.

Eine der Sequenzen ist besonders signifikant, es ist ein Blick aus dem Autofenster. Queen und Slim sehen ein Kornfeld, das von schwarzen Sträflingen bestellt wird, die von bewaffneten weißen Polizisten bei der Arbeit bewacht werden. Eine »Chain gang« wie aus einem Film der 1930er. Oder Plantagensklaven wie im Süden der USA schon immer. Man sieht die Bestürzung in den Gesichtern des Paares über das, was es beiläufig am Wegrand gesehen hat. Das Todtraurige, beinahe Schockartige dieses Bildes liegt natürlich darin, dass dieses historisierende, »archaische« Zitatbild zugleich tatsächlich eine absolut gegenwärtige soziale Realität beschreibt. Der Blues ist nie nicht aktuell gewesen.

»Queen & Slim«, Regie: Melina Matsoukas, USA 2019, 133 Min., bereits angelaufen

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