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Aus: Ausgabe vom 14.01.2020, Seite 1 / Titel
Umweltzerstörung

Nur die Kohle zählt

Siemens markiert den Umweltengel – und bekennt sich zu Megaminenprojekt in Australien. Klimaschützer beklagen fatalen Beschluss und Heuchelei
Von Ralf Wurzbacher
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»Katastrophalstes Kohleminenprojekt der Welt«: »Fridays for Future«-Protest am Montag in München

Schön, dass man mal darüber geredet hat. Konsequenzen? Fehlanzeige! Siemens will an seinem Beitrag für ein desaströses Kohleminenprojekt in Australien festhalten. »Wir müssen unsere vertraglichen Verpflichtungen erfüllen«, ließ Vorstandschef Josef Käser (»Joe Kaeser«) am Sonntag abend im Anschluss an eine außerordentliche Vorstandssitzung via Kurznachrichtendienst Twitter verbreiten. Nach Abwägung aller Fakten habe man entschieden, die offerierte Zugsignalanlage für die im Bau befindliche Carmichael-Mine im Bundesstaat Queensland zu liefern. Nach einem Treffen des Topmanagers mit Luisa Neubauer, einer der Sprecherinnen von »Fridays for Future« (FFF), am zurückliegenden Freitag hatte immerhin noch eine Resthoffnung bestanden, der Konzern könnte aus dem Geschäft aussteigen (jW berichtete).

Daraus wird nichts, denn am Ende zählt im Kapitalismus eben nur die Kohle. Die indische Adani Group ist drauf und dran, im Nordosten von Down Under eines der größten Bergwerke der Welt aus dem Boden zu stampfen. Aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten sollen jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen »schwarzes Gold« gefördert werden. Umweltschützer kämpfen seit Jahren gegen das Irrsinnsvorhaben, das dem seit Wochen in Flammen stehenden fünften Kontinent klimapolitisch den Rest geben könnte. Experten rechnen mit einem jährlichen CO2-Ausstoß von vier Milliarden Tonnen, was dem Fünffachen der deutschen Emissionen entsprechen würde. Die Kritik richtet sich zudem gegen den gigantischen Verbrauch von Wasser, die großflächige Zerstörung von Lebensraum sowie den Transport der Rohstoffe über das akut bedrohte Great-Barrier-Korallenriff.

Man freue sich auf die Zusammenarbeit, zitierte am Montag dpa eine Adani-Sprecherin. »Wir lassen uns nicht einschüchtern oder davon abhalten, unsere Versprechen einzulösen.« Zuvor sollen bereits zwei für das Geschäft in Frage kommende Firmen eine Mitwirkung verweigert haben, womit Siemens eine Schlüsselrolle bei dessen Realisierung innehat. Bei seinem Gespräch mit Neubauer hatte Käser noch bekundet, dass man künftig früher erkennen müsse, wenn sich der Konzern an kritischen Projekten beteilige. Außerdem versprach er, ein »wirksames Nachhaltigkeitsgremium« zu schaffen, um Umweltfragen in Zukunft besser zu managen.

Derlei Greenwashing-Manöver lassen die Wut der Klimaschützer erst recht hochkochen. »Mit dem ›Ja‹ zum katastrophalsten Kohleminenprojekt der Welt tritt Kaeser die nachhaltigen Bestrebungen seines Unternehmens für ein Volumen von nur 20 Millionen Euro in die Tonne«, nahm FFF gestern in einer Pressemitteilung Stellung. Anlässlich der »fatalen Entscheidung« rief die Initiative für den späten Montag nachmittag zu Spontandemonstrationen vor Siemens-Sitzen in zahlreichen Städten auf – etwa Aachen, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Mainz und München. Von einem »unentschuldbaren Fehler« sprach FFF-Frontfrau Neubauer schon am Abend davor. Der Beschluss sei »aus dem Jahrhundert gefallen«, sagte sie der dpa und kündigte weitere Proteste an, unter anderem bei der Aktionärsversammlung am 5. Februar in München.

Ebenso empört reagierten gestern diverse Umweltschutzorganisationen. »Siemens kann weiter über seinen Einsatz für den Klimaschutz schwadronieren, nur wird es niemand mehr glauben«, konstatierte Regine Richter vom Verband Urgewald. Der Entscheid sei »nicht weniger als schändlich« und ruiniere das Image von Siemens, teilte die Australian Conservation Foundation mit.

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