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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 15 / Politisches Buch
»Radikale« Scheinopposition

Aufstand der Konformisten

Teils naiv, teils bizarr, vor allem aber eine Bankrotterklärung: Ein »Handbuch« zur Bewegung »Extinction Rebellion« ist erschienen
Von Christian Stache
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Geleimt: Ein »Extinction Rebellion«-Aktivist klebt seine Hand an einen Ziegelstein (London, 9.12.2019)

Das ins Deutsche übertragene und um zahlreiche Beiträge hiesiger Autoren ergänzte »Extinction-Rebellion-Handbuch« ist entstanden, um Klima- und anderen Aktivisten einen Leitfaden für die Alltagspraxis an die Hand zu geben. Das ist an sich ein sinnvolles Unterfangen. Nicht nur, aber auch, weil die in England im Jahr 2018 gegründete Umweltbewegung »Extinction Rebellion« (XR), die sich zum Ziel gesetzt hat, das sechste große Massenaussterben der Arten und den Klimawandel aufzuhalten, rasant gewachsen ist, gibt es, wie der Koherausgeber des englischen Originals, Sam Knights, in der Einleitung herausstellt, Bedarf an Orientierung für den Aktivismus auf der Straße, an inhaltlicher Bildung und Verständigung.

Aber dann das.

Die 35 Kurzessays zu den beiden Abschnitten »Die Wahrheit sagen« (Probleminterpretation) und »Jetzt handeln« (Reformideen) und die neun Vorschläge im Abschnitt »How to …« (deutsch »Wie kann man …«) zu potentiellen Mitteln der Rebellion bilden ein Potpourri aus verschlagworteten »Analysen«, Ideen für politische Reförmchen und Gefühlsmystik im Geiste eines grünen Sozialliberalismus. Grobe innere Widersprüche stellen sich so notwendig ein, etwa zwischen Fundamentalkritik an den Institutionen der bürgerlichen Demokratie und der fixen Idee eines neuen »Gesellschaftsvertrags« zwischen bürgerlichem Staat und jedem seiner Bürger. Die Blaupause eines solchen Vertrags ist tatsächlich im dritten Teil des Buchs abgedruckt. Auch klafft eine gewaltige Lücke zwischen radikaler Rhetorik, die bis zu vereinzelter Kapitalismuskritik und dem Aufruf zum »Kampf gegen jegliche Form von Vorherrschaft und Hierarchie« reicht, und handzahmen, teils grotesk naiven, teils bizarren Forderungen wie der nach »innerer Tiefenanpassung an den Klimawandel« durch »universelle Liebe«.

Zur »Wahrheit«, die XR verbreiten will, gehört offenbar nicht, dass die bürgerlichen Eigentums- und Produktionsverhältnisse den Kern der ökosozialen Krise bilden. Denn diese – und schon gar nicht ihre Revolutionierung – sind nicht einmal in dem einzigen Artikel zur Ökonomie Gegenstand, der sich in dem Band findet. Das Club-of-Rome-Mitglied Kate Raworth, Wirtschaftswissenschaftlerin an den Universitäten Oxford und Cambridge, befürwortet darin vielmehr eine »regenerative, distributive und jenseits von Wachstum lebensfähige Ökonomie«. Dafür müsse die Produktion und Verteilung nicht mehr zentral, sondern als Kreislaufwirtschaft und mit Hilfe von »vier Schlüsseltechnologien« (Solarpaneelen, 3-D-Druckern, mobilen Kommunikationsnetzen und offenen Wissensquellen) als Netzwerk organisiert werden. Um zuletzt »die strukturelle Abhängigkeit vom Wachstum zu beenden«, sollten die Ökonomien außerdem »nach dem Vorbild der Natur« gestaltet werden. So einfach geht also Postwachstumsgesellschaft.

Wer von der kapitalistischen Klassengesellschaft nichts wissen will, kapriziert sich natürlich auf andere Subjekte der Naturzerstörung und des Klimaschutzes. Durch zahlreiche Beiträge geistert daher trotz gelegentlicher Konzernschelte ein ominöses »Wir«: »Wir« seien es, die Wälder rodeten, »wir« zerstörten alles Leben, »wir« nähmen immer mehr Land in Beschlag usw. Die emeritierte Professorin für Anglistik und allgemeine Literaturwissenschaft Aleida Assmann bringt dankenswerterweise unzweideutig auf den Punkt, was mit diesem »Wir« gemeint ist: »Es gibt keine Gewinner und Verlierer mehr, alle sitzen im selben Boot.« Und weiter: »Die Menschheit ist zugleich Täter und potentieller Retter, Bedroherin und Bedrohte.« Farhana Yamin, eine Umweltanwältin, übersetzt, was das politisch heißt: »Es ist notwendig, dass alle sich zusammenschließen – Linke, Rechte und jede politische Couleur dazwischen.« Ob die britische Journalistin und Psychoanalytikerin Susie Orbach das meint, wenn sie in ihrem Beitrag behauptet, »wir« hätten eine »hervorragende politische Analyse«, nur um dann mehr Raum zur Auseinandersetzung mit »Klimakummer« einzufordern?

Um das praktische Handeln ist es schließlich im XR-Handbuch auch nicht besser bestellt als um die »Wahrheit«: Ein Hauptmedium politischer Veränderung für XR-Aktivisten sind sogenannte Bürgerversammlungen. Diese darf man allerdings nicht als Konkurrenz oder Ersatz für bürgerlich-parlamentarische Apparate missverstehen. Die Institutionen, mit denen »wir« laut Anne Dänner und Percy Vogel eine »effektive und sozial gerechte Klimawende demokratisch« erreichen könnten, sind lediglich eine Art großer Ökobeirat für Regierungen. Die Versammlungen sollen sogar von diesen einberufen werden; Entscheidungsgewalt sollen sie nicht erhalten. Die Idee ist, dass ihre per Zufall ausgewählten Mitglieder einen Querschnitt der Bevölkerung repräsentieren und Vorschläge zur Bewältigung der Klimakrise für Regierungen erarbeiten – ganz so, als gäbe es keine Klassen und keine antagonistischen Interessen.

Im Lichte dieser Bankrotterklärung oppositioneller Politik überrascht es dann auch nicht mehr, wenn Hazel Healy, Mitherausgeberin des New Internationalist, ohne die Doppeldeutigkeit zu bemerken, schreibt: »Ich will nur den Status quo – die gleiche Welt, aber mit stabilem Klima. Was ist daran so radikal?« Eben. Nichts.

Sina Kamala Kaufmann u. a. (Hrsg.): Wann wenn nicht wir. Ein Extinction-Rebellion-Handbuch. S. Fischer, Frankfurt am Main 2019, 256 Seiten, zwölf Euro

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