Gegründet 1947 Mittwoch, 29. Januar 2020, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2223 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Gutes Vorbild

Zu jW vom 8.1.: »Neues Vietnam für die USA«

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich Vertreter aller Länder zusammen und gaben sich das gegenseitige Versprechen, in ihren Beziehungen jede Anwendung von Gewalt zu unterlassen (UN-Charta von 1945). Aus den Nürnberger Prozessen gegen Nazikriegsverbrecher erwuchsen die »Nürnberger Prinzipien von 1950«, die die Strafbarkeit völkerrechtlicher Verbrechen festschrieben – ausdrücklich auch für Staatsoberhäupter und Regierungsmitglieder. Neben Kriegsverbrechen sind Verbrechen gegen den Frieden bzw. gegen die Menschlichkeit völkerrechtswidrig. Da es aber bis heute keinen Weltgerichtshof für Staatsterrorismus gibt, sind die vielfältigen Verbrechen zahlreicher (insbesondere westlicher) Regierungen der vergangenen 75 Jahre ungesühnt. Die USA sind seit Ende des Zweiten Weltkrieges die Schlüsselmacht beim völkerrechtswidrigen Umsturz von Regierungen in Guatemala, Brasilien, Chile, Iran, Uruguay, Syrien, Indonesien, Griechenland, Argentinien, Haiti, Bolivien und zahlreichen anderen Ländern, ebenso beim Ersetzen dieser Regierungen durch prokapitalistische Militärregime, welche dann ihre Märkte und Ressourcen für westliche Investoren öffneten. Das Attentat auf den iranischen General Kassem Soleimani ist ein erneuter Höhepunkt des US-amerikanischen Staatsterrorismus: Präsident Donald Trump gab den Mordauftrag, der mit militärischen Mitteln im Irak ausgeführt wurde – einem Land, das im Jahr 2003 vom US-Militär überfallen wurde, seitdem besetzt ist und unterdrückt wird. Soleimani war dort zu Gast und hatte offenbar vor, dem Irak behilflich zu sein, die penetranten Eindringlinge zu vertreiben (im deutschen Recht nennt man das »Nothilfe«, sie ist nicht strafbar). Die Antwort des Iran auf den Mord, das – angekündigte! – Bombardement zweier Stützpunkte der USA, ist unverhältnismäßig harmlos und zeigt das hohe Maß an Verantwortungsbewusstsein der Staatsführung für den Weltfrieden. Es ist wünschenswert, dass die USA und Israel sich ein Beispiel daran nehmen.

Peter Richartz, Solingen

Welche Freiheit?

Zu jW vom 8.1.: »Gleiche Rechte für alle«

Als 17jähriger Asylbewerber aus Afghanistan kam ich nach Deutschland – mit großen Hoffnungen. Was ich in meinem Leben bisher schon alles erlebt habe, »geht auf keine Kuhhaut«, wie man, glaube ich, in Deutschland sagt. Aber da ich Optimist bin, schreibe ich mal, ich hatte bisher in Deutschland eher Glück. Ich traf im »Eine-Welt-Verein« nette Menschen, erhielt Hilfe und konnte eine Lehre als Landschaftsgärtner beginnen. Während mir die praktische Ausbildung keine Schwierigkeiten bereitet, sieht das mitunter in den theoretischen Fächern nicht ganz so gut aus. Zum Glück traf ich im Verein einen früheren Deutschlehrer, und ich bin sehr froh, dass er mir hilft, die theoretischen Anforderungen zu bewältigen. Im vergangenen Jahr brauchte ich wieder seine Hilfe. Wir bekamen in der Berufsschule im Deutschunterricht »Der Ballon« gezeigt und sollten unsere Meinung dazu aufschreiben. Das war für mich nicht ganz einfach. Öfter nehmen wir die junge Welt zur Hand, um »verstehendes« Lesen zu üben. (…) Ich denke daher, es ist auch für Ihre Leser interessant, meine Gedanken zu erfahren. Der Film handelt von einer Flucht in einem Heißluftballon über eine Grenze. Er erinnerte mich an meine eigene Flucht. Aber er hat bei mir mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Eine Flucht über eine Staatsgrenze ist doch kein Abenteuer! Bei unserer Flucht mussten wir mehrere Staatsgrenzen überqueren, und immer wieder wurden wir gejagt und verfolgt. Wir kannten das Risiko. Wir mussten aus einem Land fliehen, das zwar unsere Heimat war, aber in dem jeden Tag unzählige Menschen umgebracht werden, weil sie die Auffassung der Taliban nicht teilen. Sehr viele Menschen dort wünschen sich Frieden, Freiheit und ein besseres Leben. Nur wenige können in Länder gehen, die ihnen ein solches bieten. Und die, die gehen können, möchten Geld verdienen und ihre alten Eltern oder ihre jüngeren Geschwister unterstützen. Viele zu Hause sind krank, haben nicht genug zu essen und leiden unter dem Krieg. Solche Leiden konnte ich bei den Leuten im Film nicht bemerken. Sie wollten in die Freiheit, riskierten dafür ihr Leben. Ich verstehe in diesem Zusammenhang das Wort Freiheit nicht. Was für eine Freiheit sollte das sein? Konnten die Menschen in der DDR nicht leben? Hatten sie zuwenig zu essen? Hatten sie keine Arbeit? Hatten sie keine medizinische Versorgung? Durften sie nicht oder nur wenige Jahre in die Schule gehen oder Mädchen überhaupt nicht, wie in vielen afghanischen Provinzen? Ich glaube, die Menschen im Film riskierten ihr Leben für viel weniger. Manchmal nennt man uns Wirtschaftsflüchtlinge – wie soll man die Flüchtlinge in dem Film nennen? (…) Von einer großen Freiheit in Deutschland haben meine Freunde und ich auch geträumt, aber wenn man, wie hier schon passiert, von der Arbeit abgeholt wird und, ohne dass man etwas verbrochen hat, nach Afghanistan abgeschoben wird, kann ich keine Freiheit erkennen. (…) Der Film war zwar spannend, aber ich hätte eine derartige Flucht nicht riskiert. Meine Flucht war zwar auch kein Zuckerschlecken, ich wurde unterwegs auch geschlagen und wegen illegalen Grenzübertritts ins Gefängnis gesteckt. Aber ich bin um mein Leben geflüchtet. (…)

Mohamad Ali M.

Ohne Strafzoll

Zu jW vom 10.1.: »Irans Punktgewinne«

Dem Kommentar stimme ich vollinhaltlich zu. Nur zwei Anmerkungen: 1.) Die »Entwurzelung der USA« in »der Region« betreiben die Vereinigten Staaten auch höchstselbst. Nur verstehen sie nicht, warum. Erstaunlich ist, dass die europäischen Kolonialmächte des 19. und 20. Jahrhunderts ihrem Nachfolger keine Spur hinsichtlich Einsicht oder Durchblick voraus sind. 2.) Zu der Bemerkung, dass bei einer weiteren Konfrontation »Zinksärge nach Washington ausgeflogen werden«: Liebe Leute, Zinksärge sind viel zu teuer! So was heißt heutzutage Body bag und kostet beim chinesischen Versandhändler Alibaba.com einen Dollar – ohne Strafzoll. Da hört der Wirtschaftskrieg auf!

Heiner Hopfmüller, per E-Mail

Erstaunlich ist, dass die europäischen Kolonialmächte des 19. und 20. Jahrhunderts ihrem Nachfolger, den USA, keine Spur hinsichtlich Einsicht oder Durchblick voraus sind.

Leserbriefe zu diesem Artikel: