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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Rosa-Luxemburg-Konferenz

Die Kunst retten

Das Kulturprogramm der XXV. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz
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Menschen bleiben stehen, gucken, reden drüber, wundern sich. Blick in die Ausstellung der »Gruppe Tendenzen Berlin«

Das Gewusel an den zahlreichen Ständen oben im Atrium nimmt zu. Hey, wie geht’s? Man kennt sich, erkennt sich, freut sich. Von hier starten gleich die Pokes ihr Rosa-Luxemburg-Konferenz-Begrüßungskonzert. Akustisch, oder fast, der Bassist hat sich verstärkt. Los geht’s. Freundlicher Opener einer freundlichen Band. Ein kleiner Folkpunkhit mit viel Akkordeon zwischen Büchertischen in Gewächshausklima. Die fünf Berliner Musiker – Bandclaim: Not irish, not traditional, just poking the fire – scheinen sich wohl zu fühlen. »Welcome to hell« geht der Refrain, die Konferenz ist natürlich nicht gemeint.

Platzwechsel, die Band musiziert sich durch den Raum, könnte hier oben ein paar Zuschauer mehr gebrauchen, kommt bestimmt noch. Der Sänger und Kopf der 2005 gegründeten Gruppe, ein Mann mit dem klingenden Namen Ian Beer, ist groß und schlank, schlaksig fast, beweglich in den Knien, seine Stimme sehr rauh, heiser, charismatisch, alte Punkschule. Chorgesang gibt’s auch. Na gut, alle singen gleichzeitig. Auf Teppich klingt das alles auch gleich viel besser, ein Stockwerk tiefer jetzt, im Raum, wo die »Gruppe Tendenzen Berlin« ausstellt und erste Neugierige die Bilder an den Wänden betrachten. Zum Schluss geht’s in den großen Saal, der inzwischen gut gefüllt ist. Ian Beer, der eine überraschend satte Sprechstimme hat, begrüßt die Anwesenden mit einem »Hoch die Tassen, auf das Gelingen des heutigen Tages!« Und fehlen wird er selbstverständlich nicht, der Pokes-Hit »God Save the Pokes«. Wenn es ihn gibt, tut er das.

Im großen Saal bittet ein paar Stunden später Moderatorin Anja Panse die Künstlerin Clementine Klein der Gruppe Tendenzen auf die Bühne. Ein großformatiges Werk von Klein ist im Eingangsbereich zu den Konferenzräumen zu betrachten. »Endstation Autoplanet« heißt es, im Zentrum die Erde, zum größeren Teil bereits unbewohnbar. Das passt. Was an Reste einer Ananas erinnert, könne man als Straße sehen, sagt Klein, weist auf die Werbeslogans hin, die an den Rändern des zerstörten Planeten zu lesen sind. Indem die Werbung uns Autos als etwas Positives verkaufe, bereite sie den Boden für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.

Eine Skulptur von Werner Mohrmann-Dressel heißt »Think Tank. Das große Eintrichtern« und zeigt eine Art Verwurstungsmaschine zur Standardisierung von Gedanken. Die auf mehrere Räume verteilte Ausstellung ist ziemlich gut besucht. Die Menschen bleiben stehen, gucken, reden drüber, wundern sich. Was man so macht in Ausstellungen, wenn die Kunst was hergibt.

Die Gruppe Tendenzen Berlin hofft zu ihrem zehnjährigen Jubiläum, dass bald in anderen Städten Ableger entstehen, sagt Klein. Wenn es tatsächlich so sei, dass 99 Prozent der Leute liebliche Kunst mögen und nur ein Prozent kritische, das Verhältnis bei den Künstlern aber andersherum sei, müssten ja viele Kollegen nach solchen traumhaften Möglichkeiten suchen, ihre Arbeiten auszustellen. Und sich zu organisieren. Kunst als Anpassung, als Herrscherlob gebe es mehr als genug.

Draußen ist es bereits dunkel, später Nachmittag, Moderatorin Anja Panse kündigt den »kulturellen Höhepunkt« der Konferenz an, eine Adaption des Oratoriums »Das Floß der Medusa« von Hans Werner Henze (Komposition) und Ernst Schnabel (Libretto). Ende 1968 wurde die Uraufführung in Hamburg kurzfristig abgesagt, weil der Komponist auf einem Che-Guevara-Plakat und einer rote Fahne bestand. Von Polizisten verletzt, wurde Henze in Gewahrsam genommen. Als die Chefredakteurin der Zeitschrift Melodie & Rhythmus (M & R), Susann Witt-Stahl, dem Schauspieler Rolf Becker vorschlug, dieses Werk dem Vergessen zu entreißen, sagte der sofort zu.

Die beiden erinnern auf der Bühne mit einleitenden Worten an die damalige Hetzkampagne gegen Henze, dessen Floß der Spiegel in glatter Umkehrung der Tatsachen in einem »Sog der Konterrevolution« treiben sah. »Die Revolutionierung der Kunst hat zur Voraussetzung die Revolutionierung der Verhältnisse – die Kunst ist gerettet, wenn die Menschen gerettet sind«, sagt Becker, und zitiert Henze, dessen »Weg zum Marxismus« mit Lernschwierigkeiten gepflastert gewesen sei. Er habe sich, sagte der Komponist selbst, erst klarwerden müssen über den Zusammenhang zwischen den Elenden und der moralischen Verelendung in den Zentren des Kapitals. Zwischenapplaus.

Becker präsentiert den renommierten Jazzmusiker und Komponisten Hannes Zerbe, der eine Adaption des Oratoriums für die »Künstlerkonferenz« der M & R im Sommer 2019 komponiert hat und sie nun gemeinsam mit seinem Jazzensemble aufführt. Becker wirft ein schwarzes Tuch um und verwandelt sich in Charon, Fährmann auf dem Totenfluss und Erzähler der Geschichte, in der die Mächtigen gerettet werden und die Armen elendig verrecken. Er stellt ein Ruder in einen Eisenkorb, schwenkt einen roten Fetzen, schreit »Vive le roi!«, ruft flüsternd »Madame La Mort« herbei. Klagelaute der Klarinette (Jürgen Kupke), ein Ächzen des Altsaxophons (Silke Eberhard), das Schlagzeug (Christian Marien) treibt an. Manchmal ist Zerbe am Klavier ganz alleine zu hören: Ein Melodielauf bricht ab, ein Ton wird wiederholt. Stille.

Hinter den Musikern riesige Fahnen mit den Bildnissen von Che Guevara, Ho Chi Minh, Patrice Lumumba und anderen Revolutionären. Die Schönheit der Melodiebögen schmerzt, die Rhythmen erzeugen Spannung. Am Ende ist der Saal »belehrt von Wirklichkeit«, »fiebernd, sie umzustürzen«. Großer Applaus, Jauchzer, Bravo-Rufe. Das geht einige Minuten lang so. Der Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!-Rhythmus am Ende von Zerbes Komposition hallt noch eine Weile länger nach. (jW)

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