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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Alle gegen China

Taiwaner Administration gewählt
Von Jörg Kronauer
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Unterstützer der taiwanesischen Präsidentin Tsai Ing-wen vor der Zentrale ihrer Partei DPP in Taipei (11.1.2020)

Was braucht die Welt in einer Zeit, in der die Spannungen, Konflikte und Kriege rund um den Globus eskalieren wie seit vielen Jahren nicht mehr? Natürlich: noch mehr Frontlinien. In diesem Sinne jedenfalls äußerte sich der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen kurz vor der Präsidentenwahl am Samstag in Taiwan. Die Insel sei »die nächste Frontlinie im Kampf zwischen Demokratie und Autokratie«, tönte Rasmussen am Mittwoch in einem Beitrag für Springers Welt: »Alle Liebhaber der Freiheit sollten sich dem Kampf anschließen.« Wieder alle gegen China? The Germans to the front?

Der Wahlsieg von Amtsinhaberin Tsai Ing-wen dürfte die Frontträume, die Rasmussen und andere kalte Krieger hegen, kräftig befeuern. Tsai steht für einen harten Kurs gegen die Volksrepublik; die Chancen auf einen Ausgleich mit Beijing in den kommenden Jahren sind denkbar gering. Ob das Wahlergebnis tatsächlich nur eine »vorübergehende Gegenströmung« darstellt, wie es gestern ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums annahm, bleibt abzuwarten. Vermutlich haben die Proteste in Hongkong der Amtsinhaberin Auftrieb verschafft; nur – auch für Hongkong ist noch keine Lösung in Sicht. Wer in den nächsten vier Jahren in Taipeh durch offene Türen treten und offene Ohren finden, seine Positionen also ausbauen können wird, das konnte man gestern klar sehen: Unmittelbar nach ihrem Sieg empfing Tsai den US-Diplomaten Brent Christensen, der als Direktor des »American Institute in Taiwan« quasi als Botschafter der USA in Taipeh agiert.

Die Taiwan-Politik der Vereinigten Staaten aber lässt keine Fragen offen. Seit je rüsten die USA die Insel gegen Beijing auf – offiziell, damit sie sich jederzeit gegen etwaige Angriffe der Volksrepublik verteidigen kann. Faktisch schafft sich Washington in Taipeh einen schlagkräftigen Verbündeten – unmittelbar vor der chinesischen Festlandsküste. Bereits Präsident Barack Obama hatte Taiwan Rüstungslieferungen im Wert von 14 Milliarden US-Dollar genehmigt, mehr als all seine Vorgänger seit der förmlichen Anerkennung der Volksrepublik im Jahr 1979 zusammen. Donald Trump setzt diesen Kurs fort. Im August hat er ein Acht-Milliarden-US-Dollar-Geschäft genehmigt, das vor allem die Lieferung von 66 F- 16-Kampfjets an Taiwan umfasst. Ohnehin sind, offiziell als »Berater« und »Beobachter«, US-Soldaten auf der Insel stationiert.

Und: Auch europäische Mächte haben in Sachen Taiwan längst mit eigenen Provokationen gegen Beijing begonnen. Frankreich etwa schickt laut Aussage von Militärkreisen gewöhnlich einmal pro Jahr ein Kriegsschiff durch die Taiwan-Straße zwischen der Insel und dem chinesischen Festland. Zwar plant Berlin zur Zeit nicht offiziell, es Paris nachzutun. Einige Militärs fordern das allerdings inzwischen. Die neue Frontlinie, die Ex-NATO-Generalsekretär Rasmussen wünscht, sie zeichnet sich längst deutlich ab – und zwar auch zwischen China und Europa.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Achim Lippmann: Keine linke Alternative Man sollte das Wahlergebnis in der Provinz Taiwan nicht allzu hoch hängen. Es traten zwei Parteien an, die antikommunistisch sind. Die Kuomintang war ursprünglich (zu Lebzeiten von Sun Yatsen, der auc...
  • Istvan Hidy: Isolierte Insel Die Insel sei »die nächste Frontlinie im Kampf zwischen Demokratie und Autokratie«. Jedoch: In Asien läuft die Zeit der Geschichte etwas anders, als wir es im Westen erwarten. Die VR China ist im Begr...

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