Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. April 2020, Nr. 81
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.01.2020, Seite 4 / Inland
Automatisierte Gesichtserkennung

Gesetz gegen »Morphing« geplant

Regierung will Fälschung von Passfotos verhindern. Eltern werden besonders zur Kasse gebeten
Von Matthias Monroy
RTSZZ4O.jpg
Seit der Einführung des elektronischen Ausweises speichert der Staat von allen Bundesbürgern biometrische Merkmale

Die Bundesregierung hat ein neues »Gesetz zur Stärkung der Sicherheit im Pass- und Ausweiswesen« angekündigt. Die für die Beantragung von Personalausweisen oder Reisepässen nötigen Lichtbilder sollen demnach nur unter Aufsicht von Mitarbeitern der zuständigen Behörde aufgenommen werden dürfen. Damit will die Koalition das sogenannte Morphing verhindern. Die Methode meint das computergenerierte Verschmelzen von zwei oder mehreren Gesichtsbildern zu einem einzigen Gesamtbild. Die Gesichtszüge bleiben dabei teilweise erhalten, mischen sich aber mit Konturen anderer Personen. Dadurch wird es schwer oder unmöglich, die Fotos für die automatisierte Gesichtserkennung zu benutzen.

Auf den Ämtern sollen die Antragsteller selbst für die Aufnahmen der Lichtbilder zuständig sein. Die rund 5.500 Pass- und Ausweisbehörden in Deutschland sollen dafür mit 11.000 Selbstbedienungseinrichtungen ausgestattet werden. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, sollen die Terminals, die unter anderem von Firmen wie der Bundesdruckerei hergestellt werden, 177 Millionen Euro kosten. In einigen Bürgerämtern wurden bereits entsprechende Tests durchgeführt.

Dort kostet die Prozedur, bei der Fotos, eine Unterschrift und Fingerabdrücke digital gespeichert werden, fünf Euro. Anschließend werden die Daten über eine interne Leitung an den zuständigen Sachbearbeiter geschickt. Die Gebühren für die Beantragung von Pass und Personalausweis könnten sich laut dem Bundesinnenministerium um drei Euro erhöhen, was allerdings deutlich unter den Kosten für Passfotos bei kommerziellen Fotografen liegt. Die Neuerungen sollen nach einer Übergangszeit von zwei Jahren in Kraft treten – falls Bundestag und Bundesrat innerhalb der kommenden Monate zustimmen, also ungefähr im Sommer 2022.

Auf das Phänomen des »Morphing« hat vor zwei Jahren das Künstlerkollektiv »Peng!« aufmerksam gemacht. Über die Internetseite Mask.id können eigene Passbilder hochgeladen werden, um diese mit anderen Fotos zu kombinieren. EU-Staatsangehörige sollten dabei helfen, Pässe zu erstellen, deren Lichtbilder biometrische Merkmale von Asylsuchenden enthalten. Anschließend könnten diese die Ausweise nutzen, um eine EU-Außengrenze zu übertreten. Ob die Kunstaktion jemals zu einem solchen Grenzübertritt geführt hat, ist unklar. »Peng!« hat jedoch erklärt, dass eine Aktivistin der Gruppe einen Reisepass beantragen konnte, und das verwendete Foto Merkmale der damaligen EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini enthielt.

Vielfach wird vermutet, dass die Kunstaktion zu den Maßnahmen gegen das »Morphing« geführt hat. Vermutlich war es umgekehrt. Die Bundesregierung setzt die vor einem Jahr beschlossene »EU-Verordnung zur Erhöhung der Sicherheit der Personalausweise« um. Zu den dort vorgeschriebenen neuen Sicherheitsstandards gehört die Speicherung eines Gesichtsbilds und zweier Fingerabdrücke auf einem »hochsicheren Speichermedium«.

Mitgliedsstaaten können entscheiden, ob sie auch von Kindern ab sechs Jahren biometrische Daten in den Ausweisen verlangen. Im deutschen Entwurf findet sich hierzu die Regelung, dass ein gewöhnlicher Kinderreisepass nicht mehr sechs Jahre, sondern nur noch ein Jahr gültig ist. Mit Fingerabdrücken und Gesichtsbild gilt der Pass dann sechs Jahre, kostet statt bisher 13 Euro zukünftig aber das Dreifache.

Regio:

Mehr aus: Inland

Drei Wochen kostenlos probelesen!