Gegründet 1947 Dienstag, 25. Februar 2020, Nr. 47
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Was das Leben bringt

Weniger streng: Josienne Clarkes Folkalbum »In all Weather«
Von Alexander Kasbohm
JOSIENNE_6_14HI Kopie.jpg
Josienne Clarke ist wieder bei sich, wundert sich, ordnet ein

Josienne Clarke war bislang als vordere Hälfte des Folkduos Josienne Walker & Ben Walker bekannt. Ben Walker trägt einen blonden Junger-Vater-Bart und wirkt – wie viele Träger dieses Barttyps – auf sämtlichen Promobildern ausgesprochen humorlos und selbstgerecht. Ein Vorurteil des Rezensenten, sicher. Walker mag in echt ein total knuffiger Typ sein oder auch nicht, mir stellte sich jedoch immer die Frage: Warum macht diese Frau eigentlich mit diesem unangenehmen Typen Musik. Die Frage stellte sie sich, nach fünf gemeinsamen Platten, offenbar auch, beendete private wie berufliche Bindungen und zog sich auf die schottische Insel Bute vor der Mündung des River Clyde zurück, um Abstand zu gewinnen und ein Soloalbum zu schreiben.

Gott sei Dank verzichtet Josienne Clarke auf die bei Trennungsalben üblichen Floskeln (»Mein persönlichstes Album«, »entstanden in einer persönlich schwierigen Zeit«). Dem Hörer kann es ja auch piepegal sein, ob die traurigen Songs auf »In all Weather« während einer schwierigen Zeit entstanden sind oder während einer sehr glücklichen – entweder sprechen sie zu einem oder sie tun es nicht. Hier handeln sie von dysfunktionalen, manipulativen Beziehungen und von der Befreiung, die das Hinter-sich-Lassen bestenfalls mit sich bringt. Natürlich geht es um die Themen, die einen beschäftigen, wenn man sich in Klausur begibt, um gescheiterte Beziehungen zu verarbeiten und sich selbst wiederzufinden, nachdem man sich irgendwo auf dem Weg verloren hatte. Die Stücke sind nachdenklich und glasklar in ihrer Analyse, vor allem »If I didn’t Mind«, in dem sie einen manipulativen Partner mit den Zeilen »You’ve got the problems, but I am the one who needs to change / You’re so angry, but I’m the one that’s acting strangely / You don’t speak clearly, but I’m not hearing you right / And I’m the only person fighting in this fight … everything would be alright, if I didn’t mind« bedenkt.

Clarke ist wieder bei sich, schaut in den Rückspiegel, wundert sich und ordnet ein. Und zeigt dabei durchaus Humor. Mit »Slender, Sad and Sentimental« hat sie sogar einen kleinen, Cardigans-inspirierten Indiepophit gemacht. Der Titelsong »(Learning to Sail) In all Weather« bringt die Stimmung recht gut auf den Punkt: Es geht um die neugewonnene Stärke, die aus dem Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein entstehen kann. Nach Jahren des Lebens zu zweit mit allen Abhängigkeiten wieder zu lernen, wie es ist, sich der Welt alleine zu stellen. Die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und wieder zu spüren, wozu man in der Lage ist. Josienne Clarke ist auch schlau genug zu wissen, dass Emotionen stärker wirken, wenn man nicht ostentativ versucht, sie über die Stimme zu transportieren. Sie singt mit nüchterner, klarer Folkstimme, die häufigen Vergleiche mit Sandy Denny kommen nicht von ungefähr.

»In all Weather« ist weit weniger streng oder puristisch als Alben mit Walker. Diese Offenheit wirkt wie ein Zeichen der Lebensfreude, der Lust, auszukosten, was das Leben bringt, ob es in Konzepte passt, oder nicht, ob es traurig oder schön oder beides ist. Herausgekommen ist jedenfalls ein Album, das zugänglicher und freundlicher ist, als alles, was sie zuvor aufgenommen hat. Einfacher und direkter auch als die Arbeiten mit Ben Walker, ohne deren konstruierte Kunsthaftigkeit und Künstlichkeit. Die gemeinsamen Alben wirkten bei aller Schönheit immer ein wenig zu genau durchdacht. Clarkes Solodebüt hat, was den Platten des Duos oft fehlte: einen immensen Charme.

Josienne Clarke: »In All Weather« (Rough Trade/Beggars Group/Indigo)

Mehr aus: Feuilleton