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Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Sachbuch

Irgendwas mit RAF

Patrizia Schlosser erzählt von Tochter-Vater-Komplikationen vor Terrortapete
Von Frank Willmann
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Haben Sie die RAF-Rentner gesehen? Fahrzeugkontrolle bei München (1972)

Seit etlichen Jahren überfallen nach Ansicht der deutschen Sicherheitsbehörden drei RAF-Rentner Geldtransporter, um sich damit ihren Lebensabend zu verschönen. Weder Polizei noch diversen Geheimdiensten ist es bisher gelungen, der Killeroma und ihren zwei Kerlen auf die Spur zu kommen. Ist das nicht komisch?

Die Rentner beschäftigen aber nicht nur die Schupo, sondern auch Hirne diverser braver und weniger braver Mitbürger abseits des Apparats. Nehmen wir zum Beispiel die Patrizia Schlosser und ihren Papi. Der ist ein nicht sonderlich heller Expolizist, dessen Glaube an die Urgewalt des Staates und seiner Gesetze unerschütterlich ist. Er trifft auf eine naiv-nachdenkliche Tochter, die sich über ihren Vater und dessen passive Teilnahme am Münchner Terrordebakel bei Olympia 1972 der deutschen Geschichte annähert.

Papi hatte beim Flughafenmassaker den Popo von Franz Josef Strauß im Gesicht und schleppt die psychischen Problemchen, die einem das zwangsläufig verpasst, seither nach guter alter Tradition allein durch die Welt. Niemals wollte er über das Grauen reden, das er 1972 erleben musste. Patrizia hat eine dunkle Ahnung und ist ansonsten der Ansicht, dass aus journalistischen Gründen usw. die deutsche Öffentlichkeit unbedingt die Geschichte erfahren solle. Welche noch mal. Na die der RAF-Rentner … oder die der RAF … oder die ihres Vaters ... also ihre … unsere … global.

Global gesehen ist bestimmt alles irgendwie verflochten. Patrizia hat zu Hause ein großes Poster von Hannah Arendt hängen, das muss als Erklärung reichen. Munter macht sie sich, mal mit, mal ohne Vati, auf den Weg, um den RAF-Rentnern irgendwie auf die Schliche zu kommen. Sie trifft Expolizisten, Exzeugen, Exunterstützer, diverse Exe und Exinnen, die ihr nichts Neues, bzw. gar nichts erzählen. Also bleibt alles im Nebel der Geschichte verborgen. Zu allem Übel warnt auf Indymedia ein pfiffiger Greis, der über die 80er Jahre wacht, vor Patrizia und ihren schlimmen Lockangeboten. Das kann man noch immer nachlesen, was man unbedingt tun sollte – herrlich. Aber Vati ist noch da, dessen Trauma, journalistisch betrachtet, wertvoll sein könnte.

Den Rest können Sie sich denken. Wenn nein: Unweit von Israel kommt es zum familiären Showdown. Vati bricht endlich sein Schweigen und erzählt von der Nacht auf dem Flughafen. Roter Stern aufs Cover, RAF in den Titel, wird schon, amen.

Patrizia Schlosser: Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich, Hoffmann und Campen, Hamburg 2019, 256 Seiten, 18 Euro

https://kurzlink.de/Schlosser

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