Gegründet 1947 Freitag, 28. Februar 2020, Nr. 50
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Am anderen Beckenrand

Frühstück im Hotelpool: Frank Witzel verkauft uns sein Schwimmtagebuch als Metaphysik
Von Dirk Braunstein
asdasd.jpg
Geht richtig gut rein: Frank Witzel erschöpft sich

Mögen Sie Schwimmen? Bestimmt nicht so sehr wie Frank Witzel, der in seinem angeblich »metaphysischen Tagebuch« »Uneigentliche Verzweiflung« eigentlich über sein Schwimmpensum schreibt: »Beim Schwimmen kann ich meine Vorstellungen von Schwimmen als illusorisch erkennen (…) Das Schwimmen, das Schwimmen ist eine Himmelsmacht (…) anderen Schwimmern, die mit mir im Becken sind (…) Es geht mir beim Schwimmen ähnlich wie früher (…) im Außenbecken des Nordbads (…) Ich neige dazu, mich beim Schwimmen zu überfordern (…) vielleicht zwei halbe Bahnen (…) Ich bräuchte Wittgenstein als Schwimmlehrer (…) noch etwas zum Schwimmen (…) ein weiteres Mal das Becken des Tages durchschwommen (…) mit dem Rad durch den Wald zum Schwimmbad (…) Anmerkung vor dem Schwimmen (…) im Schwimmbad (…) draußen, vor dem Schwimmbad (…) Wiederholung meiner Tätigkeiten, zum Beispiel des regelmäßigen Schwimmengehens (…) das Schwimmbad geschlossen (…) seit zwei Tagen nicht mehr schwimmen (…) Parallelen zu Kafka: Schwimmen (…) zur Schwimmhalle gezwungen (…) Das Schwimmen noch vor dem Frühstück im Hotelpool (…) Vielleicht geht es darum, in Bahnen zu schwimmen (…) Beim Schwimmen (…) einfach zu schwimmen (…) Es ist das Anvisieren des gegenüberliegenden Beckenrandes, an dem man ohnehin wieder umkehrt und weiterschwimmt (…) eine Chlorallergie (…) Apropos: Ich gehe wieder schwimmen (…) Ich frage mich, ob es um das Schwimmen geht (…) Ganz automatisch schwimme ich die ersten zehn Bahnen (…) das ich doch eigentlich langsam schwimmen und dahingleiten wollte (…) der Schwimmer (…) Der Schwimmer (…) das Schwimmen (…) Weil ich kein guter Schwimmer bin, schwimme ich aktiv (…) Beim Schwimmen fängt das Vergnügen erst dann an, wenn ich vergessen habe, wie ich durch das Wasser gleite (…) Kafka hingegen löst mein Problem mit dem Schwimmen (…) Fragment vom Schwimmer (…) Nach zehn Tagen Unterbrechung das erste Mal wieder schwimmen (…) Mittags Schwimmen. Gleißende Sonne in der Schwimmhalle.«

Wenn Witzel mal über etwas anderes als sein Schwimmen schreibt, dann über seine Weltabgewandtheit. Die führt ihn allerdings nicht, wie er meint, in die Metaphysik – die sich ja gerade mit der Konstitution der Welt beschäftigt –, sondern zu Innerlichkeit und Realitätsverweigerung. Dort aber wartet der Jargon und scharrt; er will Gassi geführt werden, und Witzel tut ihm den Gefallen und raunt in existentialistischer Pose so allerlei weg: »Man muss sich nicht eine Frage stellen, sondern sich einer Frage stellen. Es geht in diesem Sich-Stellen nicht darum, die Frage erschöpfend zu beantworten, sondern sich selbst zu erschöpfen. Nur wenn man selbst erschöpft ist, weil man sich der Frage immer und immer wieder gestellt hat, beantwortet sich die Frage.«

Kapiert, Lesepöbel? – Nicht? Dann vielleicht so: »Gott ist das, was unabhängig davon existiert, ob man daran glaubt oder nicht.« – Okay, das ließe sich natürlich auch vom Berliner Hauptbahnhof, von Großmutters Nudelsalat und vom gegenüberliegenden Beckenrand sagen, aber mit »Gott« ist es halt Metaphysik, denn: »Ich stelle mir die Metaphysik als etwas vor, das neben der Physik besteht, allerdings nicht unabhängig von ihr, weshalb es die Physik beeinflussen kann. Physik wäre meine Scham, Metaphysik wäre die Einsicht in die Gründe der Scham. Physik wäre der Traum, Metaphysik die Traumdeutung. Das Denken bestünde darin, die Verbindung zwischen Physik und Metaphysik zu suchen.«

Ganz schön tief und dunkel und denkerisch und überhaupt verdammt tiefdunkeldenkerisch. Oder der hier: »Die Erwähnung der Zukunft erweckt automatisch die Frage nach der Vergangenheit.« Wären Sie drauf gekommen? Noch einer: »Vielleicht ist der Unterschied zwischen Philosophie und Religion allein der, dass Religion immer auch Praxis ist, während Philosophie ohne Praxis auszukommen meint.« Meint jedenfalls Witzel; keine Ahnung, weshalb, aber der Sound geht richtig rein, oder etwa nicht? Hier, noch ein allerletzter: »Natürlich könnte ich zur Beruhigung jetzt Simone Weil im Vergleich zu Leibniz anschauen, wie ich es gestern Nacht noch vorgehabt hatte« – natürlich, natürlich. Aber? Komm, gib’s uns so richtig uneigentlich! –, »aber käme das aus der gleichen Dringlichkeit wie der, mit der es mir gestern einfiel?«

Höchstwahrscheinlich nö. Schönen guten Abend! Nun zum Wetter: »Ich fahre in diesem düsteren, regnerischen Abend zum Schwimmen …« (langsam Ausblenden).

Frank Witzel: Uneigentliche Verzweiflung. Metaphysisches Tagebuch I. Matthes & Seitz, Berlin 2019, 295 Seiten, 22 Euro

Mehr aus: Feuilleton