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Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 7 / Ausland
Südafrika

Konzerninteressen vor Leben

Freigegebene Dokumente zeigen Londons Reaktion auf Hinrichtung von Saro-Wiwa 1995 in Nigeria
Von Christian Selz, Kapstadt
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Protest vor dem Shell-Unternehmenssitz in Mumbai gegen die Hinrichtung Ken Saro-Wiwas in Nigeria (10.11.1997)

Als das nigerianische Militärregime unter Diktator Sani Abacha Ende 1995 den Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa hinrichtete, blickte die Welt schockiert auf das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Mit der von ihm aufgebauten Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes (Movement for the Survival of the Ogoni People, Mosop) hatte Saro-Wiwa gegen die Umweltzerstörung durch Ölförderung im Nigerdelta protestiert – und damit den Zorn des von den Konzernen korrumpierten Regimes auf sich gezogen.

Nachdem der Schriftsteller und Minderheitenführer schließlich von einem Militärtribunal mit Hilfe konstruierter Vorwürfe wegen angeblichen Aufrufs zum Mord zum Tode verurteilt und kurz darauf gehenkt worden war, flossen in westlichen Hauptstädten Krokodilstränen. Als »schrecklich« beschrieb Großbritanniens Premierminister John Major die Hinrichtung Saro-Wiwas und sprach sich für eine »fundamentale und anhaltende Änderung der Regierungsführung in Nigeria« aus. Taten ließ er jedoch keine folgen. Deklassifizierte Dokumente zeigen nun, warum: Die Regierung hatte sich auf die Seite des Mineralölkonzerns Shell geschlagen. Premier Major, auch das belegen die zum Jahreswechsel freigegebenen Unterlagen, war sich nicht einmal zu schade, Südafrikas Präsidenten Nelson Mandela anzulügen.

Wie das südafrikanische Nachrichtenportal Daily Maverick unter Berufung auf die Dokumente am 31. Dezember berichtete, hatte Mandela in einem Telefonat mit Major am 14. November 1995, also vier Tage nach der Hinrichtung Saro-Wiwas, ein Handelsembargo gegen Nigeria gefordert. Der Brite sagte dem südafrikanischen Präsidenten demnach zu, seine Regierung würde »dies erwägen«, er sei »Handelssanktionen gegenüber nicht verschlossen«. Mandela verlieh seinen Forderungen vier Tage später mit einem offiziellen Schreiben Nachdruck, woraufhin Major mit zehn Tagen Verzögerung am 28. November antwortete, »bisher nichts ausgeschlossen« zu haben.

Aber bereits am 9. November, einen Tag bevor das nigerianische Regime Saro-Wiwa hinrichtete, war in London eine Liste britischer Wirtschaftsinteressen in Nigeria zusammengestellt worden. Das Investitionsvolumen in dem westafrikanischen Land wurde dabei auf drei bis fünf Milliarden Pfund (heute 3,5 bis 5,9 Milliarden Euro) geschätzt. Ganz oben auf der Liste standen zwei Ölkonzerne: Shell und BP. Nach der Hinrichtung erstellten Regierungsmitarbeiter dann eine Übersicht über mögliche Sanktionen, die von einem Sportboykott bis zu einer Aussetzung von Waffenexporten reichten. Maßnahmen wie das Einfrieren von Auslandsvermögen, ein Ölembargo oder Handelssanktionen, die neben Südafrika auch mehrere weitere afrikanische Länder sowie Schweden forderten, tauchten allerdings lediglich unter dem Punkt »andere Optionen mit größeren Risiken für britische Interessen« auf.

Als Major mit Mandela telefonierte, war die Entscheidung der britischen Regierung längst gefallen. Das Außenministerium hatte dem Premier von Handelssanktionen strikt abgeraten, und ein Sekretär hielt fest, dass der Premier dieser Linie folgte. Der Einsatz der Regierung für die Interessen der Konzerne ging jedoch noch wesentlich weiter. Bereits am Tag nach der Hinrichtung tauschte die britische Botschaft in Lagos mit der Führung von Shell-Nigeria Informationen aus, da der Konzernchef Vergeltungsattacken von »Ogoni-Hitzköpfen« befürchtete. Majors Ministerin für Entwicklung in Übersee, Lynda Chalker, beriet den Konzern gar bei dessen Öffentlichkeitsarbeit und versicherte, »dem Drängen der Südafrikaner und einiger europäischer Partner auf Wirtschaftssanktionen zu widerstehen«. Chalker wusste, was sie tat: Bevor sie Ministerin wurde, hatte sie für ein gemeinsames Marketingunternehmen von Shell und BP gearbeitet.

Die Strategie ging auf. Auch weil die deutsche Bundesregierung kein Interesse an Wirtschaftssanktionen gegen Nigeria hatte, zogen sich die Verhandlungen darüber im EU-Rahmen bis zum Tod Sani Abachas 1998 hin und wurden daraufhin eingestellt. Shell fördert im inzwischen zu weiten Teilen völlig zerstörten Nigerdelta bis heute Öl.

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