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Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 6 / Ausland
Türkei/Kurdistan

Flut erreicht Hasankeyf

Damm geschlossen: 12.000 Jahre alter Felsenstadt in der Osttürkei droht Zerstörung. Zehntausende Kurden werden vertrieben
Von Nick Brauns
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600 Jahre alte Moschee wird aus Hasankeyf abtransportiert – wie eine Kriegsbeute mit türkischen Fahnen drapiert (16.12.2019)

Die Überflutung der historischen Felsenstadt Hasankeyf durch die Aufstauung des Tigris im kurdischen Südosten der Türkei hat begonnen. Das meldete die Hasankeyf-Koordination, in der zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen aus der Türkei und dem Ausland zur Rettung der 12.000 Jahre alten Stadt mit ihren einzigartigen Monumenten aus 20 östlichen und westlichen Zivilisationen zusammengeschlossen sind, am Dienstag in einem dringlichen Appell an die Öffentlichkeit.

Der Bau des von der örtlichen Bevölkerung abgelehnten, aber durch Tausende Soldaten und paramilitärische Dorfschützer abgesicherten Ilisu-Großstaudammes war im Frühjahr beendet worden. Durch die Aufstauung des Tigris im Rahmen des seit den 1970er Jahren betriebenen »Südostanatolien-Projekts« (GAP) soll ein 312 Quadratkilometer großer Stausee entstehen, in dem neben Hasankeyf auch 199 Dörfer verschwinden werden. Über 80.000 Menschen verlieren dadurch ihre Häuser und ihre ökonomische Lebensgrundlage vor allem in der Landwirtschaft, sie werden weitgehend entschädigungslos und ohne Jobperspektive aus ihren Dörfern vertrieben.

Dabei handelt es sich nicht um einen Kollateralschaden im Rahmen des offiziell der »Entwicklung« der bislang unterentwickelt gehaltenen Region dienenden GAP-Projektes, sondern um Absicht im Rahmen von Aufstandsbekämpfungsplänen. Denn die Region ist eine Hochburg der kurdischen Befreiungsbewegung. Die im Untergrund aktive Arbeiterpartei Kurdistans PKK sowie die legale linke Partei HDP haben hier großen Zulauf. Damit sich die Guerilleros nicht mehr gemäß dem maoistischen Diktum »im Volk wie die Fische im Wasser« bewegen können, setzt der Staat auf die Vertreibung der Bevölkerung durch das Wasser. Als Waffe dient das Wasser auch zur politischen Erpressung gegenüber dem Nachbarland Irak, dessen Landwirtschaft durch die Aufstauung des als Lebensader Mesopotamiens dienenden Tigris von Austrocknung bedroht ist.

Kurz bevor die Fluten Hasankeyf erreichten, rissen Bauarbeiter in den letzten Wochen noch den dortigen Basar ab. Mehrere historische Monumente wurden von der niederländischen Firma Bresser mit Spezialtechnik in einen von Kritikern als »archäologisches Disneyland« bezeichneten Archäologiepark am anderen, erhöht gelegenen Tigrisufer versetzt. Zuletzt wurde Mitte Dezember auf einem riesigen Sattelschlepper eine über 600 Jahre alte Moschee abtransportiert – das in vier Teile zerlegte historische Gebäude war dabei wie eine Kriegsbeute mit türkischen Fahnen drapiert.

Nicht versetzt werden können dagegen die Pfeiler einer steinernen Brücke, die direkt in die Felsen hinein gebaute Burganlage sowie 5.500 Höhlenwohnungen. Auch Hunderte noch unentdeckte archäologische Plätze, die über die Sesshaftwerdung der Menschen in der neolithischen Revolution Auskunft geben können, sollen nach dem Willen der türkischen Regierung für das auf gerade einmal 50 Jahre Betriebsdauer angelegte Wasserkraftwerk in den Fluten des Tigris verschwinden.

Angesichts der seit Jahren andauernden Proteste, die in mehreren internationalen Aktionstagen gipfelten, hatte die türkische Regierung behauptet, bei der im Juli 2019 angeordneten Schließung der Staumauern handele es sich lediglich um eine Testflutung. Entsprechend erfolgte keine Warnung an die Bewohner des Tigristals. 35 Dörfer seien bereits überflutet, berichtet die Hasankeyf-Koordination. Insbesondere in der Provinz Siirt mussten zahlreiche Menschen vor dem schnell ansteigenden Wasser aus ihren Dörfern fliehen und Teile ihres Besitzes zurücklassen. Die Bewohner von Hasankeyf wurden seit August in eine Neubausiedlung auf der anderen Flussseite umgesiedelt. Doch nur denen, die in Hasankeyf ein Haus besessen haben, wird ein Anrecht auf ein neues Haus gewährt, für dessen Kauf die vom Staat ausgezahlte Entschädigungssumme allerdings bei weitem nicht ausreicht. Immer noch leben 40 Familien in ihrer Heimatstadt, weil sie keine neue Wohnung erhalten haben und nicht wissen, wohin sie ihre Nutztiere bringen sollen.

»Trotz der Zerstörung des Tigristals können wir die Katastrophe noch stoppen«, gibt sich die Hasankeyf-Koordination dennoch kämpferisch. »Die Regierung muss dazu aufgefordert werden, die Flutung des Ilisu-Staudamms zu beenden.«

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