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Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 2 / Inland
Strukturelle Gewalt

»Auch das gehört zum kolonialen Erbe«

Mit oder ohne AfD-Framing: Ausbeutung und Raubbau an der Natur im globalen Süden setzen sich fort. Ein Gespräch mit Jürgen Zimmerer
Interview: Kristian Stemmler
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Denkmal zur Erinnerung an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama in Windhoek/Namibia

Sie haben kürzlich einen Auftritt des US-Historikers Bruce Gilley vor der AfD-Bundestagsfraktion kritisiert, bei dem er von positiven Auswirkungen des deutschen Kolonialismus für die betroffenen Länder gesprochen hat. Was glauben Sie, warum die AfD sich des Themas Kolonialismus angenommen hat?

Die Debatte um das koloniale Erbe Europas ist eine der zentralen Identitätsdebatten unserer Zeit. Es geht um Fragen des – historischen – Orts Europa, der Zugehörigkeit, der Globalität der Menschenrechte, aber auch der globalen sozialen Gerechtigkeit. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die AfD sich auch zu diesem Thema äußert. Dass sie dies mit einer Extremposition tut, die in der Wissenschaft niemand wirklich ernst nimmt, zeigt aber auch, dass sie an einem Dialog nicht interessiert ist. Sie bedient hier eine bestimmte Klientel, setzt auf eine Strategie der Provokation.

Ist die Wahrnehmung richtig, dass das Thema Kolonialismus in den vergangenen Monaten und Jahren breiter diskutiert wird?

Das Thema hat, nachdem Zivilgesellschaft und Wissenschaft seit Jahren darauf hinwiesen, vor allem durch die Debatte um den Genozid an den Herero und Nama und das Berliner Humboldt-Forum, insbesondere um die koloniale Beutekunst, die dort und anderswo ausgestellt wird beziehungsweise werden soll – an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Dem konnte sich schließlich auch die Politik nicht mehr verweigern. Allerdings versucht letztere, statt eine breite politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über die kulturellen, sozialen, ökonomischen oder epistemischen Folgen des Kolonialismus zu führen, das Thema in Gremien, Kommissionen und Förderinstitutionen zu entsorgen.

Medien berichten zum Beispiel immer wieder über Initiativen in Hamburg und Berlin zur Umbenennung von Straßen und Plätzen, die Namen von Kolonialisten tragen. Sind solche Initiativen nicht nur Symbolpolitik?

Symbole sind wichtig für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Dazu gehören auch nach Personen benannte Straßen. So ehren wir Vorbilder und verhandeln damit auch die Werte, die unserem Gemeinwesen zugrunde liegen. Aber es darf nicht beim Symbolischen bleiben. Eine wirkliche Dekolonisation muss auch die kolonialen und rassistischen Strukturen in unserer Gesellschaft in den Blick nehmen. Die kritische Aufarbeitung des kolonialen Erbes ist eben nicht – nur – vergangenheitsbezogen. Wir verhandeln dabei auch die zukünftige Form unseres Gemeinwesens.

Sie sind einer der führenden Forscher zum Thema deutscher Kolonialismus. Was glauben Sie, wie weit in der Öffentlichkeit angekommen ist, was das Kaiserreich in Afrika angerichtet hat?

Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts, gegen die Herero und Nama, ist mittlerweile etwas breiter bekannt, viele andere »Strafexpeditionen«, aber auch die alltägliche strukturelle Gewalt der Kolonialherrschaft sind es nicht. Um die Folgen rassistischer Fremdherrschaft in Erinnerung zu rufen, brauchen wir Forschungseinrichtungen und Denkmäler. Manche haben das Humboldt-Forum vorgeschlagen. Aber ein »Raum der Stille« reicht nicht: Wenn schon, sollte man den zentralen Schlüterhof mit Sand aus der Omaheke auffüllen und die Barockfassade durch Stacheldraht brechen, als Reminiszenz an die Konzentrationslager in Deutsch-Südwestafrika. Das würde ein starkes Signal aussenden.

Sie sind einer der ersten, der auf den Zusammenhang von Klimawandel und Ressourcenknappheit auf der einen und kollektiver Gewalt auf der anderen Seite hingewiesen hat. Dafür haben Sie den Begriff »Environmental Violence« geprägt. Was ist darunter zu verstehen?

Die Umwelt und die Konkurrenz darum als Ursache und Beschleuniger – kollektiver – Gewalt, etwa das Aufeinandertreffen von Klimakrise und »Peak Oil« in der Gegenwart, also die Verknappung von landwirtschaftlich nutzbarem Land und von fossilen Energieträgern. Der Kolonialismus speiste sich ebenfalls daraus. Im Ausbeutungs- und Verschwendungskapitalismus des globalen Nordens wirkt das nach. Auch das gehört zum kolonialen Erbe.

Jürgen Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg und leitet den Projektverbund »Forschungsstelle Hamburgs (post)koloniales Erbe/Hamburg und die (frühe) Globalisierung«

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