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Aus: Ausgabe vom 07.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Drohung mit Frieden

Soleimanis Auftrag im Irak
Von Arnold Schölzel
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Bagdad, 6. Januar: Der amtierende irakische Ministerpräsident Adel Abd Al-Mahdi empfängt die UN-Sonderbotschafterin für den Irak, die Niederländerin Jeanine Hennis-Plasschaert

Ein »interessantes Detail« nannte ARD-Korrespondent Carsten Kühntopp, was der irakische Ministerpräsident Adel Abd Al-Mahdi am Sonntag vor dem Parlament in Bagdad geäußert hatte. Dieser erklärte sogar, etwas »für die Geschichte« festhalten zu wollen: Er habe für Freitag morgen einen Termin mit General Kassem Soleimani gehabt. Dieser habe eine Antwort der iranischen Führung auf eine Botschaft Saudi-Arabiens überbringen sollen, die der Irak vermittelt habe.

In den deutschen Großmedien fand das am Montag keine Erwähnung, obwohl auch Reuters Abd Al-Mahdis Bemerkung erwähnt hatte. Anderswo war das anders: So machte z. B. das konservative britische Boulevardblatt Daily Mail die Bemerkung des Premiers zur Schlagzeile und informierte über eine weitere: Donald Trump habe demnach Abd Al-Mahdi nach den Demonstrationen vor der US-Botschaft in Bagdad telefonisch um Vermittlung gebeten und für die entsprechenden Bemühungen gedankt. Die Zeitung zitierte am Montag den irakischen Regierungschef in indirekter Rede: »Er drückte seine Enttäuschung darüber aus, dass, während der amerikanische Präsident sich ihm gegenüber dankbar gezeigt habe, er gleichzeitig einen Angriff auf Soleimani plante.«

Das war höflich und etwas unklar ausgedrückt, legt aber nahe: Trump erteilte den Mordbefehl nicht wegen »unmittelbarer Gefahr«, wie die offizielle Begründung lautete, sondern wegen des Gegenteils – es drohte mindestens Entspannung, wenn nicht sogar Frieden im Nahen oder Mittleren Osten. Den kann aber keine US-Administration zulassen. Der seit Jahrzehnten von Washington betriebene enorme Aufwand, in der Region Staaten zu schwächen oder zu zertrümmern, andere maßlos aufzurüsten, Bevölkerungsgruppen aufeinanderzuhetzen, Millionen Menschen umzubringen, zu vertreiben und einzuschüchtern, wäre umsonst gewesen. Eine Art friedlicher Koexistenz angeblicher oder tatsächlicher regionaler Gegner wäre ein Schlag gegen elementare US-Interessen. Die manifestieren sich dort in der größten Zusammenballung militärischer Kräfte der USA auf dem Globus – zur Sicherung von Einfluss und Rohstoffen. Das 1983 aufgestellte zuständige Kampfkommando der US Army – eines von zehn – heißt deswegen immer noch »Central Command«. Sein Schlachtfeld erstreckt sich vom Nahen Osten bis nach Zentralasien und Ostafrika. Es wäre überflüssig, wenn die nach Trumps eigenen Worten »endlosen und lächerlichen Kriege« aufhörten.

Die Bundesrepublik war stets vorn mit dabei, um Krieg dort zu nähren und das Pulverfass zu stopfen. In das hat Trump nun eine »Dynamitstange« (sein Konkurrent Joseph Biden) geworfen, laut Abd Al-Mahdi als Notbremse. Wenn sich Berlin nun als »ehrlicher Makler« anbietet, ist das vor allem heuchlerisch. Wer beim Krieg mitverdienen will, erhält ihn. Der Ausgang ist meist nicht der geplante. 75 Jahre nach dem 8. Mai 1945 haben die in Berlin Regierenden das »vergessen«.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Iri Wolle, Berlin: Längere Vorgeschichte Im Oktober 2019 berichtete der »Terrorexperte« des Behördenspiegels über die Situation im Irak etwa wie folgt: Nachdem im Jahr 2014 die IS-Truppen die Stadt Mossul eingenommen und ihr Kalifat verkünde...
  • Emmo Frey, Dachau: Rache durch Annäherung Lieber Arnold Schölzel, die Überschrift »Drohung mit Frieden« Ihrer gestrigen Kolumne fand ich sehr treffend. Sofern man den USA unterstellt, sie wollten im Nahen Osten weiterhin Eskalation und Chaos ...

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