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Aus: Ausgabe vom 07.01.2020, Seite 2 / Inland
»Dreikönigstreffen« in Stuttgart

FDP nimmt SPD-Wähler ins Visier

Parteichef Lindner: Enttäuschte gewinnen und vor Werkstoren werben
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Hofft auf Zugewinne: Bundesvorsitzender Christian Lindner (Berlin, 27.10.2019)

Ihren politischen Jahresauftakt begeht die FDP traditionell Anfang Januar mit ihrem »Dreikönigstreffen«. Christian Lindner, Vorsitzender der neoliberalen Kleinpartei, hat am Montag in Stuttgart versucht, die Anwesenden auf ein kämpferisches Jahr 2020 einzuschwören. Auch sein Stellvertreter, der kurzfristig nicht angereiste Wolfgang Kubicki, gab eine entsprechende Losung aus: »Wir dürfen uns mit unseren acht, neun Prozent nicht zufriedengeben«, sagte er am Montag der Bild mit Blick auf aktuelle Umfragewerte.

»Deutschland braucht bei diesem Wechsel der Jahrzehnte eine Regierung, die durchstartet«, verkündete Lindner. Dabei bot er sich und seine Partei als Ersatz für eine aus seiner Sicht nach links strebende SPD an. So solle sich die Union von den Sozialdemokraten nicht »zu irgendeiner törichten Schuldenpolitik erpressen lassen«, warnte er. »Wir sind bereit zur Übernahme von Verantwortung, wenn die politischen Inhalte stimmen«, erklärte Lindner, der mit seiner Absage an eine Koalition mit der Union und Bündnis 90/Die Grünen inmitten der Verhandlungen Ende 2017 den Weg für eine »schwarz-rote« Regierung frei gemacht hatte.

Künftig wolle die FDP ihrem Vorsitzenden zufolge verstärkt in der Facharbeiterschaft um Wählerstimmen werben. Damit wolle man verhindern, dass mit der SPD unzufrieden gewordene Wählerinnen und Wähler zur AfD abwandern. So kündigte die FDP für den 30. April einen »Aktionstag« an. Unmittelbar vor dem Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse wolle die Partei, deren Stammklientel sich aus Selbständigen und »Besserverdienenden« zusammensetzt, »vor die Werkstore ziehen«, um »im direkten Gespräch« um Stimmen zu werben. An der Glaubwürdigkeit für diese Zielgruppe müsse seine Partei aber noch arbeiten, sagte Gerhart Baum, früherer FDP-Bundesinnenminister unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD), am Montag der Welt.

Auf dem Dreikönigstreffen präsentierte die FDP einen – nach Wolfgang Clement, früherer Bundesarbeitsminister unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) – weiteren prominenten Überläufer. Als besonderen Gast begrüßte Lindner den früheren SPD-Sozialminister von Rheinland-Pfalz, Florian Gerster. (dpa/AFP/jW)