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Aus: Ausgabe vom 07.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Mit präzisem Blick

Dem Widerstand ein Denkmal: Joel Rufino dos Santos’ brasilianische Gesellschaftsutopie »Zumbi«
Von Sabine Fuchs
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Die Statue im Hintergrund erinnert an den letzten König der schwarzen Brasilianer, Zumbi dos Palmares

Der brasilianische Präsident Bolsonaro ist ein großer Bewunderer der Militärdiktatur, den berüchtigten Leiter der Foltereinheit DOI-CODI, Carlos Alberto Brilhante Ustra, hat er ausdrücklich gelobt. Nun hat der kleine Wiener Verlag Turia + Kant quasi als Kommentar zum ersten Regierungsjahr Bolsonaros das zentrale Werk von Joel Rufino dos Santos, einem vehementen Gegner der Militärdiktatur, erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

»Zumbi« legt auf doppelte Weise Zeugnis gegen Rassismus, Kolonialismus und Militärdiktatur ab. Der 1941 geborene brasilianische Historiker, Schriftsteller und Menschenrechtler dos Santos ging nach der Machtergreifung des Militärs 1964 ins Exil, kehrte trotz Warnungen in seine Heimat zurück, wurde mehrfach festgenommen und gefoltert – unter anderem von der erwähnten Einheit DOI-CODI. Sein erstmals 1985 erschienenes Buch über Zumbi, den Nationalhelden der brasilianischen Schwarzen, dessen Todestag als »Tag des schwarzen Selbstbewusstseins« (Dia da Consciência Negra) begangen wird, setzt dem frühen Widerstand gegen Kolonialismus, Unterdrückung und Sklaverei ein Denkmal.

Dos Santos erzählt die Geschichte des »Quilombo« Palmares sowie die seines Anführers Zumbi. Quilombo, was in verschiedenen westafrikanischen Sprachen »Wohnsiedlung« bedeutet, bezeichnete im kolonial-brasilianischen Kontext eine Siedlung entflohener Sklaven. Das um 1600 gegründete Palmares, von den Bewohnern Angola Janga (Klein-Angola) genannt, war die bedeutendste. Erster Anführer der Sklavengemeinschaft war der vermutlich der kongolesischen Aristokratie entstammende und von den Portugiesen versklavte Ngana Nzumbi (Ganga Zumba), Zumbi sein Neffe und Nachfolger.

Die Geschichte des Quilombo Palmares war zunächst eine – wenn auch hart erkämpfte – Erfolgsgeschichte. Die immer wieder Angriffen der portugiesischen und holländischen Kolonialherren ausgesetzte Siedlung hatte trotz des permanenten Kriegszustands um 1670 etwa 30.000 Einwohner, die eigene Kampftechniken entwickelten wie den Capoeira. Der um 1655 geborene Zumbi setzte seinen Onkel 1679 ab, weil er gegenüber den Portugiesen zu kompromissbereit war.

Zumbi, in Palmares frei geboren und als Kind versklavt, konnte als junger Mann flüchten und in seinen Geburtsort zurückkehren. Seine Weigerung, in der ihm zugesicherten Freiheit zu leben, während andere weiter versklavt bleiben sollten, trug wesentlich zu seinem Mythos bei. Zu einem Kompromiss mit den Unterdrückern war er nie bereit – 15 Jahre lang kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Quilombo Palmares und den Kolonialherren.

1694 starteten die Portugiesen schließlich einen großangelegten Militärangriff, dem die Kämpfer von Palmares nichts mehr entgegensetzen konnten. Zumbi gelang die Flucht, fast zwei Jahre lang leistete er Widerstand. Schließlich wurde er gefangengenommen und am 20. November 1695 in Recife enthauptet, sein abgeschlagener Kopf öffentlich ausgestellt.

Dos Santos schildert die Geschichte mit dem präzisen Blick des Historikers und der sprachlichen Eleganz des Schriftstellers, der eine sehr genaue Vorstellung seiner eigenen Erzählposition hat. Er rekonstruiert die Geschichte Zumbis, indem er die kolonialen Quellen gegen den Strich liest, Vergleiche mit westafrikanischen Bantu-Gesellschaften zieht (die die Gründer und Gründerinnen von Palmares noch aus eigener Anschauung kannten) und achronologisch einzelne Aspekte herausgreift und analysiert. Im letzten Kapitel beschreibt er die mündliche Überlieferung, die in der Gegend der heutigen Stadt União dos Palmares noch lebendig ist: »Zumbi wird erst sterben, wenn die Schwarzen selbst ihn eines Tages töten«, so ein Gewährsmann.

In der afrobrasilianischen Popkultur ist Zumbi eine omnipräsente Figur: Gilberto Gil hat ihn besungen, Augusto Boal ein Theaterstück über ihn geschrieben, Zumbis Gefährtin Dandara hat sogar ein nach ihr benanntes Computerspiel inspiriert. In Europa hingegen ist er so gut wie unbekannt. Auch das sagt so einiges aus über koloniales Denken.

Joel Rufino dos Santos: Zumbi. Eine Gesellschaftsutopie im Brasilien des 17. Jahrhunderts. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Lilly Busch. Turia + Kant, Wien 2019, 170 Seiten, 19 Euro

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ralf Cüppers: Revolutionär Der Percussionist Naná Vasconcelos nahm 1983 eine Platte auf: »Zumbi«, die ich seit 35 Jahren immer wieder gerne höre. Dieser Musiker nennt Zumbi »meine Inspiration«. Dadurch neugierig geworden auf de...
  • alle Leserbriefe

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