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Aus: Ausgabe vom 04.01.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Berthas Jakobsmuscheln

Von Maxi Wunder

Mein Exbutler Hervé lebt inzwischen in Frankfurt am Main, aber ich darf ihn hin und wieder anrufen. Seit meinem Umzug nach Berlin-Steglitz bin ich in großer Sorge: »Hervé, Sie wissen doch immer alles. Was bitte bedeutet diese Zahlen- und Buchstabenfolge mit Pluszeichen und Sternchen an manchen Haustüren, c+m=E2 oder so ähnlich – und dann ein Datum? Kommt mir vor wie geheime Botschaften eines Albert-Einstein-Fanklubs. Wir rasen mit Lichtgeschwindigkeit auf einen Kometen zu, stimmt’s? Und das wird vor der Bevölkerung geheimgehalten, damit keine Massenpanik ausbricht, stimmt’s? Und nur wenige eingeweihte Physiker warnen sich gegenseitig und nutzen archaische Kreidezeichen wegen der digitalen Überwachung …« – »Mooooment, Frau Wunder, wenn Sie mich vielleicht zu Wort kommen lassen würden?«

Ich war sehr erleichtert, als mir Hervé erklärte, dass es sich bei diesem »C+M+B« um einen harmlosen religiösen Ritus handelt und nicht um die Weltuntergangsformel. Die Buchstaben leiten sich vom lateinischen »Christus mansionem benedicat« her und bedeuten »Christus segne dieses Haus«. Am Anfang stehen immer die ersten beiden Zahlen des vierstelligen Jahres, also 20, und hinter den Buchstaben die letzten beiden Zahlen, also dieses Jahr auch 20. Die Zeichen kann man sich von Sternsingern, das sind als Weise aus dem Morgenland verkleidete Kinder, zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar mit »geweihter Kreide« gegen eine Spende an die Haustür schreiben lassen.

In meinem Mietshaus entfaltet dieser Glaube scheinbar eine paradoxe Wirkung, denn ausgerechnet die Familie mit den Kreidezeichen an der Tür leidet unter einer Rattenplage, und die Kinder haben Läuse. »In welchem Stockwerk wohnt die Familie, und wie alt sind die Kinder?« fragt Hervé streng. »Im Souterrain. Die Kinder sind vier und fünf«, antworte ich gehorsam. »Bauarbeiten vor dem Haus?« – »Kanalarbeiten!« – »Was unternehmen die?« – »Die haben sich einen Kater besorgt gegen die Ratten, aber der hat Flöhe.« – »Frau Wunder, Sie gehen jetzt sofort runter zu den Leuten und helfen denen!« Hervé knallt den Hörer auf. Schock! Ich habe erstmal eine »NI« gegründet, eine Nachbarschaftsinitiative. Dank vereinter Kräfte waren nach zwei Wochen beide Kinder läusefrei und der Kater entfloht. Die Ratten brauchen etwas länger, deswegen wohnt die Familie jetzt bei mir. Zum Dank werde ich bekocht. Heute gibt es etwas Feines, »Berthas Jakobsmuscheln«:

Von den Muscheln die Bärte entfernen, das Fleisch gründlich waschen und in Scheiben schneiden. Gehackte Schalotten und Champignons drei bis vier Minuten in Öl und etwas Butter leicht bräunen. Muschelfleisch hinzufügen, salzen und pfeffern und sechs bis sieben Minuten goldbraun werden lassen. Armagnac darübergießen und anzünden. Sehr heiß anrichten.

Nach dem Essen schnurrt der Kater auf meinem Schoß, die Kinder toben durch die Wohnung, und Mama und Papa knutschen. Ich rufe Hervé an: »Stellen Sie sich vor, Hervé, ich lebe jetzt in einer WG, aber ich muss nicht kochen, ist das nicht toll?« – »Sehen Sie, Frau Wunder, so ist das mit dem Segen. Sei selber einer, und er kommt zu dir.« Hervé weiß immer alles!

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