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Aus: Ausgabe vom 04.01.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Aussetzer

Von Arnold Schölzel
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In der Welt am Sonntag (WamS) befasst sich der Chefkommentator der Welt-Gruppe, Jacques Schuster, mit den Ergebnissen einer Umfrage, die einige Tage zuvor in der Welt zu lesen waren. In der WamS-Druckausgabe trägt Schusters Text die kryptische Überschrift »Weltkind in der Mitten«, in der Internetfassung steht oben drüber: »Bei Russland setzt der Verstand vieler Deutscher aus«. Dort gibt es auch, anders als auf dem bedruckten Papier, einen kleinen Vorspann. Der lautet: »Russland wird von vielen Deutschen mit Milde betrachtet, von einigen sogar als Alternative zum Bündnispartner USA gesehen. Doch ein Regime, das seine Kritiker wegsperrt und Nachbarstaaten bekriegt, kann kein Partner sein.«

Den Anlass für die schlechten Kopfnoten, die Schuster wie ein Oberlehrer der Nation erteilt, beschreibt er so: »Während knapp 70 Prozent der Amerikaner sich künftig engere Beziehungen zu Deutschland wünschen, legen 66 Prozent der Menschen hierzulande mehr Wert auf bessere Beziehungen zu Russland als zu den Vereinigten Staaten.« O. k., das muss einem Welt-Chef für Sonstwas nahegehen. Oder gibt es die Verpflichtungen, genannt »Unternehmensgrundsätze«, an die sich jeder bei Springer zu halten, nicht mehr? 2017 hieß es darin jedenfalls noch: »Wir zeigen unsere Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.« Schuster hält sich einfach dran – im Gegensatz zu »vielen Deutschen«. Das wäre in Ordnung, betrachtete er die Landsleute mit Milde. Die ist aber offenbar in den Unternehmensgrundsätzen nicht vorgesehen. Das Urteil »Verstand setzt aus« kommt ungefähr dem gleich, wie einst steißtrommelnde Dorfschullehrer über ihre Schüler dachten. Schusters Vertrauen haben die 66 Prozent in ihrem »Sumpfboden des kollektiven Unbewussten« jedenfalls verloren.

Anders als bei ihnen funktioniert Schusters Verstand zu Stichworten wie USA, Russland, Bundesrepublik. Den »66ern« wirft er daher vor: »Dass Russland als erster Staat seit dem Zweiten Weltkrieg mit der Landnahme der Krim und dem Krieg in der Ostukraine die Grenzen in Europa gewaltsam verschob, kümmert sie genauso wenig wie das autokratische Gebaren des russischen Präsidenten.« Zynisch und menschenverachtend sind sie auch noch. Im Grunde gehören sie aufgelöst.

Tatsachen sind da überflüssig. Die erste gewaltsame Grenzverschiebung in Europa nach 1945 war die Abtrennung des Kosovo von Serbien durch den NATO-Krieg 1999. Das EU-Protektorat, in dem bis heute deutsche Soldaten stationiert sind, wird wegen seines illegalen Status nicht einmal von allen Mitgliedsstaaten anerkannt. Und der »Krieg in der Ostukraine« hat Grenzen verschoben? Das behaupten nicht einmal Washington, Berlin, Paris und ihre Marionetten in Kiew, obwohl sie alle zu jedem antirussischen Schwindel bereit sind.

Aber Schuster verfügt über eine journalistische Wunderwaffe, die dem Russen keine Chance lässt: den deutschen Konjunktiv. »Hätte«, hebt der deutsche Verstandesexperte an, »Donald Trump kurz vor Weihnachten öffentlich verkündet, im Zweiten Weltkrieg habe Polen keinerlei Landverlust hinnehmen müssen, schlimmer noch: Hätte der amerikanische Präsident behauptet, Warschau habe damals ›den ersten Schritt zum Genozid, zur Vernichtung des europäischen Volkes‹ getan, und die Sowjetunion sei der letzte Staat in Europa gewesen, der einen Nichtangriffspakt mit Hitler geschlossen habe, hätte Trump einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.« Das sind ziemlich viele »hätte« auf einmal. Putin, hat – anders als Schuster unterstellt – das meiste davon auch nicht gesagt. Der Russe hat möglicherweise neben Verstand auch noch Vernunft. Ohne Aussetzer.

Die erste gewaltsame Grenzverschiebung in Europa nach 1945 war die Abtrennung des Kosovo von Serbien durch den NATO-Krieg 1999. Das EU-Protektorat, in dem bis heute deutsche Soldaten stationiert sind, wird wegen seines illegalen Status nicht einmal von allen Mitgliedsstaaten anerkannt.

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