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Aus: Ausgabe vom 04.01.2020, Seite 15 / Geschichte
USA

Sieg im Ölkrieg

Am 10. Januar 1870 gründete John D. Rockefeller das seinerzeit größte Raffinerieunternehmen der Welt – die Standard Oil Company
Von Gerd Bedszent
Standard Oil Co. Near Pawnee, Oklahoma. Oil wells drilled close
Bevor die Standard Oil Company 1911 per Gerichtsbeschluss zerschlagen wurde, hatte das Unternehmen fast 70 Prozent des Welthandels mit Öl kontrolliert

Ölkonzerne galten lange Zeit als die mächtigsten kapitalistischen Großunternehmen. Dies hängt mit der Schlüsselstellung zusammen, die das »schwarze Gold« im Rahmen der modernen Industrieproduktion innehatte und hat. Aber das war nicht immer so. Der Aufstieg der erdölfördernden und -verarbeitenden Unternehmen verlief Ende des 19. Jahrhunderts parallel zur beschleunigten Entwicklung der Schwerindustrie.

Erdöl ist der Menschheit schon seit Jahrtausenden bekannt. Vor seiner Nutzung als Treibstoff wurde es aufgrund seiner wasserabweisenden Eigenschaften hauptsächlich als Dichtungsmittel verwendet, beim Hausbau oder beim Boots- und Schiffsbau. Eine Förderung, wir wir sie heute kennen, fand nicht statt. Das war auch nicht notwendig, Lagerstätten gab es vielerorts noch direkt an der Erdoberfläche. Mitte des 19. Jahrhundert wurden das Erdöl und das daraus gewonnene Petroleum schließlich zu einer kostengünstigen Alternative zu Tier- und Pflanzenfetten, die man zuvor als Lampenöl zu Beleuchtungszwecken oder als Schmierstoff für Maschinen genutzt hatte. Mit steigendem Bedarf an Rohöl reichten die vorhandenen Lagerstätten bald nicht mehr aus. Auf das Jahr 1859 datieren die ersten erfolgreichen Ölbohrungen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Damit war ein neuer Industriezweig geboren.

Es kam zum sogenannten Oil rush. Eine kaum zu überblickende Zahl von Glücksrittern aus allen Teilen der Vereinigten Staaten strömte nach Pennsylvania und erwarb vermeintlich oder tatsächlich ölträchtige Grundstücke. Zudem entstanden zahlreiche Transportunternehmen und rohölverarbeitende Firmen. Bald wurden auch in anderen US-Bundesstaaten Vorkommen entdeckt.

Schneller Aufstieg

Zu denjenigen, die im Öl die Chance zur Erlangung großen Reichtums sahen, zählte auch der in einer Speditionsfirma tätige Hilfsbuchhalter John D. Rockefeller, der bald zu den reichsten Menschen des Planeten aufsteigen sollte. Der Sohn eines als Wunderdoktor ohne Arztdiplom übers Land reisenden Hochstaplers hatte erkannt, dass es vor allem darauf ankam, Schlüsselstellungen im Verarbeitungszyklus des Rohöls zu besetzen. Gemeinsam mit mehreren Partnern gründete Rockefeller in Cleveland eine Erdölraffinerie mit eigenem Transportunternehmen. Nachdem es ihm gelungen war, mehrere Konkurrenten zu schlucken oder zu verdrängen, strukturierte Rockefeller die Firma am 10. Januar 1870 in eine Aktiengesellschaft um. Das war die offizielle Geburtsstunde der Standard Oil Company.

Den ganz großen Coup landete der Unternehmer aber erst im Jahre 1872, als er gemeinsam mit einigen anderen Raffineriebesitzern eine Absprache mit einer in Cleveland aktiven privaten Eisenbahngesellschaft traf, die ihnen wesentlich niedrigere Transporttarife als allen anderen Unternehmen der Ölbranche einräumte. Die folgenden Auseinandersetzungen gingen als »Ölkrieg« in die Geschichte der USA ein. Der Sieg der Standard Oil Company in diesem Wirtschaftskrieg bedeutete für die konkurrierenden Unternehmen das Todesurteil. Binnen weniger Jahre stieg der Konzern nun zum größten ölverarbeitenden Unternehmen des Landes auf. Leistete eine Firma bei der feindlichen Übernahme zu energisch Widerstand, so passierte es auch schon mal, dass ihre Anlagen plötzlich in Flammen standen oder als Folge eines Sprengstoffanschlages zerstört wurden. Bereits 1879 gebot Standard Oil über mehr als 90 Prozent der nordamerikanischen Raffineriekapazitäten.

Nachdem es dem Konzern auch noch gelungen war, sich die Hoheit über nahezu das gesamte Pipelinenetz der USA anzueignen, konnte Standard Oil schließlich die Einkaufspreise für Rohöl diktieren. 1891 kontrollierte der Monopolist etwa 90 Prozent aller US-Ölexporte und damit 70 Prozent des Weltmarktes.

Von Biographen und Bewunderern Rockefellers wurden immer wieder Mutmaßungen über das Geheimnis seines Erfolges angestellt. Was sich Ende des 19. Jahrhunderts, ausgehend von der Erdölindustrie, ereignete war jedoch keineswegs ein Geheimnis: Vielmehr kam es nun nach den »wilden« Anfangsjahren des jungen Industriezweiges zu einer Kapitalkonzentration, wie sie sich mit Beginn des Imperialismus auch in anderen Branchen ereignete. Hinzu kam die bisweilen als Hemdsärmeligkeit verklärte kriminelle Energie, die Rockefellers Aufstieg kennzeichnet. Es gab gegen die rabiaten Methoden von Standard Oil zwar Klagen, denen Gerichte sogar manchmal stattgaben. Diese vermochten den Siegeszug des Konzerns jedoch nur zu bremsen, nicht aber zu stoppen. Als beispielsweise Eisenbahnunternehmen gerichtlich dazu gezwungen wurden, illegale Preisabsprachen mit Standard Oil zu unterlassen, erwies sich der Richterspruch insofern als wirkungslos, als Rockefeller längst die Mehrheit der konkurrierenden Unternehmen niedergerungen hatte.

Ende eines Imperiums

Die von der Standard Oil zielgerichtet betriebene Monopolisierung des Ölgeschäftes widersprach allerdings dem liberalen Dogma des Freihandels. Monopole, ob nun staatlich oder privat, galten als schädlich für die freie Konkurrenz und die ungestörte wirtschaftliche Entwicklung. Ein im Jahre 1890 vom Kongress der USA verabschiedetes Gesetz (Sherman Antitrust Act), welches die Bildung von Monopolen als »Verschwörung« wider die Prinzipien des freien Handels unter Strafe stellte, konnte Standard Oil durch die Umbildung des Unternehmens zunächst noch umgehen. Das Ende kam dann erst 21 Jahre später. 1911 ordnete der Oberste Gerichtshof der USA die Entflechtung des Konzerns in 34 Einzelunternehmen an.

Die Eigentumsverhältnisse blieben von diesem juristischen Akt allerdings unberührt. Rockefeller verfügte weiterhin über einen Großteil des Aktienbesitzes an den Folgeunternehmen. Im Zuge des Ersten Weltkriegs und des bald einsetzenden Siegeszugs des benzin- und dieselgetriebenen Autos stieg der Umsatz dieser Unternehmen dann ins Riesenhafte – und mit ihm der Kurswert von Rockefellers Aktien.

Die von Staats wegen angeordnete Entflechtung von Standard Oil konnte den Prozess der Kapitalkonzentration nicht aufhalten. Nach einer Vielzahl von Fusionen und Übernahmen sind die Nachfolgeunternehmen von Standard Oil heute zumeist wieder Bestandteil von Großkonzernen wie Exxon Mobil, Chevron und BP. John Davison Rockefeller starb im Jahre 1937 als erster Milliardär der Weltgeschichte.

Das Monopol der Standard Oil beruht nicht (…) auf einer Monopolisierung der Petroleumfelder. (…) Wachstum und heutige Macht des Standard Oil Trusts ruhen vielmehr in erster Linie auf einer Beherrschung der Transportmittel, und zwar kommen hier zwei Tatsachen in Betracht.

Diese sind erstens die berüchtigten »railway discriminations«, d. h. Frachtvergünstigungen der Eisenbahngesellschaften an den Trust, welche selbstverständlich seine Stellung gegenüber anderen Erdölverfrachtern wesentlich verbesserten. Es handelt sich hierbei um Rückzahlungen der nominell bezahlten Frachtsätze in Form von Rabatten oder auch um ganz offene Begünstigungen, wie sie von dem Untersuchungsausschuss von 1905 massenhaft aufgedeckt (…). Die Untersuchung konnte unter anderem feststellen, dass die Standard Oil Company im Jahre 1904 allein Dreiviertel Millionen Dollars durch geheime Frachtvergünstigungen ersparte, wozu dann noch die Rabatte kamen, denen der Auschuss nicht auf die Spur hatte kommen können. (…)

Die zweite Monopolisierungstatsache liegt in der Beherrschung der Röhrenwege. (…) Der Trust besaß zur Zeit der großen Untersuchung einen Röhrenleitungsapparat von nicht weniger als 40.000 Meilen Länge (64.373 Kilometer, jW). Alle Versuche anderer Unternehmungen, eigene Röhrenwege zu bauen, wurden sofort vom Trust auf das Heftigste bekämpft. (…) Einmal im Besitze des Röhenmonopols hat natürlich der Trust keine Veranlassung gesehen, etwa als Treuhänder dieser Verkehrsmittel zu fungieren, sondern im Gegenteil, er erhöhte für unabhängige Unternehmer die Transportrate so stark (…), dass die trustfreien Raffinerien das Rohöl gar nicht mit Nutzen verarbeiten konnten und vor dem Trust kapitulieren mussten.

Hermann Levy: Die Vereinigten Staaten von Amerika als Wirtschaftsmacht, Wiesbaden 1923, S. 81 f.

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