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Aus: Ausgabe vom 04.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Zeitgeschichte

Pionier und Solitär

Ein neuer Sammelband über Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie
Von Gerhard Henschel
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Im Museum of Jewish Heritage in New York (Mai 2019)

Im Rückblick wirkt es nur noch grotesk, wie lange es dauerte, bis eine deutsche Übersetzung von Raul Hilbergs Hauptwerk »The Destruction of the European Jews« (»Die Vernichtung der europäischen Juden«) erschien. Nach der Veröffentlichung der Originalausgabe 1961 verstrichen 21 Jahre, bis der kleine Berliner Verlag Olle und Wolter diese Aufgabe übernahm, dann vergingen noch einmal acht Jahre, bis eine dreibändige Taschenbuchausgabe herauskam und sich auch in Deutschland allmählich die Einsicht durchsetzte, dass Hilberg geschichtswissenschaftliches Neuland erschlossen hatte.

Anlässlich von Hilbergs zehntem Todestag fand 2017 in Berlin eine Konferenz über seine Bedeutung für die Holocaust-Historiographie statt. Die Vorträge liegen jetzt in einem von René Schlott herausgegebenen Sammelband vor, der kein gutes Licht auf das geistige Milieu wirft, in dem Hilberg sich Gehör zu verschaffen versucht hatte. »In der frühen Bundesrepublik, wo in der Justiz die Gehilfenrechtsprechung lange Zeit dafür sorgte, dass die Taten selbst von schwer- und schwerstbelasteten NS-Tätern kaum oder gar nicht geahndet wurden, waren Hilbergs Erkenntnisse über die Verantwortung des einzelnen denkbar unwillkommen«, heißt es in einem Beitrag von Sybille Steinbacher. Ein Lektor der Droemerschen Verlagsanstalt lehnte Hilbergs Werk 1965 sogar mit dem Hinweis auf die »antisemitischen Konsequenzen« ab, die es nach sich ziehen könne, weil er darin auch auf die verhängnisvolle Zusammenarbeit der »Judenräte« mit den Nazis eingegangen war.

Was er als erster seines Fachs akribisch untersucht hatte, war »die Ereignisabfolge in ihrer strukturellen Essenz« (Jürgen Matthäus). Während andere noch von dämonischen Gewalten sprachen, anstatt sich die Fahrpläne der Reichsbahn und die Selbstmordstatistiken der Einwohnermeldeämter anzusehen, ging Hilberg in die Archive und gab sich einem mehr oder weniger wahllosen Aktenstudium hin. Er hat berichtet, wie er in der Stadt Lwiw (Lemberg) verspottet wurde, weil er sich die Akten der örtlichen Feuerwehr geben ließ und danach die des Gartenbauamts. »Und was entdeckte ich? Das Amt hatte die Tarnung für das Arbeitslager Janowska veranlasst!« Bei seinen Forschungen deckte er, wie Nicolas Berg schreibt, »das frappierend eigenständige und antizipierende Handeln« der untergeordneten Bürokraten auf, doch es gelang ihm erst im Laufe vieler Jahre, sein »unbequemes Thema gegen die mentalen und psychologischen Widerstände einer ganzen Epoche durchzusetzen« (Alfons Söllner).

Dabei kam ihm auch sein erster deutscher Verleger Ulf Wolter in die Quere. Walter H. Pehle, der »Die Vernichtung der europäischen Juden« in die berühmte »Schwarze Reihe« des Fischer-Taschenbuch-Verlags übernehmen wollte, berichtet in seinem Beitrag, dass Wolter damals »wohl aus ideologischen Gründen« alle Briefe in dieser Sache ignoriert habe: »Mit Kapitalisten, so der Verleger 1987 mir gegenüber am Telefon, ›rede ich nicht!‹« Erst 1990 konnte die Taschenbuchausgabe endlich erscheinen.

Geschadet hatte Hilberg sich selbst mit seiner Feststellung, dass »Fälle aktiven Widerstands« der verfolgten Juden »rar und ohne Bedeutung« gewesen seien. Für die unzähligen jüdischen Partisanen und ihre Nachfahren und für die noch lebenden Zeugen des Aufstands im Warschauer Ghetto und der Revolten in den Vernichtungslagern war das ein unverzeihlicher Affront. In dem Sammelband wird dies alles offengelegt. Auch Hilbergs fragwürdige Polemiken kommen hier zur Sprache. »Die Abschnitte seiner Bücher, in denen er seinen Anfeindungen freien Lauf lässt, sind unangenehm und befremdlich zu lesen«, schreibt Doris L. Bergen, und Wulf Kansteiner geht der schwierigen Frage nach, inwieweit in Hilbergs Studien »die konkreten narrativen Tatsachenbehauptungen interpretativ verfärbt« seien.

Besonders eindrucksvoll ist die Abschrift eines Gesprächs zwischen Norbert Frei und Saul Friedländer. »Hilberg sprach von einem ›Rausch‹, in dem die Funktionäre alle Hemmungen fallenließen«, sagt Friedländer. Spürbar sei dieser »Rausch in der Vernichtung« beispielsweise in der berüchtigten Posener Rede, in der Heinrich Himmler den Völkermord an den Juden als »Ruhmesblatt unserer Geschichte« gefeiert hatte. Beim Studium der Buchführung, die die Täter während ihres rauschhaften Treibens nie vernachlässigt hatten, war Hilberg, wie Magnus Brechtken es ausdrückt, ein »Pionier und Solitär«.

René Schlott (Hg.): Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019, 284 Seiten, 20 Euro

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