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Aus: Ausgabe vom 02.01.2020, Seite 4 / Inland
Hamburg vor der Wahl

Befehlsausgabe an der Elbe

Vor Bürgerschaftswahl: Hamburger Kaufleute verbitten sich »Wohltaten« für Wähler und fordern Härte im Konkurrenzkampf mit USA und China
Von Kristian Stemmler
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Bestimmt »werteorientiert«: Die »Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns« am Dienstag

Schon Heinrich Heine spottete einst über die Hamburger Pfeffersäcke, die nichts als ihre Zahlen im Kopf haben. Dabei hat man an Alster und Elbe immer Wert darauf gelegt, eben nicht »nur« als schnöder Geschäftemacher dazustehen. In der Hansestadt wimmelt es nur so von Stiftungen, mit denen die Reichen ihre Wohltätigkeit demonstrieren, und traditionsreichen Vereinigungen mit vorgeblich hehren Zielen (und heute skurril klingenden Namen). Zum Beispiel die »Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns« (VEEK), die sich merkwürdigerweise als »größte werteorientierte Vereinigung Deutschlands« bezeichnet.

Der elitäre Verein, zu dem rund 1.200 Unternehmer und leitende Angestellte der Hamburger Wirtschaft gehören, kann auf ein halbes Jahrtausend Geschichte zurückblicken. Aus einem Treffen der Flandern-, England- und Schonenfahrer – also den Kaufleuten, die mit diesen Gebieten Handel trieben – entstand 1517 die Vorgängerorganisation »Gemeiner Kaufmann«. Bereits aus deren Aufgabenbeschreibung ging hervor, welche Werte tatsächlich im Zentrum standen: Die Vereinigung sollte »alles Notwendige zu des Kaufmanns Nutzen fördern und Nachteile verhüten«.

Auch heute noch geht es um nichts anderes, wenn die VEEK sich mit Gästen zu ihrer traditionellen Jahresabschlussveranstaltung trifft. Am Silvestertag versammelten sich wieder rund 1.300 Personen in der Handelskammer, die in Hamburg praktischerweise auf der Rückseite des Rathauses steht. Wie immer saßen die Spitzen der Hamburger Politik in der ersten Reihe, um sich die »Aufträge« der Wirtschaft fürs nächste Jahr abzuholen, voran der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Bündnis 90/Die Grünen) und Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD).

Tschentscher, der gerade deutlich gemacht hat, dass er keinen Wert auf Auftritte des neuen »linken« SPD-Führungsduos im Hamburger Wahlkampf legt, kam in der Rede des VEEK-Präsidenten Gunter Mengers gut weg. Mengers, Chef einer großen Versicherungsagentur, lobte den Bürgermeister für sein »selbstbewusstes Auftreten« bei seinem Besuch in China im August. Es stimme ihn hoffnungsvoll, dass die Stadt sich bei der Erforschung neuer Technologien mit den Großen messen wolle und Projekte zum »autonomen Fahren« oder der »künstlichen Intelligenz« forciere.

Die Regierung in Berlin bekam dagegen ihr Fett weg. Da gehe es nur noch um »kurzfristige politische Überlebensstrategien«, langfristige Konzepte seien »beim besten Willen nicht erkennbar«. Überhaupt gebe der Bund zuviel Geld für »Wohltaten« aus, »um einen guten Eindruck beim Wähler zu machen«. Auch das Bildungssystem orientiere sich zu oft »an den Schwächeren«; das gehe gar nicht, fand der Chef der »Ehrbaren Kaufleute«. Dann stellte Mengers noch die Frage in den Raum, wie weit die BRD und Europa im Konkurrenzkampf mit China und den USA vielleicht »den Anstand ausblenden« müsse, um »erfolgreicher zu werden«.

Auch die Grüne Fegebank, die Tschentscher bei der Wahl im Februar beerben will, bekam vom Redner noch ein Lob. In der Klimaschutzdebatte vertrete mancher Jugendliche die Meinung, das Wirtschaftssystem funktioniere nicht mehr. Da sei Fegebank deutlich realistischer mit ihrer Feststellung, zur Erreichung der Klimaziele brauche es eine starke Wirtschaft, so Mengers. Wenn man dieser die Luft abschnüre, »um Deutschland zum Musterknaben in Sachen Klima zu machen«, dann könne das nicht gutgehen.

Natürlich kam auch André Mücke, Vizepräses der Handelskammer, in seiner Rede um das Thema Klima nicht herum. Er lobte die Hamburger Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer von »Fridays for Future«: Sie habe allen »durch ihren Mut, das Vorangehen und ihre Zähigkeit gezeigt, wie Hanseaten sein sollten«. Von Systemkritik wollte natürlich auch Mücke nichts wissen. Nur die Marktwirtschaft sei in der Lage, Lösungen für die Klimaprobleme zu bringen. Die Menschen dürften nicht »zum Verzicht gezwungen« werden, man müsse sie vielmehr für klimafreundliche Innovationen begeistern – und Unternehmen müssten mit diesen Innovationen »Geld verdienen können«. Norddeutschland könne auf diesem Gebiet »Weltmarktführer« werden.

Überhaupt reihte der Kammervertreter eine Phrase an die nächste. Der »demographische Wandel« und die »digitale Transformation« seien zu bewältigen, das Breitbandnetz auszubauen, Wirtschaft und Wissenschaft müssten sich besser untereinander austauschen, konstatierte er. Der Hafen sei ein »wichtiges Standbein« der Stadt, und die norddeutschen Bundesländer sollten gefälligst mit ihrem »Klein-Klein« aufhören und besser zusammenarbeiten. Auch zu den Baustellen auf Hamburgs Straßen hat Mücke eine Meinung: »Eine Stadt, in der nicht mehr gebaut wird, stirbt.« Von »Werten« war in Mückes Rede noch weniger die Rede als in der von Mengers – zumindest nicht von den Werten, die in Bilanzen nicht auftauchen.

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