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Aus: Ausgabe vom 30.12.2019, Seite 4 / Inland
Antifaschismus

75.000mal stolpern

Jubiläum in Memmingen: Künstler erinnert mit Gedenksteinen an Opfer der Nazis
Von Kristian Stemmler
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Der Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in Memmingen am Sonntag

In mehr als 1.250 Kommunen der BRD und vielen anderen europäischen Ländern erinnern sogenannte Stolpersteine an das Schicksal von Menschen, die während des deutschen Faschismus ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Die Steine sind vor früheren Wohnhäusern oder Geschäften von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Widerstandskämpfern in den Boden eingelassen. Auf kleinen quadratischen Messingplatten stehen die Eckdaten des Lebens der Ermordeten oder Verfolgten. Im schwäbischen Memmingen hat der Berliner Künstler Gunter Demnig, der das Projekt 1992 initiierte, am Sonntag den 75.000. Stolperstein verlegt.

In Memmingen gibt es seit 2014 Stolpersteine, mittlerweile sind 115 Stück im Stadtgebiet zu finden. Der Jubiläumsstein und ein weiterer Stolperstein wurden vor dem früheren Wohnhaus von Martha und Benno Rosenbaum verlegt. Die Nazis hatten während des Pogroms am 10. November 1938 die Wohnung der wohlhabenden Familie Rosenbaum verwüstet, als die Eheleute nicht anwesend waren. Das Paar floh 1941 vor der drohenden Deportation nach Montevideo, in die Hauptstadt Uruguays. Dort brachte sich der Mann drei Jahre später um. Nach Angaben des Vereins »Stolpersteine in Memmingen« hat es Benno Rosenbaum nicht ertragen, dass er seine Geburtsstadt verlassen musste.

An der Feierstunde nahm auch Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, teil. »Die Schicksale dieser Menschen dürfen uns nicht einerlei sei«, sagte er über die Verfolgten, an die die Stolpersteine erinnern. Erst durch den Namen und Informationen über das Leben würden sie »auch Vorübergehenden ins Bewusstsein kommen«, so Spaenle.

In dem Haus, in dem die Familie Rosenbaum lebte, befindet sich heute die Kanzlei des Anwalts und bayerischen AfD-Landtagsabgeordneten Christoph Maier. Er ist Mitglied einer stramm rechten Burschenschaft und wird dem völkisch-nationalistischen »Flügel« der Partei zugerechnet. Am 23. Januar störte Maier eine Gedenkveranstaltung für Naziopfer im Bayerischen Landtag. Während der Rede der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, verließ er demonstrativ den Saal, nachdem diese die AfD als »rechtsextrem« bezeichnet hatte.

Bislang gibt es die Miniaturdenkmäler nach Angaben von Gunter Demnig in mehr als 20 Ländern Europas. Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Steins übernehmen. Die Aktion des Künstlers wird allerdings nicht überall gerne gesehen. So hat sich die Stadt München offiziell gegen die Verlegung von Stolpersteinen entschieden. Begründung: Die Namen von Naziopfern sollen nicht mit Füßen getreten werden.

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