Gegründet 1947 Donnerstag, 23. Januar 2020, Nr. 19
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Aus: Ausgabe vom 21.12.2019, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen
DDR

Ohne Stallgeruch

In den Osten eingetaucht: Zeitdokumente der Jahre 1990 bis 95
Von Michael Merz (Text), Daniel Biskup (Fotos)
Schrottplatz an jeder Straßenecke: Jugendliche in Leipzig 1993
Persil für die Kittelschürze: Kaufhalle in Berlin-Friedrichshain am 30. Juni 1990
Reiselust griff um sich, mitgebracht wurden oft Rheumadecken: Kraftverkehrs AG Chemnitz 1991
Hairstyling im Hinterhof: Friseurin in Berlin-Prenzlauer Berg
Stolz vor dem Kahlschlag: Kumpel in Bischofferode 1993
Wie früher: Vater und Sohn beim Fischen vor Usedom, 1995
Baywatch lässt grüßen: Modeaufnahme im Lustgarten (Berlin, 1995)
Abschied von Freunden: Sowjetische Soldaten in Berlin 1994

Die diesjährigen Jubelarien auf die Grenzöffnung sind gesungen. Bevor uns dieselbigen zum Anschluss belästigen, sei hier eine visuelle Zeitreise in die Periode zwischen 1990 und ’95 nahegelegt. Der Bildband »Wendejahre« ist ein Mammutwerk aus der Frühphase des hochdekorierten Fotografen Daniel Biskup, der später alle Mächtigen der Welt vor die Linse bekommen sollte. Er bildete eine Zeit ab, in der die DDR noch prägend war, aber schon Geschichte. In der es noch keine Digitalkameras gab, aber schon Autofokus. Biskup kommt aus dem Westen und pflegt sichtlich Distanz. Das tut seinen Bildern gut, denn er taucht gleichzeitig tief ein. Und: Bei ihm steht nicht »dieser Stallgeruch im Weg«, wie die aus dem Osten stammende Fotolaborantin Ina Schröder im Nachwort wissen lässt.

An dieser Stelle abgebildet ist eine kleine Auswahl der Vielzahl an Por­träts in dem Band. Biskup war mit seiner Kamera überall, in kleinen und großen Städten, in der Kaufhalle und auf Usedom, beim Abschied der Freunde in Lichtenberg oder dem Baywatch-Modeshooting. Eingerahmt werden die Bilder seiner Protagonisten von Stillleben aus Trabiwüsten, Bröckelfassaden und Reklamefails. Alltag gab es damals nicht – Biskup erkannte das und nutzte die Gelegenheit, das Unwiederbringliche detailliert zu dokumentieren. Immer mit einer Idee im Hinterkopf. Eindrückliche Zeugnisse der Massenarbeitslosigkeit, des Ausverkaufs und der Solidarität in der Trostlosigkeit sind zu sehen. Aber auch die Absurdität der Erwartungen an eine neue Zeit, wie die im Sommer 1990 auf einem Plakat am Alexanderplatz festgehaltenen: »Härter arbeiten, bunter kaufen, schöner wohnen, schneller ficken.«

Daniel Biskup, »Wendejahre: Ostdeutschland 1990–1995«. Verlag Salz und Silber, September 2019, zweite Auflage, 360 Seiten, 45 Euro