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Aus: Ausgabe vom 16.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Eine Frage des Schliffs

»Die dunklen Winkel des Herzens«. Ein unvollendeter Roman aus dem Nachlass der legendären Françoise Sagan
Von Daniel Dubbe
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»Ein gewisses Lächeln« – Françoise Sagan (1935–2004) mit Bernard Tapie und Jack Lang im Élysée-Palast

Was würden sie tun, wenn Ihre Mutter Ihnen 1,5 Millionen Euro vererben würde? Sich freuen? Allerdings 1,5 Millionen minus! Sie würden die Erbschaft ablehnen? Denis Westhoff, damals 38, nimmt die Erbschaft an. Er ist der einzige Sohn der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan (»Bonjour Tristesse«, 1954). Ihre Bücher verkauften sich glänzend, sie wurden verfilmt (»Lieben Sie Brahms?«, 1961) und auch als Theaterautorin füllte sie die Säle. Ganz Paris war für Sagan ein großes Theater, sie verkehrte in der großen Gesellschaft, im Jetset: heute mit Brigitte Bardot am Hafen von Saint-Tropez, morgen mit Tennessee Williams in Key West, Florida. Sagan verdiente Millionen, gab das Geld aber noch schneller aus, als es hereinkam. Sie liebte das süße Leben, schnelle Autos, große Wohnungen über zwei Etagen in Paris, zahlte immer für alle, die mit ihr unterwegs waren im Restaurant, in den Bars, auf Reisen. Sie war furchtbar nett, ungeheuer großzügig, offen und intelligent.

Auch Françoise Sagans Eltern – die Familie heißt eigentlich Quoiroz, Sagan ist ein Pseudonym – mussten nicht sparen, und die Tochter war schon mit zwanzig Jahren eine Selfmade-Millionärin. Auch das zweite Buch (»… ein gewisses Lächeln«/»Un certain sourire«, 1955) lief sehr gut. Françoise kauft einen Jaguar XK140, stolz lehnt sie auf einem Foto aus jenen Tagen im Leopardenmantel am Cabriolet. Ihr Landhaus in der Normandie gewinnt sie beim Roulette. Wie das geht? Sie setzt eigensinnig dreimal auf die 8 und lässt die gewonnene Summe zweimal stehen. Der Besitzer des Manoirs, eines schlossähnliche Landsitzes, bei dem man sich eingemietet hat, redet am nächsten Morgen zufällig (oder auch nicht zufällig, weil er das Geld in der Tasche von Mademoiselle Sagan gerochen hat) davon, dass er verkaufen möchte. »Was soll das alte Gemäuer denn kosten?« 200.000 Neue Francs – zufällig genau die Summe, die Sagan in ihrem Täschchen stecken hat: der Roulettegewinn vom Abend zuvor.

Françoise Sagan ist eine Legende. Legendär sind nicht nur ihre literarischen Erfolge, ihre Freigebigkeit, sondern auch ihre Exzessivität. Es bleibt nicht beim Champagner. Wiederholt ist sie in Drogengeschichten verwickelt. Man kauft regelmäßig größere Mengen an Kokain. Ein Dealer war dumm genug, über alle Kunden und deren Kaufverhalten säuberlich Buch zu führen. Als er auffliegt, stehen die Beamten vom Rauschgiftdezernat auch bei der Sagan vor der Tür. Und die Öffentlichkeit nimmt amüsiert oder indigniert zur Kenntnis, mit welcher Begründung sie die Herausgabe eines Haares für die Haarprobe verweigert: »Das geht leider nicht, denn mein Frisör würde eifersüchtig werden.« Die Behörden kapitulieren.

Françoise Sagans Bücher haben heute zwar etwas Patina angesetzt, aber so gut wie nichts von ihrer ursprünglichen Kraft verloren. Irgendwie ist es wie bei Georges Simenon: die Sachen sind heute noch gut. Sie scheinen mit der Zeit sogar noch besser zu werden. Simenons wie Sagans Romane sind eher kurz: nur 160 bis 200 Seiten. Man muss die Geschichten ja nicht unnötig in die Länge ziehen. Ein Manuskript von der Länge reichte aus, die Verlagswelt gierte danach, ein neuer Sagan war eine Gelddruckmaschine.

Was ihren tapferen Erben anging, ihren Sohn Denis: Die Rechte an den Büchern seiner Mutter lagen ab 2007 zwar bei ihm, aber jeder Heller, der verdient wurde, landete geradewegs in der Staatskasse. Ob das Konto inzwischen durch Tantiemen aus den Neuveröffentlichungen von Sagan-Romanen ausgeglichen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Leicht ist es aber sicherlich nicht, die hohen Schulden zu tilgen. Folglich sollte man es Denis Westhoff nicht verdenken, wenn er bei Sagans letztem Roman »Les Quatre coins du cœur« (»Die dunklen Winkel des Herzens«) großen Wert auf ein geschicktes Marketing gelegt hat: Im Pariser Literaturbetrieb wurde gezielt das Gerücht gestreut, dass in Kürze mit einer literarischen Sensation zu rechnen sei. War etwa der neue Houellebecq schon fertig? Oder was mochte es sonst sein? Aha, ein unveröffentlichter Roman aus dem Nachlass von Françoise Sagan! Vielleicht ihr letzter? Ihr Vermächtnis?

Die Kritik zeigte sich enttäuscht. Das ist zum Teil verständlich. Sagan hatte das Anfang der 80er Jahre begonnene und einige Jahre später weitergeführte Manuskript unvollendet beiseite gelegt, es also nicht wie sonst den wiederholten Korrekturen und Kontrollen unterzogen, die zum stilistischen Glanz ihrer Bücher geführt hatten. In »Les Quatre Coins du cœur« finden sich Passagen, die Sagan so nicht durchgelassen hätte. Schließlich gehörte es zu ihrem Markenzeichen, dass sie ohne falsche Töne, ohne Kitsch oder Schwulst über Gefühlsdinge zu schreiben verstand.

»Les Quatre Coins du cœur« spielt in einem etwas grobschlächtigen Provinzbürgertum, das sich vor allem durch schlechten Geschmack auszeichnet. Eine Gesellschaft von Volltrotteln und Hohlköpfen, könnte man sagen, die sich selbst allerdings allesamt für ganz großartig halten. Sagan liebe ihre Personen nicht, beklagte sich ein Leser auf einer Website – aber das ist ja eben das Gute an ihr! Sie ist Moralistin. Sie traut sich, die Leute schlecht aussehen zu lassen, und die Frauen nicht weniger als die Männer.

Ludovic Cresson, der Sohn des Hülsenfrüchte-Millionärs, ist nach einem schweren Autounfall und zweijährigem Aufenthalt in diversen Kliniken und Nervenheilanstalten auf das heimatliche Anwesen zurückkehrt. Seine Ehefrau Marie-Laure, die den verunglückten Wagen gesteuert hatte, ist darüber alles andere als erfreut. Sie hatte sich schon darauf eingestellt, sein Vermögen ganz allein zu verprassen. Die unverhoffte Wiederkehr des Ehemanns löst Übelkeit in ihr aus. Sie verwehrt ihm kategorisch den Zutritt zu ihrem Schlafzimmer. Das hat Konsequenzen. Ludovic wird seine Leidenschaft für die Mutter von Marie-Laure erkennen, seine Schwiegermutter!

Man erkennt in diesem Buch durchaus die Handschrift der Sagan, nur fehlt der letzte Schliff. Ansonsten ist der Text nicht schlechter als andere von ihr. Wer Sagan schätzt, wird ihr auch gern in diese dunklen Winkel einer ungewöhnlichen Leidenschaft zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann folgen.

Françoise Sagan: Die dunklen Winkel des Herzens. Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze und Amelie Thoma. Ullstein-Verlag, 2019, 192 Seiten, 20 Euro

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