Gegründet 1947 Montag, 27. Januar 2020, Nr. 22
Die junge Welt wird von 2223 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

S*x

Von Gerhard Henschel
Pompeya_erótica8 Kopie.jpg
Prüderie und Karotten-Emojis kamen erst später auf – Fresko in Pompeji

Wenn ein Achtklässler einem anderen Achtklässler nachsagt, dass ihm ein dritter Achtklässler eine Möhre ins Rektum gesteckt habe, tun sicherlich alle Beteiligten gut daran, diese Affäre unter sich zu regeln. Sollte sie größere Kreise ziehen, wäre ein Rüffel vom Direx an die Adresse des Denunzianten fällig, und dann könnte es auch nicht schaden, dessen Eltern zu verständigen und sie an ihre erzieherischen Pflichten zu erinnern.

Leider gibt es nun aber auch erwachsene Rotzlöffel, die ihre auf dem gleichen Niveau angesiedelten Streitigkeiten in aller Öffentlichkeit austragen und keiner Erziehungsmaßnahme mehr zugänglich sind. Am 4. Dezember 2019 äußerte sich der Rapper Fler in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu dem Gerücht, dass ihm einmal eine Möhre ins Rektum gesteckt worden sei: »Ich habe mal mit der Freundin eines guten Freunds geschlafen, daraufhin hat der das in die Welt gesetzt. Und diese Geschichte haben dann Kollegah und Farid Bang ausgegraben, als ich mit ihnen Streit hatte.« Aufgegriffen worden sei das Ganze außerdem von dem Rapper Bushido: »Er hetzt auch seine Fans auf mich, die dauernd Karotten-Emojis unter meinen Instagram-Beiträgen posten.«

Fler hat freilich seinerseits Bushido Texte gewidmet, die vom Plattmachen und Lynchen handeln und von Vokabeln wie »Scheiße« und »Kacke« strotzen, während Bushido Fler zu verstehen gegeben hat, dass ihm keine große Zukunft beschieden sei: »Du hast jetzt flerkackt, denn wir haben dich flernichtet.« Und: »Ich ficke deinen Piss Fame.« Und: »Aggro Berlin ist der Schwanz, der dich in den Arsch bumst!«

Dieser jammervolle, aus Gründen der PR seit Jahren stets aufs neue ausgeplärrte Kinderkram hat nun also auch die seriösen Zeitungsspalten erreicht. Wer es noch genauer wissen möchte, der kann sich auf Wikipedia über jeden einzelnen »Beef« zwischen den bärtigen Achtklässlern informieren, die den »Karotten-Diss« zu einem florierenden Geschäftsmodell entwickelt haben. Unter der Überschrift »Fler, wie groß war die Karotte damals?« heißt es auf raptastisch.net in diesem trüben Zusammenhang, dass Fler einmal zusammengeschlagen worden sei: »Grund hierfür war angeblich, dass der Rapstar S*x mit der Freundin eines der Angreifer hatte.«

Ist das nicht niedlich? Die tonangebenden Rapper fluchen vor sich hin wie die härtesten Besucher des Klosetts der Charles-Bukowski-Grundschule in Klein-Chicago bei Lönneberga, aber ihre Fans schrecken vor dem harmlosen Wort »Sex« zurück und schreiben »S*x«.

Prüderie wohin?

Mehr aus: Feuilleton