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Aus: Ausgabe vom 13.12.2019, Seite 12 / Thema
Reichstagsbrand und Hohenzollern

Wunderbares Menschenmaterial

Die Hohenzollern, der Spiegel und die SA
Von Otto Köhler
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Der Kronprinz und sein Menschenmaterial: Wilhelm von Preußen (links) bei einem Treffen des Wehrverbands »Stahlhelm« und der SA 1933 in Wittenberg

Vier Monate waren vergangen, seit die Hannoversche Allgemeine Zeitung zusammen mit dem »Redaktionsnetzwerk Deutschland« die eidesstattliche Erklärung des ehemaligen SA-Mannes Hans-Martin Lennings zum Reichstagsbrand veröffentlicht hatte. Achtzehn Wochen, seit dpa die Nachricht in alle Welt getragen hatte. Insgesamt 126 Tage. Da endlich löste sich das altersschwache Nachrichtenmagazin in Hamburg aus seiner Schockstarre und brach am vorletzten Freitag sein Schweigen: Die 1955 vor einem Notar abgegebene Lennings-Erklärung sei – Überschrift – »Das Zeugnis eines Psychopathen«. Der damit gemeinte Ex-SA-Mann hatte damals ausgesagt, er habe an jenem Februarabend des Jahres 1933 mit zwei Kameraden den zum Brandstifter erkorenen Marinus van der Lubbe zu einem Hintereingang des Reichstags gebracht und dort – Rauchschwaden zogen schon durch die Gänge – bei einem Zivilisten abgeliefert, der den drei SA-Leuten empfohlen habe, schnell zu verschwinden.

Das Lebenswerk steht auf dem Spiel für den 1947 in Hannover gegründeten Spiegel. Im dortigen Pressehaus teilten sich damals seine hungrigen Redakteure mit den Kollegen der Lokalzeitung die Sonderlebensmittelrationen der britischen Besatzungsmacht. Und Rudolf Augstein ging gelegentlich spazieren in den Wäldern um Hannover. Mit Rudolf Diels, dem einstigen Chef der Gestapo. Der hatte schon am Nachmittag des 27. Februar 1933 die umfangreichen Verhaftungslisten an die Polizeistationen im ganzen Reich gefunkt, an eben dem Tag, an dem am Abend der Reichstag brannte. Jetzt im Wald erzählte der »leidenschaftliche Waidmann« dem jungen Augstein alles über die »Mimosenwelt und Flechten« und dachte mit ihm nach über die »Heilung der ausgepowerten Waldböden« (Der Spiegel, 19.5.1949)

Und da hat er den neugierigen Augstein auch aufgeklärt, dass es nicht, wie Hinterwäldler damals noch glauben durften, die Nazis waren, die den Reichstag anzündeten, sondern ganz allein Marinus van der Lubbe (später behauptete Diels in einer Serie, die er für den Stern verfasste, dass es doch die SA gewesen sei, da fiel er prompt einem Jagdunfall zum Opfer).

Im Deutschen Nachrichtenmagazin aber erschien dann – kundig bearbeitet von Nazis im eigenen Haus – die elfteilige Serie des niedersächsischen Verfassungsschutzbeamten Fritz Tobias unter Mitarbeit des zuvor bei der Judenbekämpfung bewährten SS-Obersturmbannführers Walter Zirpins, dem damaligen Chef des Landeskriminalamtes. Augsteins Fazit vor 60 Jahren: »Über den Reichstagsbrand wird nach dieser Spiegel-Serie nicht mehr gestritten werden. Es bleibt nicht der Schatten eines Beleges, um den Glauben an die Mittäterschaft der Naziführer lebendig zu erhalten.«

Das verpflichtet. Stefan Aust, Spiegel-Chefredakteur von 1994 bis 2008, wollte revidieren. Er stieß auf erbitterten Widerstand – erst als Welt-Herausgeber konnte er bei Springer das Reichstagsbrandbuch des US-Historikers Benjamin Carter Hett würdigen, der den überzeugenden Indizienbeweis gegen die SA führte.

Es ist eine gewaltige Leistung, dass der Spiegel jetzt doch noch sein hartnäckiges Schweigen gebrochen hat. Selbst die Bundesregierung beantwortete schon vor einigen Wochen eine parlamentarische Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke: »Die eidesstattliche Versicherung Martin Lennings ist eine historische Quelle, die nach fachwissenschaftlichen Standards zu überprüfen, in Beziehung zu anderen Quellen zu setzen und in ihrer Aussagekraft zu analysieren ist. Die Bundesregierung wird dieser Überprüfung durch die Fachwissenschaft nicht vorgreifen.«

Das ist löblich – aber das wird dauern, schrieb ich vor Wochen in dieser Zeitung.

Er googelte ein bisschen

Aber der Spiegel hatte es nun doch langsam eilig. Das Lennings-Papier – eine historische Quelle, die man in Beziehung zu anderen Quellen setzen muss, und dann hat man ihre Aussagekraft, das ist amtlich. Aber wie macht man so was? Die Geschichtsredakteure des Magazins, an der Spitze der vornehme Chefhistoriker Klaus Wiegrefe, überlegten hin. Und sie überlegten her. Wochenlang.

Da half ein gefälliger Honorarhistoriker aus der tiefen Not. Im Spiegel liest sich das so: »Der Historiker Rainer Orth aus Frankfurt am Main, ein Experte für die SA, hat nachrecherchiert. Er googelte ein bisschen, dann hatte er eine Spur, die ihn in zahlreiche Archive führte – und die den vermeintlichen Scoop in Frage stellt.« Wunderbar.

Das greise Nachrichtenmagazin hat, weil das – wie man sich erinnerte – erforderlich ist, noch mehr getan. Das bezeugt der vertrauenswürdige Welt-Historiker Sven Felix Kellerhoff: »Der Spiegel-Redakteur Klaus Wiegrefe hat wegen der Brisanz des Themas Orths Ergebnisse sogar selbst noch einmal nachgeprüft – und bestätigt.«

Ja, Kellerhoff, der selbst 2008 unter tiefgläubiger Assistenz des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert eine Broschüre für die Naziunschuld am Reichstagsbrand veröffentlicht hatte, machte wenige Stunden nach der Spiegel-Enthüllung über den psychopathologischen Hintergrund des SA-Mannes, der einfach nicht für immer schweigen wollte – eine fachwissenschaftliche Materialprobe. Eindeutiges Ergebnis: »... dass Lennings keineswegs ein vertrauenswürdiger Zeuge war – und seine Aussage deshalb das Papier nicht wert ist, auf das sie 1955 geschrieben wurde.« Denn, so der Papierexperte: »Gleich zwei Gutachter attestierten Lennings nämlich 1936/37, ein ›Psychopath‹ zu sein. Er sei ein ›unsteter, triebhaft unruhiger, schwindlerischer und lügnerischer‹ Mensch, schrieb einer der beiden. Und der andere befand, man dürfe Lennings’ Angaben nicht trauen.«

Kritisch merkte da, nein, er ist kein Nazi, Kellerhof an: »Nun muss man mit medizinischen, besonders psychiatrischen Gutachten aus der NS-Zeit immer sehr vorsichtig sein. Denn damals stand nicht der Patient im Mittelpunkt, sondern das ›gesunde Volksempfinden‹. Deshalb hat Klaus Wiegrefe die Unterlagen dem renommierten und vielfach ausgezeichneten Psychiater Frank Schneider vorgelegt. Der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Düsseldorf hat sich intensiv mit der Vergangenheit seiner Disziplin im Nationalsozialismus beschäftigt.«

Das hatte auch Wiegrefe selbst vermerkt: »Der Spiegel hat die Gutachten Frank Schneider vorgelegt, Psychiatrieprofessor und ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Düsseldorf«. Und der, bekräftigt Wiegrefe, dieser »vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler tritt regelmäßig als Gutachter in Gerichtsverfahren auf«.

Ein Mann also, der sich auf die verbrecherischen Gutachter der Erbgesundheitsgerichte der Nazis zu berufen vermag, dieser Klinik­direktor psychiatriert so heute auch vor bundesdeutschen Gerichten herum? Dem Spiegel ist das egal. Hauptsache, der Erbgesundheitsgerichtsbestätiger bezeugt, dass Lennings ein unglaubwürdiger Psychopath war.

Seit zwei Wochen ist der Spiegel mit seiner von einem Psychiater aus Düsseldorf bestätigten Widerlegung der von der Hannoverschen Allgemeinen verbreiten notariellen Urkunde endlich auf dem Markt. Reaktionen?

Lennings’ Hirn

Außer dem eiligen, aber wohlkonzertierten Beifall aus Kellerhoffs Welt nur eine pflichtgemäße Notiz in der Hannoverschen Allgemeinen, von der alles ausgegangen ist: »Reichstagsbrand: Zweifel an Aussage eines SA-Manns aus Hannover (…) Nach Recherchen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel war der Mann psychisch gestört.«

Ansonsten aber keine Reaktion auf die sensationelle Spiegel-Enthüllung über den Geisteszustand Lennings’ – nirgends. Ja, liest denn keiner mehr das Deutsche Nachrichtenmagazin? Den großen Blättern, die ausführlich über das Lennings-Dokument berichtet hatten, war die durchsichtige Psychiatrisierung Lennings’ durch das Hamburger Wochenblatt keine Zeile wert.

Verzweifelt legte Wiegrefe am Dienstag vergangener Woche über Spiegel online nach: »Aufsehenerregendes Geständnis des SA-Manns wohl nur wenig wert. (…) Der Expertenstreit, wer 1933 den Berliner Reichstag anzündete, dauert an.« Wiegrefe lockte: »Über einen geständigen SA-Mann liegen nach Spiegel-Informationen psychiatrische Gutachten vor. Sie lassen an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln.« Expertenstreit?

Kellerhoff, der eiligst in der Welt applaudierte, kann damit wohl nicht gemeint sein. Er hat als letzter Propagandist des Unschuldsdogmas den Rest einer etwaigen Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt, die er doch schon lange als Fälscher im Dienste des C.-H.-Beck-Verlages verloren hatte (siehe junge Welt vom 26.2.2011: »Das Unschuldsdogma«).

Mittwoch vergangener Woche – immer noch keine Reaktion. Also gab der Geschichtsgrandseigneur des Deutschen Nachrichtenmagazins am nächsten Tag und am selben Ort noch eins drauf: »Psychiater über den Kronzeugen zum Reichstagsbrand: ›Wahrscheinlich war dies Ausdruck einer Hirnschädigung‹.« Ausgerechnet dieser SA-Mann Lennings sei ein »Psychopath«. Das gehe »aus zwei psychiatrischen Gutachten hervor, die« – egal – »allerdings in der Nazizeit entstanden«.

Irre könnte der ehrliche SA-Mann ja gewesen sein: Er hatte sich nach der Lektüre der Zeitungen vom nächsten Tag bei seinen SA-Vorgesetzten beschwert: van der Lubbe könne nicht der Brandstifter sein, weil er ihn erst dann im Reichstag abgeliefert habe, als der schon angebrannt gewesen sei. Schade, dass der Spiegel nicht auch noch Faksimiles der erbgesundheitlichen Gutachten von damals und ihrer Bestätigung von heute druckte.

Schmarotzer ins Gas

Der vom Spiegel angedachte Expertenstreit ist bis heute ausgeblieben. Wie aber ist das Magazin in seiner Not an den erwähnten Historiker Rainer Orth geraten, der durch einfaches Googeln eine Hirnschädigung des unbequemen SA-Manns Lennings herbeizauberte?

Am 14. Oktober brachte Spiegel online eine Kolumne von Stefan Kuzmany. Titel: »Seine Königliche Hoheit hat noch nicht genug«. Untertitel: »Georg Friedrich Prinz von Preußen hätte gern Kunstschätze vom deutschen Staat und ein Wohnrecht für seine Sippe im Schloss Cecilienhof. Schon das Ansinnen ist eine Beleidigung der Republik«. Als Beleg für die ideologische Ausrichtung des geschassten Kaisergeschlechts zitierte Kuzmany zwei Zitate aus Briefen, die der abgesetzte Kaiser Wilhelm II. 1919 aus dem holländischen Exil verschickt hatte: »Die tiefste und gemeinste Schande, die je ein Volk in der Geschichte fertiggebracht, die Deutschen haben sie verübt an sich selbst. Angehetzt und verführt durch den ihnen verhassten Stamm Juda, der Gastrecht bei ihnen genoss. Das war sein Dank! Kein Deutscher vergesse das je, und ruhe nicht, bis diese Schmarotzer vom Deutschen Boden vertilgt und ausgerottet sind! Dieser Giftpilz am deutschen Eichbaum!« In einem anderen Brief erläuterte der Kaiser kurz darauf, wie man Juden auszurotten habe: »Ich glaube, das beste wäre Gas.« Kuzmany: »Es ist eine dreiste Unverschämtheit, mit der sich der heutige Hohenzollern-Wortführer Georg Friedrich nun am Staat schadlos halten möchte.«

Alles richtig. Doch zu Beginn seiner Kolumne hatte Kuzmany einen Satz geschrieben, der Unruhe auslöste: »Dem Spiegel vorliegende Historikergutachten bescheinigen dem [damaligen; O. K.] Kronprinzen eine ›pronationalsozialistische Grundhaltung‹. Er sei ein ›Sprachrohr‹ der NS-Propaganda gewesen und ein ›nützlicher Idiot‹ Hitlers. Familienintern habe es bei den Hohenzollern einen regelrechten Wettbewerb um die Gunst des sogenannten Führers gegeben.«

Das muss den eingangs erwähnten, für den Spiegel so nützlichen SA-Forscher Rainer Orth tief getroffen haben. Kann, ja darf der Spiegel den Hohenzollern-Gutachtern vorhalten, sie meinten, der Kronprinz habe eine »pronationalsozialistische Grundhaltung« gezeigt? Er, Rainer Orth, war ja schließlich auch noch da.

Es gibt nämlich inzwischen mindestens vier Historikergutachten im Rechtsstreit zwischen der Hohenzollern-Gang und dem Land Brandenburg. Das vierte von 2016 ist endlich hilfreich. Nach dem Gesetz steht den Hohenzollern nur dann eine Entschädigung für ihre nach der furchtbaren Katastrophe von 1945 – der Russe im Land – enteigneten Güter zu, wenn sie den Nazis keinen Vorschub geleistet haben. Und da macht nur das vierte Gutachten Hoffnung. Dessen Fazit: »An folgenden Kernaussagen kann kein Zweifel bestehen: Kronprinz Wilhelm hat dem NS-System keinen Vorschub geleistet. In der politisch bewegten Endphase der Weimarer Republik hat Kronprinz Wilhelm einen überaus aktiven Part bei der Verhinderung einer Kanzlerschaft Hitlers gespielt. Auch nach Januar 1933 lehnte Kronprinz Wilhelm das NS-System aktiv ab. Er stand von Anfang an den sich formierenden Widerstandsnetzwerken nahe.«

Dieses vorbildliche Gutachten hat zwei Autoren. Zumindest den Namen gab Professor Dr. Wolfram Pyta, ein sehr bedeutender Stuttgarter Sporthistoriker (»Der lange Weg zur Bundesliga. Zum Siegeszug des Fußballs in Deutschland«), der aber auch Bücher über das Charisma Hindenburgs und über den »Künstler« Hitler als »Politiker und Feldherr« verfasst hat und für seinen Lehrstuhl nützliche Verbindung zur Porsche AG unterhält. Ob er schon gelesen hat, was in dem von ihm verfassten Gutachten steht, ist fraglich, einiges ist nicht mit seiner Hindenburg-Biographie in Einklang zu bringen. Egal, der eigentliche Autor ist unser SA-Forscher Rainer Orth. Und den hatte der Spiegel mit Kuzmanys Unterstellung gekränkt.

Man traf sich, und man arrangierte sich. Rainer Orth lieferte die willkommene Hirnschädigung des unbequemen SA-Mannes. Wiegrefe präsentierte am 2. November einen milden Artikel, den er auf Spiegel online mit der Überschrift ankündigte: »Hohenzollern-Streit. War Kronprinz Wilhelm ein NS-Sympathisant – oder wollte er Hitler verhindern?«

Spiegel-Text: »In der Debatte um die Millionenentschädigung zwischen den Hohenzollern und dem Land Brandenburg ist ein bislang unbekanntes Gutachten aufgetaucht. Die Rolle des Kronprinzen bleibt umstritten.« Weiter im Text: »Die Hohenzollern können sich im Streit mit dem Land Brandenburg um eine Millionenentschädigung auf ein bislang unbekanntes Gutachten stützen. Darin schreiben die Historiker Wolfram Pyta und Rainer Orth, 1932/33 habe der damalige Kronprinz Wilhelm ›aktiv an der Verhinderung‹ der Kanzlerschaft Adolf Hitlers ›mitgewirkt‹«.

Kronprinzens Widerstand

Wie konnte so etwas geschehen? Da muss man nur im Orth-Pyta-Gutachten nachschlagen. Am 13. April 1932 hatte Reichsinnenminister Wilhelm Groener SA und SS verboten. Kronprinz Wilhelm war empört. Und protestierte bei Groener, der zugleich auch Reichswehrminister war: »Ich kann diesen Erlass nur als schweren Fehler bezeichnen. Es ist mir auch unverständlich, wie gerade Sie als Reichswehrminister das wunderbare Menschenmaterial, das in der SA und SS vereinigt ist und das dort eine wertvolle Erziehung genießt, zerschlagen helfen.« Die Hohenzollern-Gutachter Orth und Pyta zitieren diesen Brief nicht im Wortlaut, das »wunderbare Menschenmaterial« unterschlagen sie und formulieren nur, Wilhelm habe »das Verbot von SA und SS kritisiert«. Um so heftiger aber beschweren sie sich, dass der Kronprinz damals wegen der Veröffentlichung »vertrauliche[r] Briefe« einer regelrechten Pressekampagne ausgesetzt gewesen sei.

In Wirklichkeit, so gutachten Orth und Pyta, habe doch eine Aufhebung des SA-Verbots nur ein Ziel verfolgt: »die NSDAP wirtschaftlich zu ruinieren«, denn eine »legale und daher Monat für Monat enorme Geldmittel verschlingende SA« hätte das beschleunigt.

Das ist dialektischer Monarchofaschismus in seiner höchsten Blüte, und für solchen Widerstand gegen die Nazis verdienen die Hohenzollern nicht nur die Erfüllung aller ihrer Forderungen, sondern zusätzlich noch 2021 zum 150. Jahrestag der Reichsgründung durch Wilhelm I., die Übereignung des wiederaufgebauten Schlosses. Die Bundesregierung hat sich stets entschieden geweigert, den Herero und Nama für den von Kaiser Wilhelm II. – dem Vater des Kronprinzen – verübten Genozid irgendeine Entschädigung zu zahlen und Restitutionen auch nur anzubieten. Gut. Aber die Hohenzollern sind keine Hottentotten. Es muss doch gelingen, diese für uns alle vorbildlichen und vor allem arteigenen Hohenzollern mit der Republik zu versöhnen.

Zurück zum Spiegel. Der widerlegt die Erklärung Lennings’, wie schon Kellerhoff, mit dem amtlichen Protokoll, das der spätere Kriegsverbrecher und Spiegel-Mitarbeiter Zirpins vom ersten Verhör van der Lubbes angefertigt hatte. Danach habe van der Lubbe vorher auch versucht, das Hohenzollernschloss anzuzünden. Nichtsdestotrotz stellt Klaus Wiegrefe in seinem »Zeugnis eines Psychopathen« gekränkt fest: »Dem Spiegel wird ernsthaft« – ja, ernsthaft – »unterstellt, er halte an der Alleintäterthese fest, weil er vor mehr als einem halben Jahrhundert jene Artikelserie von Fritz Tobias veröffentlicht habe und sich nun aus Prestigegründen davon nicht lösen könne. Auch dem verstorbenen Fritz Tobias wird jetzt noch am Zeug geflickt, denn in seinem Nachlass ist eine Kopie der eidesstattlichen Versicherung gefunden worden.« Wohl ein Beweis dafür, dass die Lennings-Erklärung falsch sein muss und nicht dafür, das Tobias die Kopie der Öffentlichkeit vorenthalten hat.

Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) drängt die widersetzliche Regierung Brandenburgs, sich mit den Hohenzollern zu verständigen – mit dem Einzug der CDU ins Potsdamer Kabinett könnte das gelingen. Dürfen wir hoffen, dass die Bundesregierung im Januar 2021 zum Empfang der Hohenzollern in ihrem wiedererrichteten Schloss antreten wird?

Otto Köhler war von 1966 bis 1972 Medienkolumnist des Spiegel. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. November über die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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