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Aus: Ausgabe vom 12.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Spiegel kaputt

Little Screams drittes Album »Speed Queen«
Von Christina Mohr
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Auf ihrem dritten Album »Speed Queen« setzt sich Singer-/Songwriterin Laurel Sprengelmeyer alias Little ­Scream mit dem Komplex Herkunft/Klasse und Armut in den USA und ihrer Wahlheimat Mont­real auseinander – in deutlichen Worten, die sich bereits während Little Screams letzter Tournee durch Nordamerika formten. 2016 war das, im Jahr Trump also.

Angesichts des gesellschaftlichen Verfalls überall in den Staaten wurde ihr der eigene privilegierte Status als Neukanadierin im engsten Kreis der Arcade-Fire-Connection bewusst – vor dem Hintergrund ihrer nur wenig privilegierten Jugend in Iowa. In »Privileged Child« singt sie davon, dass arm zu sein kein frei gewählter Lifestyle ist und das Kokettieren reicher Kids mit angeblicher Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse vielleicht doch ein bisschen uncool: »Poverty’s a feeling money just can’t buy«, oder im Opener »Dear Leader«, an sogenannte Migrationskritiker gerichtet: »When the waters rise, it’s gonna be you, Miami / (…) you will ask your God, but he’ll be busy getting risen, and the rich will be too busy buying stock in private prisons / that’s where they’ll send you for talking about socialism.« Unmissverständliche Zeilen, die wie bei ihrem gefeierten Vorgängeralbum in frappierend schöne Musik gekleidet sind.

Waren auf »Cult Following« prominente Gastmusikerinnen und -musiker wie Sharon Van Etten, Sufjan Stevens und Kyp Malone zu hören, kümmert sich Sprengelmeyer auf »Speed Queen« weitgehend allein um die üppige, dabei immer durchlässige, detailversessene Orchestrierung: hier ein Saxofon, dort Disco-Streicher; wie nebenbei streifen die Songs verschiedene Stile von Sixties-Folkpop über Funk bis Westcoast-Yacht-Rock und sind niemals nur Pastiche, die ­Arrangements kein Dekor, sondern Notwendigkeit. »Disco Ball« oder »No More Saturday Night« zum Beispiel sind perfekt komponierte, euphorisierende Dance-Tracks im Viervierteltakt mit allem Drum und Dran – und textlich so bitter, dass man weinen möchte. Aber auch im tiefsten Kummer steckt Hoffnung; aus dem Spiegel, den du vor Verzweiflung kaputtgeschlagen hast, kannst du dir immer noch eine Discokugel zusammenkleben.

Auch im echten Leben gibt Little Scream die Hoffnung auf eine bessere Welt (trotz Trump) nicht auf: Sie wirbt für die 1.000-Cities-Kampagne, die die weltweite CO2-Emission reduzieren will. Nicht nur deshalb: Beim Titelsong besonders aufmerksam zuhören.

Little Scream: »Speed Queen« (Merge)

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