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Aus: Ausgabe vom 12.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Die übersprungene Generation

Grit Lemkes Dokumentation »Gundermann Revier« über den Baggerführer und Liedermacher kommt heute ins Kino
Von Gerd Schumann
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Ein Rundum-Herausforderer: Gerhard Gundermann

»Das Revier hat uns beide ausgespuckt. Du hast es einmal umgegraben. Wir wollten was bewegen«, so fasst die Autorin und Regisseurin Grit Lemke gleich zu Beginn kurz und poetisch zusammen, wovon sie erzählen wird. Sie stammt von dort aus dem Braunkohlerevier, aus dieser Ecke der Lausitz, die ihr Film zeigt und in der auch Gerhard Gundermann wuchs und wurd’. Lemke kannte den Liedermacher und Baggerfahrer – oder umgekehrt, eines bedingt das andere, heißt es –, war mit ihm befreundet. »Das war einer der Menschen, die mich wahrscheinlich mit am meisten beeinflusst haben. Und mir war es eben wichtig: Es ist irgendwie auch die Geschichte meiner Generation«, verriet sie im Gespräch mit dem Journalisten Knut Elstermann vor der Uraufführung beim Leipziger Dokfilmfestival Ende Oktober.

»Gundermann Revier«, so der Filmtitel, ohne Bindestrich oder Genetiv-S, zwei Bestandteile, die einander bedingen: der Mensch, das Umfeld, das er und das ihn prägt, wechselseitige Formung von Natur und Gesellschaft. »Sozialismus ist das Gegenteil von Egoismus, und das wollten wir hier auch machen«, sagt der ehrgeizige »Gundi«, der immer an seine Grenzen geht und von anderen verlangt, was er von sich selbst fordert. Ein Rundum-Herausforderer. »… und wir hatten ’ne Menge vor.« Weil die »übersprungene Generation« nichts davon verwirklichen konnte, sieht es heute so aus, wie es aussieht: Egoismus, Kälte, Gier, Hunger, Krieg; eine Gesellschaft, die ökonomisch, ökologisch – moralisch und sozial sowieso – am Abgrund steht. Es sah schon mal besser aus.

Gundermann, 1955 geboren, 1998 verstorben, war gut zwanzig, Abiturient, gefeuerter NVA-Offiziersanwärterschüler – welch’ Wortmonstrum! –, als er zu seinem Weg als schöpferischer Mensch aufbrach, im Lausitzer Tagebau und in der »Brigade Feuerstein«, einem schnell wachsenden Kollektiv, das mittels Musiktheater einen Hauch dessen schuf, was hätte werden können aus dem Land. Das Lachen, das Nachdenken, das zum phantastischen Lach-denken der Kinder wurde, für die und für das die Brigade spielte. Und auch für die »Männer, Frauen und Maschinen«, magisches Dreieck, das in seinen Gegensätzen deswegen wirkt, weil diese nicht antagonistisch sind, sondern sich in Widersprüchen vorwärts bewegen. Und durch Widersprechen. Sagt ein Kollege über Gundermann: Er hatte den »Vor- und Nachteil«, was er denkt, auch zu sagen. Und das kam manchmal hart rüber.

»Vater, du hast mir nicht alle Wahrheit gesagt / dass ich nicht erschreck’ / Vater, doch was soll ich machen wenn ich sie nach deinem Tod erst entdeck’« (»An Vater«). Auf den Chansontagen in Frankfurt/Oder wird »Männer, Frauen und Maschinen« 1987 prämiert und im Jahr drauf auf Schallplatte gepresst. Es dringt selbst in diesen Zeiten der schon spürbaren Agonie, die das System erfasst hat, in die Köpfe des »Wir« und wirkt energetisch.

»Wir sind nie an die Hebel gekommen, die man die Macht nennt«, sagt Gerhard Gundermann, der nicht aufgibt, obwohl er aus der Partei geflogen ist, obwohl er aus eigener Erfahrung weiß, dass der Hase bei der Staatssicherheit seltsame Haken schlägt, und seine informelle Mitarbeit aufgibt – »sieben Jahre habe ich kooperiert, sieben Jahre wurde ich operiert« – und in dem Moment, »wo wir uns rangearbeitet haben und das realisieren wollten, was wir eigentlich machen wollten, also zum Beispiel sagen wir mal Sozialismus, in dem Moment waren die Hebel fort, an denen man das hätte realisieren können«.

»Gundermann Revier« vermittelt – anders übrigens als Andreas Dresens Spielfilm, dessen Stasikulisse einen differenzierten Blick auf die Gesellschaft weitgehend verstellt und Klischees bedient – einen Eindruck davon, was hätte sein können, und auch, warum es nicht so kam und es – zumindest was das Projekt DDR betrifft – »Utopie« blieb. Der Film zeigt, was in dem Stoff steckt. Indem er Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, die sagen, wie es war und wie sie es sehen, formen sich Bilder vom Künstler und dessen gesellschaftlichen Sein.

Zuvorderst Ehefrau und Gefährtin Conny trägt mit ihrer offenen Klarheit ausdrucksvoll dazu bei, aber auch viele andere aus Brigade und Seilschaft, Uwe Hassbecker und Rüdiger »Ritchie« Barton von »Silly«, die über ihre Kooperation mit »Gundi« sowie die zwischen ihm und Tamara Danz berichten, etwa darüber, wie die CD »Februar« entstand. Und die sich äußern zu Gundis Verfasstheit als IM, der sich als »Kundschafter«, eine Art »Pawel Kortschagin« verstand, was »naiv« (Barton) erschienen sei. Manches wird so verständlicher. Kein Tribunal wie in einer gezeigten Talkshow, sondern Reflexion. Am Pranger standen viel zu viele, und Pranger haben mit Mittelalter, aber nicht mit Zukunft zu tun. Gundermanns ehemalige Lehrerin merkt dazu an: »Gerhard wollte die Welt verbessern, wenn er zur Stasi ging. Es ist ihm nicht gelungen.«

Conny und Gerhard Gundermann wussten um die Dimension dessen, was folgen würde, als im Oktober 1990 mitternachts zum letzten Mal »Auferstanden aus Ruinen« im Radio gespielt wurde. Auf dem Rückweg von einem Auftritt des Liedermachers in Freiberg hielten sie das Auto an, fassten sich »an die Hände, und haben geheult, wirklich dermaßen geheult, weil wir geahnt haben, dass das, was jetzt auf uns zukommt, nicht mehr mit uns zu tun hat«. Nichts mehr mit uns, nichts mehr mit dem, was vielen vorgeschwebt hatte in der DDR, ihrem Revier.

Die Regisseurin zitiert auch aus Richard Engels zwei Dokumentarfilmen »Gundi Gundermann« (1982) und »Ende der Eisenzeit« (1999), komponiert aus Bildern und dem gesungenen wie gesprochenen Wort ein berührendes Gesamtwerk, aufgeführt in vier Akten, mindestens, schlüssig strukturiert. Biographie und Zeitläufte treffen sich. Der Film hätte auch heißen können: Die Persönlichkeitswerdung des Gerhard Gundermann und der Anteil der Umgebung daran.

Lemkes durchaus sympathisierender, jedenfalls an keiner Stelle denunzierender Blick führt weit und tief zugleich. Bei dem, was zwar Geschichte genannt, aber doch von Menschen gemacht wird, handelt es sich um eine Materie, die ohne Vorverurteilungen auskommen muss. Sie lebt von Wahrheit, die für die Zukunft der sozialistischen Idee immer wichtiger wird. Lemke zeigt bedrückende Bilder aus Hoyerswerda heute (Kamera: Uwe Mann). Die deuten auf Niedergang – statt wie vor fünfzig Jahren auf Aufbruch.

Ja, der Schnee sei wieder weiß geworden, aber es schneit nicht mehr, heißt es gegen Filmende und dass die »Ossi-Reservation zum Freizeitpark« werde. Doch indem sich Lemke an ihre Gegend und Gundermann erinnert, regt sie dazu an, die üblichen Denkschablonen zu ignorieren. Das ist nicht zu unterschätzen heutzutage, und deswegen wird ihr Film auch keine sechs Deutschen Filmpreise erhalten.

»Gundermann Revier«, Regie: Grit Lemke, BRD 2019, 98 min, Kinostart: heute

Debatte

  • Beitrag von Denis K. aus K. (11. Dezember 2019 um 22:14 Uhr)
    Eine unglaublich treffende Rezension für einen phantastischen Dokumentarfilm über eine faszinierende Person. Wir haben den Film bereits zweimal gesehen und können jedes geschriebene Wort bestätigen.

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