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Aus: Ausgabe vom 11.12.2019, Seite 15 / Antifa
Streit um Platz in Jugendzentrum

Hausverbot droht

Unerwünschter Name: »Antifa-Café« in Pinneberg unter Beschuss
Von Felix Jota
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Proteste gegen Neonaziaufmarsch in Hamburg-Wandsbek (2.6.2012)

Von rechts ist der Begriff Antifa inzwischen so erfolgreich diskreditiert worden, dass allein die Erwähnung des Wortes schon für politischen Streit sorgen kann. In der Kreisstadt Pinneberg nördlich von Hamburg sorgt ein »Antifa-Café«, das eine Gruppe junger Aktivisten seit September in dem Jugendzentrum Geschwister-Scholl-Haus organisiert, für Wirbel. Die parteilose Bürgermeisterin Urte Steinberg soll der Gruppe signalisiert haben, sie solle ihr Treffen umbenennen, sonst drohe ein Hausverbot.

Als dies im November publik wurde, versuchte die Stadt, den Vorgang gegenüber Medien als »Missverständnis« darzustellen. Doch die Gruppe widerlegte das in einem offenen Brief auf ihrer Homepage. »Missverständnisse passieren, aber dieses, so können wir vermuten, war keines!« heißt es da. Die Forderung, den Namen des »Antifa-Café« zu ändern, höre und lese die Gruppe seit September. Im Café hätten die Organisatoren an Vertreter des Geschwister-Scholl-Hauses die Frage gestellt, ob sie das Haus verlassen müssten, wenn sie an dem Namen festhielten. Diese Frage sei eindeutig bejaht worden.

»Dass unser ›Antifa-Café‹ aufgrund der Namensgebung so hohe Wellen schlägt, hätten wir nicht erwartet«, so der offene Brief weiter. Es mache wütend, dass jungen Menschen, die sich über »ihr Verständnis von Demokratie und Menschlichkeit« austauschen wollten, Steine in den Weg gelegt würden. Der Vorstoß der Stadt sei besonders verwunderlich vor dem Hintergrund, dass die Treffen in einem Haus stattfänden, das den Namen der von den Nazis ermordeten Widerständler Sophie und Hans Scholl trage.

Auch in der Kommunalpolitik sorgte der Vorgang für Streit. Die Pinneberger CDU diffamierte die Antifa pauschal als »extremistisch« und forderte, die Benutzungsordnung der städtischen Jugendeinrichtungen so zu ändern, dass sich dort künftig keine »einseitigen politischen Gruppierungen« mehr treffen dürften. Bündnis 90/Die Grünen und SPD solidarisierten sich dagegen mit dem »Antifa-Café«. »In Zeiten, wo politisches Engagement abnimmt, sind wir froh, dass junge Menschen hier in Pinneberg für unsere demokratischen Rechte in Diskussionsrunden streiten«, sagte der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Kai Vogel.

Die Organisatoren des »Antifa-Café« veranstalten als Reaktion auf die Auseinandersetzungen am Donnerstag eine Expertenrunde, in der aus wissenschaftlicher Perspektive ein Blick auf Antifa-Arbeit und moderne Jugendarbeit geworfen werden soll. Zu Wort kommen Melanie Groß, die an der Fachhochschule Kiel eine Professur für Erziehung und Bildung mit Schwerpunkt Jugendarbeit innehat, und Nils Schuhmacher, Lehrbeauftragter für kriminologische Sozialforschung an der Universität Hamburg. Auch ein Vertreter des Regionalen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein wird an der Runde teilnehmen. In ihrem offenen Brief hat die Gruppe auch Bürgermeisterin Urte Steinberg eingeladen.

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