Gegründet 1947 Montag, 27. Januar 2020, Nr. 22
Die junge Welt wird von 2223 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.12.2019, Seite 10 / Feuilleton

Wiemer, Opoczynski

Von Jegor Jublimov

Der Erfolg der Defa-Indianerfilme der 60er und 70er Jahre weckte allgemein Interesse an den Mythen der amerikanischen Ureinwohner. So entstand der 1976 erschienene Trickfilm »Der Sohn des Adlers« über die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur von Regisseurin Christl Wiemer. Die Hallenserin hatte an der Burg Giebichenstein studiert und zusammen mit ihren Kommilitonen Helmut Barkowsky, Klaus und Katja Georgi, Otto Sacher und Hans-Ulrich Wiemer beim Zeichentrickfilm begonnen. Später kam bei ihr auch die Arbeit mit Flachfiguren dazu. Mit Uli Wiemer, ihrem Ehemann, drehte sie nur »Die betrunkene Sonne« (1967) nach Sarah Kirsch. Überhaupt adaptierte sie immer wieder Kindergeschichten bekannter Autoren, häufig von Werner Heiduczek, auch von Nazim Hikmet oder Hans Christian Andersen. Von dem dänischen Klassiker stammt die Vorlage des Wiemer-Films »Vogel der Nacht« (1986), auf den die Regisseurin besonders stolz ist, weil sie sich erstmals an Kinder wandte, um poetisch über den Tod zu sprechen. Christl Wiemers Filme wurden auf Festivals in Oberhausen, Gijón und Gera ausgezeichnet. Gestern vor 30 Jahren, als sie gerade an ihrem letzten Film »Das Küken« arbeitete, wurde Christl Wiemer 60 und damit Altersrentnerin. Sie arbeitete noch ein paar Jahre länger, um das Erbe des künstlerischen Defa-Trickfilms geordnet zu übergeben. Gestern wurde sie 90.

An einem Indianerfilm wirkte Evelyn Opoczynski, die ebenfalls gestern Geburtstag hatte, nur einmal mit – und ist darin nicht mal zu sehen. In »Osceola« (1971) lieh sie der Ungarin Kati Bus ihre Stimme. Mit der Titelrolle im Filmlustspiel »Meine Freundin Sybille« war sie 1967 zum Backfisch-Star der DDR geworden, übernahm dann große Rollen in Filmen wie »Leben zu zweit« (1968), »Du und ich und Klein-Paris« und »Husaren in Berlin« (beide 1971). Hatte sie hier einfach nur aufgeweckte junge Mädchen zu spielen, konnte sie sich in Fernsehfilmen wie »Eine Chance für Manuela« (1976), »Auf Station 23« (1978) oder »Der Fall Petra Hansen« (1979) aus der Reihe »Der Staatsanwalt hat das Wort« auch im Charakterfach profilieren. Um das Filmhandwerk besser zu verstehen, übernahm sie Regieassistenzen bei Ulrich Thein und Herrmann Zschoche, in dessen Kultfilm »Sieben Sommersprossen« sie 1978 eine der Hauptrollen spielte. Schade, dass ihre Film- und Fernsehauftritte seit Mitte der 80er Jahre seltener und die Rollen kleiner wurden. Bei Wiederaufführungen ihrer alten Filme wird die seit gestern 70jährige noch immer vom Publikum gefeiert.