Gegründet 1947 Mittwoch, 29. Januar 2020, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2223 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Sachbuch

Der Schrecken begann mit Christiansen

Ödnis mit Faschos: Oliver Weber analysiert die Verheerungen der Polit-Talkshows
Von Michael Bittner
Hart_aber_fair_Frank_57938113.jpg
Nachfolger der Verheererin: Frank Plasberg

Vor einiger Zeit verbreitete sich im Internet ein überraschender Hit. Die Aufzeichnung eines Gesprächs aus der Reihe »Zur Person« zwischen Günter Gaus und Hannah Arendt aus dem Jahr 1964 wurde hunderttausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt. Junge Leute schauten freiwillig zwei toten Menschen beim Reden zu: Ein Intellektueller stellte Fragen, die länger als gegenwärtige Bachelorarbeiten waren. Und eine kettenrauchende Denkerin antwortete nüchtern, klug und mit Witz. So anziehend wirkt dieses Gespräch wohl gerade jetzt, weil es das Gegenteil jenes Grauens ist, das heutzutage im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als »Polit-Talk« versendet wird.

Unter dem Titel »Talkshows hassen« hat Oliver Weber, Student der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre, das Genre einer Analyse und Kritik unterzogen. Der Band kommt, wie alle auf Buchlänge aufgeblasenen Thesenpamphlete, nicht ohne Wiederholungen aus. Dafür hat sich der junge Autor bemüht, sozialwissenschaftlichen Jargon zu vermeiden und einen allgemein verständlichen Text zu schreiben. Dies ist ihm auch einigermaßen gelungen, abgesehen von einigen stilistischen Fehltritten, deren »minimalste Variationen« seiner »zentralsten Botschaft« etwas abträglich sind.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der Talkshow. Nach rasch abgebrochenen Anfängen zu Zeiten der Weimarer Republik entwickelte sich nach dem Krieg in der BRD das Genre der Diskussion im Rundfunk. Gefördert wurde es von den westlichen Alliierten als Teil der demokratischen Umerziehung der Deutschen. Weber bescheinigt den damals entstandenen Sendungen wie dem »Internationalen Frühschoppen« gewiss nicht zu Unrecht ein vergleichsweise hohes Niveau, doch neigt er wohl auch ein wenig zur Idealisierung der Vergangenheit. Dass in den Studios damals Frauen allenfalls das Wasser auf den Tisch stellten, erwähnt Weber, nicht aber, dass auch das gezeigte politische Spektrum sehr begrenzt war. Von der DDR ist an dieser Stelle so wie im ganzen Buch überhaupt nicht die Rede.

Den Beginn des Niedergangs der Talkshow datiert Weber auf die 90er Jahre. Das Privatfernsehen habe den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit seinem Quotenwahn infiziert, die neoliberale Politikwende überdies die politische Diskussionskultur zerstört. Ein ermüdender Stellungskrieg zwischen Vertretern der »Alternativlosigkeit« und des »Populismus« sei an ihre Stelle getreten. Sabine Christiansen eröffnete die bis heute andauernde Schreckenszeit. Ihre Nachfolger heißen Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Anne Will.

Treffend schildert Weber die Schwächen des Talkshowbetriebs. Ein völliger Mangel an kritischer Selbstreflexion bringt die Fernsehmacher dazu, ihr »Agenda-Setting« und »Framing« als bloße Erfüllung vermeintlich vorhandener Zuschauerwünsche auszugeben: »Das ist die schwindelerregende Selbstreferenzialität des Systems Talkshow. Die Produzenten, Redaktionen und Moderatoren kreisen beständig um das, was sie selbst in die Welt gesetzt haben.« Unter dem Quotendruck wird Politik beständig im Ton der Apokalypse besprochen. Aber gleichzeitig sitzen in der »Talkshow-WG« ganz wie in Seifenopern immer dieselben Figuren, die immer dieselben Rollen spielen. Nicht nur Wolfgang Bosbach und Olaf Scholz sondern wöchentlich ihre altbekannten Phrasen ab, auch den »Experten« und den »Betroffenen« wird keine Gelegenheit gegeben, aus dem Skript auszubrechen. Solch ein Kontrast zwischen der Beschwörung akuter Krisen und der Wiederkehr der ewig gleichen Gesichter kann aber nur abstumpfend auf die Zuschauer wirken.

Das Sendeformat der Talkshow prämiert Sprechautomaten, die aneinander vorbeireden und auswendig gelernte Slogans hersagen, statt wirklich zu streiten. Gleichzeitig geißeln die Moderatoren im Namen des Publikums die Volksferne der Politiker: »Kurioserweise ist das Bild, das die Talkshows von Politikern zu vermitteln bestrebt sind, exakt dasselbe, das sie üblicherweise lautstark anklagen.« Die technokratische Ödnis, die in den Sendungen einkehrte, rief gleichsam nach rücksichtslosen Lautsprechern, die schließlich auch wirklich auftauchten. So gingen die Talkshows eine »rhetorische Symbiose« mit der AfD ein. Die Partei verdankt ihren Aufstieg nicht zuletzt der Freiheit, mit der die rechten Agitatoren sich – von den Moderatoren ungestört – als Stimmen des ungehörten Volkes aufspielen konnten.

So gut Weber die Verheerungen der Talkshows beschreibt, so schwach bleibt seine Analyse der Ursachen. Weber ist ein liberaler Idealist, der die Talkshows an einem abstrakten Ideal des pluralistischen Diskurses misst. Der Einfluss seines Mentors, des Meisterdenkers Daniel-Pascal Zorn, macht sich hier leider deutlich bemerkbar. Weil Weber nicht einsieht, dass öffentliche Debatten wesentlich von materiellen Interessen bestimmt werden, bleibt ihm nur übrig, das Versagen der Talkshows auf Dummheit und Unwilligkeit zurückzuführen. Dabei ist es gar nicht so schwer zu verstehen, warum als kritische und faire Hüter des freien Diskurses nicht Journalisten fungieren können, die auf dem Presseball mit den Mächtigen tanzen und sich von Großkonzernen für Reklame bezahlen lassen.

Oliver Weber: Talkshows hassen. Ein letztes Krisengespräch. Tropen-Verlag, Stuttgart 2019, 155 Seiten, 12 Euro

Mehr aus: Feuilleton