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Aus: Ausgabe vom 10.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Film

Hand in Hand

»Das Hamburgische Kolonialinstitut«: Daniel Kulle erkundet in einem Essayfilm die Frühgeschichte der Hamburger Universität
Von Fabian Lehmann
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Koloniale Käferkunde

»Das Hamburgische Kolonialinstitut« ist ein Film, der »wahnsinnig günstig« produziert ist, wie Filmemacher Daniel Kulle nicht ohne Stolz erklärt. Der Film ist von der Universität Hamburg gefördert worden, anlässlich deren 100jährigen Bestehens. »Die hatten wahrscheinlich mit einem kurzen Youtube-Film gerechnet«, so Kulle. Entstanden ist statt dessen eine ästhetisch und erzählerisch anspruchsvolle Annäherung an die Vorgeschichte der Hochschule – kein Dokumentarfilm, der vorgibt, die »eine Geschichte« wiederzugeben, sondern ein gut recherchierter Essayfilm, der sich gewisse poetische Freiheiten erlaubt.

Er ist eine Abrechnung mit der Verflechtung von Hochschule und Hafen, von Wissenschaft und Wirtschaft und der gemeinsamen Sache von Forschungs- und Handelsreisenden. Denn die 1919 gegründete Hamburger Uni geht auf ein elf Jahre zuvor eingerichtetes Kolonialinstitut zurück, zu dem damals das Völkerkundemuseum, der Hagenbeck’sche Tierpark und die Sternwarte gehörten. Anfangs noch hielten die Hamburger Kaufmänner eine wissenschaftliche Einrichtung, die sich mit den Kolonien befasst, für unnötigen Luxus, wie Kim Sebastian Todzi von der Forschungsstelle »Hamburgs (post)koloniales Erbe« im Film erzählt. Bald jedoch gingen die akademischen und ökonomischen Interessen Hand in Hand. Während angehende Verwaltungsbeamte für den Kolonialdienst in tropischer Landwirtschaft oder »Tropenhygiene« unterrichtet wurden, füllten sich die Depots der botanischen, zoologischen und ethnologischen Sammlungen mit Objekten aus aller Welt.

Das wird mit Hilfe historischer Fotografien spannend erzählt. Es ist löblich, dass der Filmemacher dabei seine eigene Position als Betrachter reflektiert, indem er in Zwiesprache mit einer weiblichen Stimme aus dem Off hält, wirkt jedoch manchmal gestelzt. An wenigen Stellen wagt er sich etwas weit, etwa wenn Expeditionen in unbekannte Regionen Afrikas zum »erotischen Akt« des weißen Mannes erklärt werden. Zu den stärksten Momenten des Films gehört dagegen ein Auftritt des Leiters des Medizinhistorischen Museums, Philipp Osten, mit dem der Bogen in die Gegenwart geschlagen wird. Denn bis vor kurzem war ein menschlicher Schädel Teil der medizinhistorischen Sammlung, an dem ein Zettel mit der Inventarbezeichnung »Herero, Süd-West-Afrika« hing. Er ist mittlerweile zurück nach Namibia überführt worden – ein Vorgang, der Osten sichtlich berührt.

Nächste Vorstellung: 10. Dezember, 19.00 Uhr im Syntagma-Café des AStAs der Universität Hamburg, Von-Melle-Park 5

https://kurzlink.de/Kolonialinstitut

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