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Aus: Ausgabe vom 10.12.2019, Seite 12 / Thema
Medizingeschichte

Bayers Menschenversuche

In den 1950er und 1960er Jahren haben Arzneimittelproduzenten Psychopharmaka an Heimkindern testen lassen. Eine Entschädigung lehnen die Pharmakonzerne ab
Von Jan Pehrke
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Von Neuroleptika bis zu Schlafmitteln. Der Bayer-Konzern und andere Pharmahersteller verabreichten in den 1950er Jahren ihre Produkte Heimkindern gegen alle Standards (Konzernzentrale in Leverkusen, 1955)

»Da hat dich einer festgehalten, wenn er kräftig genug war, wurde die Nase zugehalten, Mund auf, und weg ist das Zeug«, erinnert sich der heute 52jährige Franz Wagle an die Arzneigaben in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landeskrankenhauses Schleswig-Hesterberg. Ab den 1950er Jahren bis Ende der 1960er Jahre erprobten Bayer und andere Pharmakonzerne dort ihre neuen Medikamente – bevorzugt Neuroleptika – und bestückten die Einrichtungen nach der erfolgten Zulassung postwendend mit großen »Anstaltspackungen«. Pharmazeutika wie »Megaphen« (Wirkstoff: Chlorpromazin) oder »Aolept« (Periciazin) kamen dort unter anderem zum Einsatz, aber auch Antidepressiva wie »Agedal« (Noxiptilin) und Schlafmittel wie »Luminal« (Phenobarbital). Rund 1.000 Kinder waren davon betroffen. Darüber hinaus erhielten noch einmal ca. 2.500 Probanden aus der benachbarten Erwachsenenpsychiatrie Schleswig-Stadtfeld die Mittel.

Die Arzneikonzerne ließen ihre Medikamente darüber hinaus auch noch in anderen Häusern testen. Bayer hatte damit schon früher begonnen. Bereits in der Weimarer Republik ließ der Leverkusener Multi seine Pharmazeutika an Kindern erproben. Aber erst die Faschisten boten die Möglichkeit umfassenden »Zugriffs« auf Versuchspersonen in den Konzentrationslagern. In Auschwitz hatte Bayer unter anderem den Arzt Josef Mengele für seine Dienste eingespannt.

Benaschelt und betäubt

Nach dem Krieg ging es bruchlos weiter mit den Pillenprüfungen. Dafür genutzt wurden unter anderen die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg, die Rheinische Landesklinik Bonn, die Landeskinderheilstätte Mammolshöhe, die Universitätsklinik Erlangen-Nürnberg, die Psychiatrische Universitätsklinik Tübingen, die Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, die Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf sowie in Berlin die Nervenklinik »Waldhaus«, die Psychiatrische und die Neurologische Klinik der Freien Universität. Für das seit 2006 zu Bayer gehörende Unternehmen Schering führten damals die Behinderteneinrichtung der Diakonie Kork und die Göttinger Universitätsklinik Tests durch.

Neben den Arzneien, die die Mediziner den Schleswiger Probanden wider Willen verabreichten, wurden an diesen auch das Neuroleptikum »Ciatyl«, Polio-Impfstoffe, Tuberkulose-Präparate sowie das den Geschlechtstrieb dämmende Mittel »Androcur« .

Vor allem die Neuroleptika hatten es dabei in sich. »Du weißt ja gar nicht, was es ist. Du weißt nur, dass du irgendwann dann nicht mehr Herr deiner Sinne bist«, erzählt Wagle in einem NDR-Interview: »Du warst immer benaschelt und betäubt.« Sein Leidensgenosse Günter Wulf beschreibt ähnliche Erfahrungen nach der Verabreichung der Substanzen: »Ich konnte nur noch lallen.« Nach Erprobungen von »Megaphen« in einer Kombination mit anderen Medikamenten waren zu dieser Zeit in der Forschungsliteratur sogar schon Todesfälle aktenkundig. Viola Balz berichtet darüber in ihrem Buch »Zwischen Wirkung und Erfahrung – eine Geschichte der Psychopharmaka«. Aber auch allein verabreicht hatte es das Neuroleptikum in sich. Unter anderem zählen Kreislaufzusammenbrüche, epileptische und Ohnmachtsanfälle, Atemnot, Gelbsucht, Hirnstromveränderungen sowie Muskelverkrampfungen und parkinsonähnliche Gesundheitsstörungen zu den Risiken und Nebenwirkungen.

Die Schweizer Psychiater Cécile und Klaus Ernst von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, die im Jahr 1954 einen Selbstversuch mit »Megaphen« unternahmen, heben vor allem die völlige Apathie hervor, in die sie das Medikament versetzte. Die Pharmazeutin Sylvia Wagner, die das Thema »Medikamentenversuche an Heimkindern« in die Öffentlichkeit gebracht hatte, zitiert in ihrer diesbezüglichen Dissertation einen Aufsatz von Klaus Ernst über die Erfahrung des Ehepaars. »Ich war in einer verdrossenen, unbeweglich-trockenen Stimmung, die Erlebnisfähigkeit war auf die banalsten Geschehnisse, die Interessensphäre auf einen winzigen Kreis kleiner Bequemlichkeiten zusammengeschrumpft«, schreibt der Mediziner. Seine Frau bemerkt an sich eine »Verletzung der Integrität des Körpers« und eine völlige Unlust, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten und soziale Beziehungen zu unterhalten. Später schlug die Wirkung des Präparats dann teilweise ins Gegenteil um: Es machte rastlos und löste einen kaum zu stillenden Bewegungsdrang aus.

Von all dem ist in dem 1958 erschienenen Aufsatz des Arztes Rolf Jacobs über seine Versuche mit Heimkindern im Schleswiger Landeskrankenhaus nichts zu lesen. »Schlimmstenfalls ganz flüchtige Nebenwirkungen« konnte der Herr Medizinalrat nach der Gabe von Bayers »Megaphen«, dem Promonta-Produkt »Pacatal« und dem Ciba-Pharmazeutikum »Serpasil« beobachten. Zu solchen Effekten zählte er vermehrten Speichelfluss, Zittern, Bewegungsstörungen, verlangsamten Herzschlag, Gefäßerweiterungen, Schweißausbrüche und Schwindel. »Bei uns haben sich jedenfalls Megaphen- bzw. Pacatal-Kuren bestens bewährt«, resümiert Jacobs und schließt: »Aufrichtig möchte ich den Bayer-Werken und den Ciba-Werken für die großzügige Überlassung von Versuchsmengen danken.«

Der Psychiater setzte die Mittel »zur Pharmakotherapie von Erregungszuständen und Verhaltensstörungen (…) bei oligophrenen, anstaltsgebundenen Kindern und Jugendlichen« ein. Den Begriff »Oligophrenie« definierte Jacobs als ein »Minus an Seele«. Für ihn bedeutete das Wort jedoch etwas anderes. »Wir gebrauchen es eigentlich mehr für Menschen, die ein Zuwenig im Bereich ihrer Intelligenz aufzeigen. Allerdings sind erfahrungsgemäß auch immer die übrigen psychischen Gebiete mitbetroffen«, so der Mediziner. Im Verlauf des Textes wird er dann deutlicher und bezeichnet seine Versuchskaninchen als »Schwachsinnige«. Jacobs präsentiert mit Verweis auf Kurt Schneider eine völlig abstruse Typologie, die von »faulen Genießern«, »sturen Eigensinnigen«, »kopflos Widerstrebenden« und »verstockten Duckmäusern« über »heimtückische Schlaue«, »selbstsichere Besserwisser« und »chronisch Beleidigte« bis hin zu »treuherzig Aufdringlichen«, »prahlerischen Großsprechern« und »aggressiven Losschimpfern« reicht.

»Endlich Ruhe«

Im Umgang mit den »faulen Genießern« und ihren Spießgesellen haben »Megaphen« und die anderen Medikamente »nicht nur ihm, sondern auch dem pflegenden Personal die Arbeit wesentlich erleichtert«, vermerkt Jacobs. Ein verräterischer Satz. Er offenbart, wem die Behandlung mit den Präparaten geholfen hat. »Nicht der einzelne Mensch war Adressat der Arzneimittelwirkung, sondern das soziale System der Einrichtung«, schreibt Sylvia Wagner und nennt diese Praxis »soziale Medikation«. Jacobs selbst spricht von »einer möglichst reibungslosen Eingliederung« schwieriger jüngerer Patienten in die Anstaltsgemeinschaft. An der versuchten sich auch die Psychiater des Essener Franz-Sales-Hauses mit Hilfe der Neuroleptika. Mit Erfolg – wie ein Merck-Vertreter nach einem Besuch der Einrichtung verzeichnet. »Mit Megaphen und/oder Reserpin (…) erzielt man in den meisten Fällen gute Ruhigstellung«, gibt er in seinem Bericht die Einschätzung des leitenden Arztes wieder. Das vom Darmstädter Pillenriesen produzierte »Decentan« bekam ebenfalls ein gutes Zeugnis: »Die Schwestern fordern laufend die 4-mg-Dragees nach, da sie somit endlich Ruhe auf den Stationen haben, und die Kinder auch tadellos schulfähig gehalten werden.«

Wagner zufolge testete Jacobs das »Megaphen« aber auch noch für andere Zwecke. Sie schreibt: »Über einen Megaphen-Versuch, gedacht als Beitrag zum Thema ›Behandlung des nervösen Schulkindes in unseren Tagen‹ verfasste er einen Fachaufsatz. ›[V]erzweifelte Notrufe aus den Reihen der Lehrerschaft‹ hatten ihn und seinen Koautoren Herbert Kiesow angeblich dazu bewogen, ›schwachsinnige (überwiegend debile) den Disharmonitätstypen zugehörige anstaltsgebundene Sonderschulkinder beiderlei Geschlechts‹ mit dem Bayer-Präparat zu traktieren. Der Effekt ließ dann nicht lange auf sich warten. Die Versuchskaninchen wurden ›pädagogisch wesentlich lenkbarer‹. Zudem herrschte bald eine ›wohltuende Ruhe auf den Abteilungen‹. Die Wirkung hielt jedoch nicht lange genug an. Deshalb probierten die beiden Psychiater Megaphen zusätzlich noch in Kombination mit Schlafmitteln und anderen Medikamenten aus. Hier sahen sie aber noch weiteren Forschungsbedarf. Dies sei ›eine dankenswerte Aufgabe für die Arzneimittelindustrie und die entsprechenden Fachkrankenhäuser‹, meinten Jacobs und Kiesow. Bis dahin empfahlen die Mediziner der Lehrerschaft Megaphen als ein ›ihr erziehliches (sic!) Bemühen wirksam unterstützendes Medikament‹.« Ihr Resümee lautete: »Megaphen wirkt bei allen Kindern sofort in gleicher Weise sedativ. Durch die weitgehende Beruhigung wird die Schularbeit wesentlich erleichtert.«

Auch über Bayers »Aolept« verbreitete sich Rolf Jacobs in Fachzeitschriften. Er testete es bei solchen von ihm als schwachsinnig bezeichneten Kindern und Jugendlichen, die »akute bzw. bedenklich anhaltende, mit dem Gemeinschaftsleben nicht zu vereinbarende, soziale Anpassungsschwierigkeiten« hatten wie etwa »auflehnende Disziplinlosigkeit, Aggressivität und völlige Hemmungslosigkeit«. Und siehe da: Bei 103 von 141 Probanden schlug das Mittel laut Jacobs an – ein »gutes, ein wirklich ermutigendes Resultat«. Muskelkrämpfe, Kreislaufkollapse und andere Nebenwirkungen galt es dabei zu vernachlässigen. Und einen lebensgefährlichen Epilepsieanfall mochte er »nicht dem Präparat zur Last« legen.

Veröffentlichungen wie die genannten besaßen für die Firmen eine enorme Bedeutung. Da es eine gesetzlich geregelte Arzneimittelgenehmigung noch nicht gab, kamen die positiven Urteile der Mediziner quasi einer Lizenz zur Vermarktung gleich. Ein geregeltes Verfahren zur Prüfung von Medikamenten mit wissenschaftlich belastbaren Effektivitätsnachweisen und einer Analyse der Risiken und Nebenwirkungen machte die Bundesrepublik erst im Jahr 1978 zur Pflicht, obwohl Fachleute bereits 1962 »die Flut zum Teil ganz unzureichender Beobachtungspublikationen« kritisiert hatten. Zu allem Übel legten die Pillenriesen bei diesen manchmal auch noch selbst mit Hand an. So gaben einige Ärzte an, ihre Texte gemeinsam mit »dem Ressort Medizin der Bayer AG Wuppertal« verfasst zu haben. Auch Merck schrieb kräftig mit.

Unmittelbar nach dem Erscheinen der Berichte warf der Leverkusener Multi die Propagandamaschine an. Den »Megaphen«-Artikel des Psychiaters Hans-Hermann Meyer von 1953 über Erprobungen an Erwachsenen der Heidelberger Universitätsklinik kopierte der Konzern 3.000mal und verschickte ihn dann an Ärzte. Drei Jahre später erhielten diese wieder Post in Sachen »Megaphen«: »Ein idealer, stummer Assistent in der Kinderpraxis kann Ihnen unser Megaphen sein. Gerade nervöse, reizbare und streitsüchtige Kinder können schon durch Gaben von nur 0,5 mg/kg Körpergewicht so weitgehend beruhigt werden, dass die ärztliche Betreuung für beide Teile kein Problem mehr ist.«.

Auch nach Jacobs’ »erfolgreicher« »Aolept«-Erprobung reagierte der Konzern postwendend und kreierte eine Annonce. »Aolept erleichtert das Zusammenleben« war die Anzeige überschrieben. Die Abbildung zeigte dann einen Jungen, der nicht mehr die erste Geige spielen will, sondern sich statt dessen vorbildhaft in ein musikalisches Quartett einfügt – dank »Aolept«. Das Medikament unterdrücke nämlich »destruktive und asoziale Tendenzen« und fördere bei jungen Erwachsenen, die wahlweise »querulantorisch, reizbar, jähzornig, aggressiv, erregt, impulsiv, gesperrt, kontaktgestört, unproduktiv, hypochondrisch, klagsam, ängstlich« sind, die »Anpassungsfähigkeit an Familie und Gemeinschaft«. Sogar kleine Filme über die verschiedenen Anwendungsbereiche der Medikamente produzierte das Unternehmen.

»Von der Erprobung zum Markt und zurück« – so beschreibt Viola Balz die Geschäftspolitik bei der Vermarktung der Neuroleptika. Nicht selten entpuppten sich die Klinikärzte dabei selbst als Pharmazeuten: Kombinationspräparate z. B. hätte es ohne »sachdienliche Hinweise« wie die von Jacobs und Kiesow kaum gegeben. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Leverkusener Multi hatte Balz zufolge schon vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Über einen ganzen Stamm von Medikamententestern konnte er auf diese Weise stets verfügen.

Offenbar floss dabei auch Geld. »Wie aus den Unterlagen im Archiv der Firma Merck hervorgeht, scheint eine Vergütung der Ärzte für Prüfungen damals üblich gewesen zu sein«, konstatiert Sylvia Wagner. Sie stieß auf ein Dokument, das eine Honorierung für »Encephabol«-Tests ausweist. Ursprünglich beabsichtigte das Darmstädter Unternehmen, die beiden Autoren jeweils mit 1.000 DM zu bedenken, der federführende Verfasser schlug dann allerdings noch 500 DM mehr heraus.

Der Düsseldorfer Medizinhistoriker Heiner Fangerau zitiert den Fall des Leiters der Nervenklinik Landeck, der beim Land Rheinland-Pfalz als Träger der Einrichtung Rechenschaft über die von den Medikamentenherstellern finanzierten Untersuchungen ablegen musste. Ergebnis der Anhörung: Das Land Rheinland-Pfalz wollte das Haus »nicht zu einer Versuchsanstalt für die pharmazeutische Industrie« verkommen sehen und stoppte die Praxis. Am Landeskrankenhaus Wunstorf in Niedersachsen erhielten die Tester dem NDR zufolge ebenfalls Zuwendungen von der Pharmaindustrie. Definitive Aussagen darüber, ob Bayer, Merck und Co. immer mit Schecks für die Erprobungen winkten, mochten Fangerau und Wagner allerdings nicht machen, dafür sei die Quellenlage zu dürftig.

Manchmal traten die Psychiater sogar selbst an die Pillenunternehmen heran. Um die Entlastung ihres Medikamentenetats ging es dabei nicht in erster Linie. Vielmehr hofften sie, durch die neuen Pharmazeutika Fortschritte in ihrem Fach ausweisen zu können. »Megaphin« war nämlich das erste Neuroleptikum überhaupt, und einige Forscher sahen durch den Stoff eine »Revolution in der Psychiatrie« eingeläutet. Nicht wenige hofften sogar, in der Substanz eine Alternative zu den körperlichen Behandlungsformen wie Gehirnoperationen und Elektroschocks gefunden zu haben.

Gegen alle Standards

Über die Bewertung der Arzneierprobungen herrscht heute weitgehend Einigkeit. »Das ist ethisch problematische Forschung. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Das ist ethisch unzulässige Forschung«, sagt die Kieler Medizinethikerin Alena Buyx. Selbst damaligen Standards habe das Vorgehen der Ärzte nicht entsprochen, konstatiert die Wissenschaftlerin. Sowohl der Nürnberger Kodex von 1947 als auch die Deklaration von Helsinki aus dem Jahre 1964 hielten die Mediziner nämlich dazu an, Medikamententests nur durchzuführen, wenn die Probanden bzw. deren Erziehungsberechtigten einwilligten. Und Erklärungen dieser Art lagen weder im Landeskrankenhaus Schleswig noch in den anderen Einrichtungen vor.

Regelungen zu Pillenprüfungen gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Nach Versuchen zur Bekämpfung der Syphilis, zu denen der Breslauer Dermatologe Albert Neisser 1892 zum Teil auch Kinder herangezogen hatte, erfolgte in Preußen eine »Anweisung an die Vorsteher der Kliniken, Polikliniken und sonstigen Krankenanstalten«, ohne Einwilligung der Betroffenen oder deren Eltern keine »medizinische Eingriffe zu anderen als diagnostischen, Heil- und Immunisierungszwecken« vorzunehmen.

In der Weimarer Republik machten Erprobungen und vorschnelle Pharmazeutikaeinführungen jedoch weiter Schlagzeilen. So testete der Mediziner Hermann Vollmer vom Berliner »Kaiserin Auguste Viktoria«-Haus das von Bayer und Merck gemeinsam entwickelte Vitamin-D-Präparat »Vigantol« »an einem Material von etwa 100 Ratten und 20 Kindern«, wobei er Mensch und Tier unter »ungünstigen Diät- und Lichtbedingungen« hielt, um eine anderweitige Zufuhr des Vitamins auszuschließen. Nach dem Lübecker Impfunglück von 1930, bei dem 77 Kinder durch ein verunreinigtes Serum starben, entschloss sich die Politik dann endgültig zu neuen Maßnahmen. Das Reichsministerium des Inneren erließ »Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen«. »Das Prinzip der informierten Einwilligung wurde ebenso festgeschrieben wie methodische Mindeststandards«, hält Dr. Niklas Lenhard-Schramm in seiner für den nordrhein-westfälischen Landtag erstellten Studie zu den Medikamententests fest.

Dabei handelte es sich aber jeweils nur um Anweisungen und Gebote ohne bindende Rechtskraft. Wie es um ihre Geltung bestellt war, zeigte sich exemplarisch 1947 bei dem Verfahren gegen den Mediziner Werner Catel, das vor einem ärztlichen Ehrengericht stattfand. Der Kinderarzt musste sich vor dem Gremium verantworten, weil bei seinen Tests mit Bayers Tuberkulosearznei »TB 698« in der Heilanstalt Mammolshöhe vier Kinder gestorben waren. Der Mann einer Kollegin Catels hatte die Ärztekammer unter Verweis auf den gerade beendeten Nürnberger Ärzteprozess und den mit dem Urteil verkündeten »Nürnberger Kodex« angerufen. »Die Öffentlichkeit wurde durch den Nürnberger Ärzteprozess darüber aufgeklärt, dass gefahrbringende Versuche am Menschen, soweit sich diese nicht ganz umgehen lassen, nur mit ausdrücklicher Einwilligung der auf die eventuellen Gefahren aufmerksam gemachten Patienten (bei Kindern deren Eltern bzw. der Vormund) durchgeführt werden dürfen«, hieß es in dem Begleitschreiben. Aber Catel, im »Dritten Reich« einer der Hauptakteure der Kinder-»Euthanasie«, entging trotzdem einer Strafe. Ein befreundeter Professor, der bereits beim Nürnberger Ärzteprozess alles in seiner Macht stehende zur Rettung der braunen Weißkittel unternommen hatte, stellte ihm einen Persilschein in Form eines Entlastungsgutachtens aus.

Bis eine wirklich bindende Rechtsvorschrift solche Versuche nicht mehr erlaubte, sollte noch viel Zeit vergehen. Erst 1976 verabschiedete der Deutsche Bundestag ein entsprechendes Gesetz, das auch Vorschriften zu klinischen Prüfungen von Arzneien enthielt. Das exkulpiert Rolf Jacobs vom Landeskrankenhaus Schleswig und die anderen Mediziner jedoch keinesfalls: Sie haben eindeutig gegen ihre Standespflichten verstoßen. Und nicht nur das. So heißt es im Abschlussbericht des »Runden Tisches Heimerziehung«: »Wenn es im Rahmen der Heimerziehung zu generellen und kollektiven Behandlungen bzw. Sedierungen gekommen ist, die weniger den Kindern und Jugendlichen als der Disziplin im Heimalltag oder gar der Erforschung von Medikamenten zuträglich waren, ist dies als Missbrauch zu beurteilen und erfüllt ggf. den Tatbestand der (schweren) Körperverletzung – auch nach damaligen Maßstäben.«

Für das Land Schleswig-Holstein als Träger der Einrichtung in Schleswig hat sich Sozialminister Heiner Garg (FDP) bereits bei den unfreiwilligen Probanden entschuldigt. Medizinethiker Fangerau fordert eine entsprechende Geste auch von den Pillenriesen und den Mediziner ein. »Die beteiligten Pharmafirmen und Ärzte sind moralisch verpflichtet, sich zu entschuldigen und sogar eine Entschädigungsleistung zu übernehmen«, so der Wissenschaftler.

Und genau das verlangten die ehemaligen Heimkinder Franz Wagle, Eckhard Kowalke und Günter Wulf im April 2019 auf der letzten Bayer-Hauptversammlung. Darüber hinaus ergriffen zu der Causa noch der Medizinhistoriker Klaus Schepker, der seit längerer Zeit zu dem Thema forscht, und Sylvia Gabelmann das Wort. Damit nicht genug, setzte der Geschäftsführer der Coordination gegen Bayer-Gefahren Marius Stelzmann die Testreihen ebenfalls auf die Tagesordnung. Aber Bayer-Chef Werner Baumann wollte von all dem nichts wissen. »Wie bereits erwähnt, haben wir im Rahmen unserer internen Recherchen keine Dokumente gefunden, die auf eine Durchführung von Studien in Kinderheimen hinweisen.

Keine Entschädigung

Zu Entschädigungszahlungen erklärte sich der Leverkusener Multi bisher so wenig wie irgendein anderes Unternehmen aus der Branche bereit. Weder dem »Fonds Heimerziehung« noch der »Stiftung Anerkennung und Hilfe« flossen Mittel aus der Industrie zu. Dabei hatte es zunächst ganz gut ausgesehen. Ende 2017 nämlich signalisierte der damalige stellvertretende Hauptgeschäftsführer des »Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller« (BAH), Hermann Kortland, Handlungsbereitschaft. »Da gehe ich mal ins Wort: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Unternehmen in so klaren Fällen, wo es auch nachgewiesen ist und wo sie es auch zugeben, einer Entschädigung nicht zustimmen«, versicherte er. Aber daraus wurde nichts. Kortland hatte sich offensichtlich zu weit vorgewagt. Er hat seinen Posten zwar immer noch inne, musste aber inzwischen nicht nur die Ressorts »Politik« und »Öffentlichkeitsarbeit« aufgeben, sondern auch die Leitung des Hauptstadtbüros des BAH.

Entsprechend erbost über die ausbleibenden Reaktionen von seiten der Pillenproduzenten zeigt sich Heiner Garg. Konkret wirft er Bayer eine »unverschämte Abwehrhaltung« vor. Auch in einer Radiosendung machte er seiner Wut Luft: »Was ich inzwischen unglaublich finde, und was mich auch, obwohl ich ein sehr ruhiger Mensch bin, zur Weißglut treibt, ist die Haltung der pharmazeutischen Industrie.« Der Forderung der ehemaligen Heiminsassen »Die Politik muss uns und die Vertreter der Firmen an einen Tisch bringen«, versucht der Sozialminister so gut es geht nachzukommen. Bisher jedoch zeigen seine Bemühungen noch keine Ergebnisse.

Jan Pehrke ist Mitglied der Coordination gegen Bayer-Gefahren e. V. an. Eine ausführliche Fassung des Artikels erscheint in der zweiten Januarhälfte in Stichwort BAYER (www.­stichwort-bayer.de).

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