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Aus: Ausgabe vom 07.12.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Gofio de Almendras

Von Hervé Cherbourg

Ich darf mich vorstellen: Mein Name ist Hervé Cherbourg. Als Gelegenheitsbutler der Autorin dieser Kolumne habe ich die Ehre, die heutige Folge zu gestalten.

Vor einigen Jahren beschäftigte mich Frau Wunder als Reisebegleiter auf der kanarischen Insel La Palma. Höhepunkt der Reise war ein Besuch des »Observatorio del Roque de los Muchachos«, einer Supersternwarte auf dem höchsten Berg La Palmas.

Ich fuhr uns in einem Mietwagen über gewundene Straßen bis zu einem in 2.400 Meter Höhe gelegenen Parkplatz. Von dort aus erklommen wir zu Fuß den Teil der gewaltigen Caldera-Wand eines eingestürzten Vulkankessels, auf dem sich die silbernen Teleskope der Sternwarte träumerisch verteilten. Unter uns fluteten wasserfallartig weiße Wolkenmassen über die etwas niedrigeren Berge in den Vulkankessel hinein und begruben alles unter dickem Nebel, aus dem in der Ferne und doch zum Greifen nah der Gipfel des »Teide« auf Teneriffa herausragte. Ein futuristischer Anblick.

Kleine Eis- und Schneestücke glitzerten in den wenigen kargen Sträuchern, die einen circa drei Meter breiten Weg zur Aussichtsplattform säumten. Ich lugte über die Büsche und sah: nichts. Unendliche Tiefe. Wolkenmeer. Kein Zaun, kein Geländer würde mich Fallenden aufhalten, ich würde minutenlang in den Abgrund stürzen, durch feuchte, kalte Luft würde mein Leib rasen und unzählige Male auf scharfkantige Felsen prallen und – pardon – als ein Bündel Hackfleisch mit Knochensplittern, an dem noch ein paar »Outdoor«-Bekleidungsfetzen hängen, irgendwo landen und verwesen. Das Blut wich aus meinem Kopf, mein Blick erstarrte, völlige Lähmung ergriff meine Glieder, ich begann zu hyperventilieren – ein akrophobischer Anfall.

»Hervé, was ist Ihnen?« hörte ich Frau Wunder wie von Ferne. Plötzlich war sie verschwunden. Ein sportlicher Herr kam auf mich zu, umfing mich vorsichtig und schob mich langsam, Schritt für Schritt, zurück zum Parkplatz. Ein professioneller Guide, wie ich später erfuhr. Frau Wunder lief voraus und öffnete den Wagen. Vorsichtig setzten sie mich hinein. »Nein, Hervé, so können wir nicht losfahren, Sie müssen etwas essen!« Frau Wunder schleppte mich in die Kantine der Sternwarte. Dort gab es »Gofio de Almendras«, eine Süßspeise nach einem Rezept der Guanchen, der Ureinwohner der Kanaren und zeitweise Sieger über die spanischen Eroberer im 15. Jahrhundert:

Für eine Großfamilie benötigt man einen Liter Zuckerrohrsirup, 500 g Zucker, 250 g gehackte Mandeln, 100 g Rosinen, die abgeriebene Schale einer ungespritzten Zitrone, gemahlenen Anis und Zimt, schließlich und endlich Gofio (das ist Mehl aus gekeimtem, dann geröstetem Getreide, früher Gerste, heute Mais) nach Belieben. Sirup, Zucker, Zimt, Zitronenschale und Anis auf kleiner Flamme unter Rühren zum Kochen bringen. Vom Feuer nehmen, weiterrühren. Erkaltet die Masse, Mandeln, Rosinen und soviel Gofio unterrühren, bis ein dicker Teig entsteht. In Förmchen füllen und weiter erkalten lassen. Daraus lösen und servieren.

Nach Verzehr der Guanchen-Nahrung erholte ich mich rasant und ergänzte mein Butler-Kochbuch mit dieser schmackhaften Alternative zum hefelastigen »Christstollen«.

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