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Aus: Ausgabe vom 07.12.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein bisschen abgestumpft

Von Arnold Schölzel
Der Schwarze Kanal: »Ein bisschen abgestumpft«
Der Schwarze Kanal: »Ein bisschen abgestumpft«
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Am Montag veröffentlichte Die Zeit eine Sonderausgabe mit dem Titel »Der große Jahresrückblick«. Darin diskutieren der Auslandschef der Wochenzeitung, Jörg Lau, und USA-Korrespondentin Kerstin Kohlenberg die Frage: »Wie war dein Jahr mit Trump?«

Der Einstieg verspricht viel, denn es soll um »Weltpolitik« gehen, die nach Lau gerade »explodiert«. Trump sei »einer der Auslöser dieser Explosion«, die Ereignisse überstürzten sich so, »dass man sowohl als Leser als auch als Autor ein bisschen abstumpft«. Bei Trump gebe es »eine Art Ermüdung«: »Weil der halt immer Dinge tut, die unglaublich sind«.

So weit, so gut oder vielmehr schlecht. Lau beschreibt seine Tätigkeit »als eine Art Filter, der bestimmte Themen von euch Korrespondenten auch mal aussortiert«. So sei das Anfang 2019 mit der US-Haushaltsblockade gewesen, zu der Frau Kohlenberg sagt: »In Amerika war das ein Riesenthema«. Die staatlich geförderten Krankenhäuser für Veteranen mussten geschlossen werden, Fleisch wurde nicht mehr auf Salmonellen geprüft. Dagegen hätte der Ressortchef gern das Thema »Frauen und Trump« im Blatt gehabt, was die Korrespondentin nicht gut fand. Die Begeisterung über die im November 2018 in den Kongress gewählten jungen Frauen der Demokraten führe »auf eine falsche Fährte«. Es sei schon für Hillary Clinton eine »Sackgasse« gewesen, »darauf zu setzen, dass sie als Frau jetzt eigentlich dran wäre.«

So bringt die Zeit die Themen, die Zeit-Journalisten beschäftigen, z. B. im Februar 2019 die Ermittlungen des früheren FBI-Chefs Robert Mueller gegen Trump wegen dessen »Russland-Connection«. Die USA-Korrespondentin hatte die Idee, »den jahrzehntelangen Versuch zu rekonstruieren, einen Trump-Tower in Russland zu errichten«. Journalistischer Höhepunkt war ein Gespräch, das sie mit Felix Sater, einem in Russland geborenen Geschäftspartner Trumps, in einem »ziemlich teuren Restaurant« führte. Es schlug mit »etwas über 500 Dollar« in die Spesenkasse der Zeit ein. Am 28. Februar erschien dann ein Artikel in der Wochenzeitung von drei Autorinnen, darunter Kerstin Kohlenberg, mit einem Zitat des 1998 wegen Betrugs in Millionenhöhe verurteilten Sater, der damals FBI-Konfident fürs organisierte Verbrechen, als Titel: »Wer mich fickt, den ficke ich«. Irgend etwas Neues außer solchem Mafiosogebrüll enthielt der Text nicht. US-Bürger Sater läuft frei herum und verweigert bei Anhörungen die Aussage. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) bezeichnete ihn im Mai als »Betrüger, den die Behörden schützen«.

Die Zeit aber steckt nicht nur 500 Dollar für nichts in so etwas, sie gelangt auch aus dem Sumpf rasch zu den Sternen. Lau hat nämlich die Anhörungen zum Amtsenthebungsverfahren Trumps »wie einen Serienmarathon geguckt« und gerät im Gespräch mit Kohlenfeld ins Schwärmen. Der US-Präsident sei zwar »eine Art Ersatzkönig«, stehe aber nicht über dem Gesetz und werde von den »Institutionen der parlamentarischen Demokratie in die Schranken« gewiesen, »eine einmalige Sache, die höchste Anerkennung verdient«. Frau Kohlenberg meint, aus der Ferne habe das »sicherlich etwas Erhabenes«, aus der Nähe sehe es »jedoch eher verzweifelt« aus. Lau will aber von der Schönheit seines Staatsbürgerkundemärchens nicht lassen: Das sei »erstaunlich ehrlich und authentisch und verletzlich«, da gebe es »Institutionen, die sich wehren« und »mutige Zeugen«: »das ist in der heutigen Welt voller selbstbewusster Autokratien etwas zunehmend Kostbares und Seltenes«. Bei Lau ist noch Glut unterm Stumpf.

In der Plauderei der Zeit-Ästheten kommt nicht vor, dass Trump nebenbei das System der Abrüstungsverträge zertrümmert und Hunderte Milliarden Dollar für Hochrüstung gegen Russland und China lockermacht. Deswegen bleibt er Präsident. Den Rest besorgt das FBI.

In der Plauderei der Zeit-Ästheten kommt nicht vor, dass Trump nebenbei das System der Abrüstungsverträge zertrümmert und Hunderte Milliarden Dollar für Hochrüstung gegen Russland und China lockermacht. Deswegen bleibt er Präsident. Den Rest besorgt das FBI.

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