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Aus: Ausgabe vom 07.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Leid und Mitleid

»Glaube und Heimat« am Berliner Ensemble
Von Jakob Hayner
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Eine Szene aus »Glaube und Heimat« am Berliner Ensemble

Der 1943 verstorbene österreichische Schriftsteller Karl Schönherr hinterließ ein eher überschaubares dramatisches Werk. Neben »Der Weibsteufel« ist »Glaube und Heimat« zu nennen. Das Stück über die Vertreibung der Zillertaler Protestanten durch die katholische Mehrheit im Jahre 1837 hat Michael Thalheimer als düsteres Melodram am Berliner Ensemble inszeniert. Der von Andreas Döhler gespielte Christoph Rott ist ein hart arbeitender Bauer mit Überzeugungen. Nur die an die süddeutsche Mundart angelehnte, stilisierte Sprache kommt ihm schwer über die Lippen, er nestelt nervös an seinem Gewand aus grobem Stoff. Seine Frau Rottin (Stefanie Reinsperger) ist ihm nicht unähnlich. Als Rott gehen muss und sie sich verabschieden, ist das von ergreifender Ungelenkheit. Umflattert werden die beiden von ihrem tagträumenden Sohn, dem Spatz (Laura Balzer). Das Leben der Familie ist zerrüttet, seit ein Reiter (Ingo Hülsmann) in das Dorf kam, um die Protestanten zu vertreiben.

Als die Nachbarin der Rotts (Kathrin Wehlisch) von dem Reiter erschlagen wird – sie weigert sich, die Lutherbibel herauszugeben –, bekennt sich Rott als Evangelischer. Seinen Glauben hatte er bis dahin ebenso wie sein Vater Alt-Rott (Josefin Platt) geheimgehalten, der Bruder (Jonathan Kempf) musste bereits flüchten. Rotts Bekenntnis ist eine Zurückweisung der Gewalt und Unterdrückung durch die Kaiserlichen. Er lehnt sich gegen das Unrecht auf – und sein Gewissen bestärkt ihn in seiner Haltung. Eine universale Geste. Dass er am Ende dadurch geradezu übermenschlich handelt, mag arg pathetisch oder wenig plausibel erscheinen. Falsch jedoch nicht. »Glaube und Heimat« zeigt drastisch die Verfolgung und Vertreibung, von der zudem einzelne profitieren. Wer auf der Flucht ist, dessen Weg wird durch Gewalt vorgegeben. Ein ums andere Mal dreht sich die Bühne von Nehle Balkhausen in Nebel und Sprühregen, ein dunkler, hochaufragender Block, mit glänzender Lichtregie in Szene gesetzt und durch dröhnende Musik verstärkt. Ein außergewöhnlicher und beeindruckender Abend über das Leiden und Mitleiden.

Nächste Aufführungen: 13. und 20. 12.

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