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Aus: Ausgabe vom 06.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
68er

Frühsommer der Anarchie

Ein opulenter Sammelband erinnert an den legendären Hamburger APO-Clown und Graffiti-Pionier Eiffe
Von Thomas Schaefer
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Wer war Eiffe?

Dringend ans Herz legte mir ein Schulfreund einst die Lektüre von Uwe Timms 1974 erschienenem Roman »Heißer Sommer«. Ich war 17, und in der Tat hatte das Buch auch auf mich eine überwältigende Wirkung: Die Geschichte des Studenten Ullrich führt vom Swinging Schwabing der frühen 60er Jahre ins studentenbewegte Hamburg des Mai 1968: freie Liebe, rote Fahnen, es war allerhand. Und dann gab es da noch diese geheimnisvolle Figur, einen gewissen Eiffe, der die Revolte in Hamburg mit Sprüchen begleitete, die er an öffentlichen Orten hinterließ: »Eiffe der Bär sagt: Bis hierher und noch weiter«, »Eiffes Prinzip der freien Marktwirtschaft: Wer anderen eine Grube gräbt, hat wohl gebaut«, »Eiffe behauptet, wer Milch trinkt, ist charakterstark«. Meine erste Begegnung mit der Herrlichkeit durch lustvolle Sinnverweigerung aufbrechender subversiver Räume. »Wer war Eiffe?« Diese Frage, die man sich im Hamburger Studentenmilieu in Timms Roman stellt, interessierte mich weniger als die, was für ein Teufelskerl dieser Uwe Timm wohl sein musste, der sich so eine irre Figur und so kühne Sprüche auszudenken vermochte.

Erst 1995 wurde ich durch einen Artikel von Peter Schütt in der Zeit nicht nur wieder an Eiffe erinnert, sondern erfuhr so, dass der keine Timm-Fiktion war, sondern dass es ihn tatsächlich im echten Leben gegeben hat. Anlässlich des Erscheinens eines Dokumentarfilms schilderte Schütt, der schon 1968 zusammen mit Uwe Wandrey ein kleines Buch über Eiffe herausgebracht hatte, dessen Leben.

Peter Ernst Eiffe wird 1941 geboren, die Mutter macht sich bald nach seiner Geburt in die USA davon. Er wird vom prominenten Hamburger Nazifunktionär Peter Ernst Eiffe sen. adoptiert, rebelliert aber nicht gegen ihn, sondern bemüht sich, den Ansprüchen der Familie gerecht zu werden. Er geht zum Bund, versucht sich an einem Studium der Wirtschaftswissenschaften, dann an einer Ausbildung im Statistischen Landesamt, die er abbrechen muss, nachdem er in seinem Büro ein Bismarckbild aufgehängt hatte, das er mit »Nuditätenpostkarten« umkränzte.

Und dann kommt die APO und Eiffes kurzer Frühsommer der Anarchie. Im Mai 1968 avanciert er binnen weniger Wochen – die Angaben schwanken von zwei Monaten bis zu nur zehn Tagen – zu einer Kultfigur, wie man heute sagen würde. Mit einem Filzstift bekritzelt er unermüdlich Verkehrsschilder, Zebrastreifen, Werbeplakate und kommentiert und konterkariert parodistisch die Ernsthaftigkeit öffentlicher Angelegenheiten. Ein Plakat mit Milchwerbung versah Eiffe mit dem Hinweis »Eiffe trinkt auch Milch«, ein »Einfahrt verboten«-Schild mit der Drohung »Eiffe schimpft sonst«. Das war lustig und gefiel naturgemäß einem wie Fritz Teufel, der ihn nach Berlin eingeladen haben soll, ernsthafteren Genossinnen und Genossen dagegen weniger. Eiffe provozierte als Politclown bei Veranstaltungen im Audimax der Uni Hamburg, und als er mit seinem Fiat in die Wandelhalle des Hauptbahnhofs hineinfuhr, um dort die »freie Eiffe-Republik« auszurufen, war seine kurze Wirkungszeit auch schon vorbei. Eiffe wurde in die Psychiatrie eingewiesen, erst in Hamburg-Ochsenzoll, schließlich im schleswig-holsteinischen Rickling. Am Heiligabend 1983 verschwand er aus der Anstalt, im März 1984 wurde seine Leiche in einem nahegelegenen Moor gefunden.

Wer also war Eiffe? Im von der »thede«, einem Kollektiv Hamburger Dokumentarfilmerinnen und -filmer, herausgegebenen Band »Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb«, dem auch der gleichnamige Film von 1995 auf DVD beigelegt ist, versuchen neun Autorinnen und Autoren diese Frage zu beantworten. Aber eigentlich gibt es ja viele Fragen: War Eiffe einfach nur ein psychisch Kranker, oder hat er bewusst gehandelt, ist gar zum Opfer der Psychiatrie geworden? War er ein an Dada und Surrealismus geschulter Konzeptkünstler, der ein durchkalkuliertes Projekt umsetzte, oder handelte er intuitiv? War er als Vertreter der Spaßguerilla ein politisch denkender Kopf, oder nutzte er nur die Freiräume, die sich ihm boten, um einen narzisstischen Spieltrieb und Allmachtsphantasien auszutoben?

Das Schöne ist, dass alle diese Fragen nicht zu beantworten sind, dass man die unterschiedlichen Facetten der (Kunst-)Figur Eiffe aus nicht minder unterschiedlichen Perspektiven angehen kann – wie es in den Beiträgen des Buches geschieht. In gleichfalls äußerst unterschiedlicher Qualität (manchmal prätentiös-hagiographisch wie in Jorinde Reznikoffs »Porträtcollage«: »Sein Blick, wissend und sanft, deutet etwas an, was über unendliches Leid hinausweist«) befassen sie sich mit Aspekten seiner Biographie, seinem Schicksal als Anstaltsinsasse, seiner Rezeption in der DDR, schwerpunktmäßig seiner Rolle als Vorreiter von in Deutschland seinerseits noch unbekannten Phänomenen wie Street Art und Graffiti. Denn natürlich muss man Eiffes »Werk« aus seinem zeitgeschichtlichen Entstehungskontext betrachten, nur dann wird man nachvollziehen können, dass seine heute doch recht harmlos wirkenden Sprüche im Mai 1968 eine derart starke Wirkung entfalten konnten.

Beschlossen wird der reich bebilderte Band mit Interviewauszügen aus dem Film. Auch die Zeitzeugen, selbst alte Freunde wissen nicht recht, wer Eiffe wirklich war, können aber mit ihren Erinnerungsdetails zumindest in Fragmenten konkrete Wesenszüge verlebendigen bzw. die intellektuelle Eiffe-Rezeption auf mitunter sehr einfache Weise erden, etwa wenn ein ehemaliger Mitarbeiter der Anstalt in Rickling knapp auf den Punkt bringt, was die Essenz von Eiffes Wirkung ist: »dass jeder, der ihn kannte, ein kleines Mosaiksteinchen kannte und das für sich interpretiert hat, und ich glaube nicht, dass die Zusammenführung aller Mosaiksteinchen ein Bild von Eiffe ergäbe.« Das gilt freilich für uns alle, und für alle Versuche biographischer Annäherungen. Was den Fall Eiffe bis heute so faszinierend und einmalig macht: dass diesem rätselhaften Kerl ein paar Wochen gereicht haben, um so viel nachhaltige Verwirrung zu stiften.

Die thede (Hg.): Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb. Für die thede herausgegeben von Christian Bau in Zusammenarbeit mit Arthur Dieckhoff. Mit Film auf DVD. Assoziation A, Berlin 2019, 144 Seiten, 20 Euro

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